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«Ich glaube, Obama hat sich in etwas verrannt»

Von Jan Knüsel. Aktualisiert am 06.08.2009

Der 87-jährige Morris Jeppson war Mitglied der Besatzung, die vor genau 64 Jahren die Atombombe über Hiroshima abwarf. Obwohl eine Mehrheit der Amerikaner hinter dieser Mission steht, macht er sich Sorgen um sein Vermächtnis.

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Am 9. August 1945 wirft der B-29-Bomber «Bockscar» seine Atombombe über Nagasaki ab.
Bild: Keystone

   

Der Mann und die Bombe

Der 87-jährige Morris Jeppson ist zusammen mit Theodore Van Kirk die letzte noch lebende Person der Besatzung des B-29-Bombers «Enola Gay». Jeppsons Aufgabe war es die letzten Kontrollen und Vorbereitungen vor dem Bombenabwurf zu tätigen, indem er unter anderem die entsprechenden Sicherheitszünder zog.

Die erste Atombombe wurde am 6. August 1945 von Jeppsons Besatzung über Hiroshima abgeworfen.140'000 Menschen starben auf der Stelle. Beim zweiten Atombombenabwurf am9. August 1945 starben 80'000 Menschen. Zehntausende erkrankten später an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Bis heute sind nach offiziellen Angaben 263'945 Menschen durch die Angriffe oder direkten Nachwirkungen der Atombomben gestorben. 235'569 Menschen leiden heute noch unter den Folgen. Ihr Durchschnittsalter beträgt heute 76 Jahre.

Morris Jeppson erinnert sich in einem Interview mit der japanischen Tageszeitung «Mainichi Shimbun» noch ganz genau an den 6. August 1945. Der 87-Jährige war Mitglied der Besatzung der «Enola Gay», des B-29-Bombers, der vor genau 64 Jahren die Atombombe über Hiroshima abwarf: «Man konnte sehen, wie der Atompilz in die Höhe stieg und sich ein grosses Feuer ausbreitete. Das bedeutete viele Tote und Zerstörung. Und das war sicher keine fröhliche Angelegenheit.» Trotzdem glaubt Jeppson, dass der erstmalige Einsatz einer Nuklearwaffe entscheidend mithalf den Krieg vorzeitig zu beenden und damit weitere Opfer auf amerikanischer Seite verhindert werden konnten.

Eine Mehrheit in den USA teilt Jeppsons Meinung. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP hat ergeben, dass 61 Prozent der Amerikaner den Einsatz der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki auch heute noch gutheissen (1945 waren es 85 Prozent).

Nun sieht Morris Jeppson sein Geschichtsbild aber in Gefahr. «Als Atommacht – als die einzige, die schon eine Atomwaffe eingesetzt hat – haben die Vereinigten Staaten eine moralische Verantwortung zum Handeln», sagte US-Präsident Obama in einer historischen Rede vergangenen April. Es war seine Grundsatzrede für eine atomwaffenfreie Welt. Jeppson empfand die Aussage des US-Präsidenten als Affront. Ausgerechnet ein Amtsnachfolger von Präsident Harry Truman, der den Befehl zum Abwurf der Atombomben über Japan gab, sprach von einer «moralischen Verantwortung».

Die Angst um das Vermächtnis

«Ich glaube, Präsident Obama hat sich da in etwas verrannt. Er gibt den USA, welche die Atombombe eingesetzt haben, die Verantwortung. Das finde ich eine reichlich naive Aussage. Er wartet doch nur darauf, bis alle von unserer Generation gestorben sind!» ereifert sich Jeppson im Interview mit der «Mainichi Shimbun». Aus ihm spricht die Sorge, dass das Vermächtnis der Atombombenmission eines Tages als Verbrechen angesehen werden könnte, in einem Amerika, das zum grössten Teil den Zweiten Weltkrieg gar nicht mehr erlebt hat.

1945 war die Atombombe für viele Amerikaner die erlösende Waffe, die einen schrecklichen Krieg beendet hatte. Später sorgte sie in der bipolaren Welt des Kalten Krieges zuverlässig für das Gleichgewicht des Schreckens. Gerade das Wissen um die verheerende Wirkung der Atombombe verhinderte in jener Epoche einen weiteren Einsatz. Doch mit der rasanten Verbreitung der Massenvernichtungswaffe und der Gefahr des Terrorismus seit den 1990er-Jahren ist die Sorge um den Missbrauch akuter denn je. Aus dieser Perspektive, stellen laut AP-Umfrage vor allem die jüngeren Amerikaner, die nur wenig über den Zweiten Weltkrieg oder den Kalten Krieg wissen, den Einsatz von 1945 zunehmend in Frage.

«Yes, we can»

Morris Jeppson würde sich «wahrscheinlich schlecht» fühlen, wenn sich Obama in Hiroshima oder Nagasaki zeigen würde und er wäre «empört» sollte der Präsident sich einmal für die Taten in Japan entschuldigen. Soweit ist es aber noch nicht. Derweil würdigte Hiroshimas Bürgermeister, Tadatoshi Akiba, in der Gedenkrede zum 64. Jahrestag der Atombomben-Abwürfe die Prager Grundsatzrede Präsident Obamas bereits mit den Worten «Yes, we can». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2009, 14:38 Uhr

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