«Ich habe eine Matratze – der reinste Luxus»
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Besonders getroffen vom Beben der Stärke 7,0 wurden die ärmeren Viertel, wo die Bausubstanz sehr schlecht ist.
«Ich habe keinerlei Plünderungen oder Gewalttätigkeiten erlebt»: «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Sandro Benini.
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Immer noch Hoffnung auf Rettungen
Seit dem Erdbeben in Haiti vor einer Woche sind nach Angaben der UNO mehr als 90 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen worden. An den Bergungsaktionen beteiligt waren waren 52 Rettungsteams mit 1820 Teilnehmern und 175 Hunden.
Die Rettungseinsätze und humanitären Anstrengungen konzentrierten sich nun auf Gebiete ausserhalb der Hauptstadt Port-au-Prince, sagte die Sprecherin des UNO-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten, Elisabeth Byrs, am Dienstag in Genf. Auch sechs Tage nach dem schweren Erdstoss bestehe immer noch Hoffnung, Überlebende aus den Trümmern zu bergen.
«Die Bevölkerung kooperiert»
Laut Byrs ist die Sicherheitslage im Erdbebengebiet trotz einiger Zwischenfälle wie Plünderungen und Gewalt relativ stabil. «Die Lage ist angespannt, aber ruhig. Die Bevölkerung kooperiert», sagte Byrs. «Die Lage ist unter Kontrolle.»
Die haitianische Regierung forderte Menschen mit Verwandten auf dem Land zum Verlassen der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince auf. Bei dem schweren Beben starben mindestens 70'000 Menschen, Experten rechnen inzwischen mit bis zu 200'000 Todesopfern. (sda)
Herr Benini, Sie sind seit 48 Stunden auf Haiti – was hat sie in dieser Zeit am meisten bewegt?
Ein kurzer Besuch im grössten Spital der Stadt. Da dachte ich, ich wäre besser Arzt geworden. Und ein Massengrab auf einem Friedhof war auch grässlich. Aber grässlich ist hier ohnehin fast alles. Das Ausmass der Zerstörung ist viel grösser, als ich es mir vorgestellt hatte.
Die Meldungen über die Sicherheitslage sind widersprüchlich. Mal ist von Plünderungen die Rede, gar von Lynchjustiz. Dann heisst es wieder, die Lage sei ruhig. Was stimmt nun?
Die Transport- und Kommunikationsmittel sind nach wie vor eingeschränkt, deshalb ist es schwierig, sich eine Übersicht zu verschaffen. Ich war gestern den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, auch in den am schlimmsten betroffenen Gebieten. Ich habe keinerlei Plünderungen oder Gewalttätigkeiten erlebt. Das heisst aber natürlich nicht, dass sie anderswo nicht vorkommen.
Nachrichtenagenturen berichten, die Haitianer würden sich gegeneinander wenden und kämpften um Nahrung und um Wasser. Treffen dieses dramatischen Schilderungen zu?
Die Stimmung droht zu kippen, aber wirklich geschehen ist das bisher nicht. Entscheidend dürfte sein, wie schnell und effizient Hilfe geleistet wird und ob die zusätzlich eintreffenden US-Soldaten für Sicherheit sorgen können. Es gibt aber ein Szenario, das die ohnehin unvorstellbare Katastrophe noch potenzieren würde: Wenn es in den nächsten Tagen heftig zu regnen begänne. Zehntausende von Obdachlosen, die auf der Strasse oder in gigantischen Zeltlagern leben, und dann wird womöglich alles weggeschwemmt – das wäre unvorstellbar.
Gibt es so etwas wie Ordnungskräfte auf den Strassen?
Ab und zu sieht man Blauhelmsoldaten. Von haitianischen Ordnungskräften ist wenig zu sehen.
Was ist mit den Gefängnissen? Tausende Häftlinge seien aus eingestürzten Gefängnissen ausgebrochen.
Das trifft zu – ist aber inmitten des ganzen Desasters nicht das schlimmste Problem.
Bewegen Sie sich alleine?
Manchmal. Aber meistens tun sich ein paar Journalisten zusammen und mieten ein Auto mit Fahrer. Die Preise für solche Dienste sind im Moment derart hoch, dass es besser ist, die Kosten zu teilen. Und sicherer ist es natürlich auch, wenn man nicht alleine unterwegs ist.
Wie begegnet die Bevölkerung den Medienleuten?
Die Bevölkerung habe ich bisher als sehr freundlich und liebenswert erlebt. Angesichts der Lage ist es erstaunlich und bewundernswert, dass es bisher nicht zu grossen Unruhen gekommen ist. Und ich hätte in einer solchen Situation auch absolut keine Lust, irgendwelche Fragen ausländischer Journalisten zu beantworten. Bisher waren aber alle bereit, Auskunft zu geben.
Wo sind Sie untergebracht?
Im Garten eines Hotels. Da viele Hotels zerstört wurden, gibt es nirgendwo mehr freie Zimmer. Ich habe aber eine Matratze. Im Vergleich zu dem, was man ausserhalb des Hotels sieht, der reinste Luxus.
Wie kommen Sie zu Ihrer Verpflegung?
Auf der Strasse gibt es allmählich wieder Leute, die Lebensmittel verkaufen. Auf tiefer Stufe kommt der Handel so langsam in Gang. Die Geschäfte sind jedoch noch ausnahmslos geschlossen. Aber wenn man bezahlen kann, ist es eigentlich kein Problem, Nahrung zu bekommen. Es gibt auch ein paar Restaurants, die den Betrieb wieder aufgenommen haben.
Wie steht es mit Strom, Wasser und Telekommunikation?
Strom und Wasser gibt es momentan nur für jene, die einen Notaggregator oder Reservetanks zur Verfügung haben. Nachts ist die Stadt fast vollständig dunkel. Das Handynetz funktioniert wieder einigermassen, aber meistens nur für das Versenden von SMS.
Kommt die Hilfe jetzt bei den Menschen an?
Die Uno und die internationalen Hilfswerke scheinen die Situation allmählich etwas besser in den Griff zu bekommen. Sie sind gegenwärtig dabei, eine Logistik für die Verteilung von Lebensmitteln, Medikamenten, Zeltplanen usw. aufzubauen. Ob diese dann auch wirklich flächendeckend funktioniert, wird sich aber erst in den kommenden Tagen zeigen. Und eine beträchtliche Hoffnung setzt man auf die zusätzlichen Soldaten aus den USA.
Hoffen die Bergungstrupps immer noch, Überlebende zu finden?
Die Chancen sind mittlerweile wohl so gut wie null. Aber es gibt ja bei fast jedem Erdbeben Fälle von Verschütteten, die nach einer Woche oder mehr gefunden werden. Gestern hat mir ein Rettungsmann aus Mexiko erzählt, dass er die Hoffnung noch nicht völlig aufgegeben habe. Es sind wirklich ganze Viertel vollständig eingestürzt. Insgesamt dürften etwa 70 bis 80 Prozent der Häuser in Port-au-Prince stark beschädigt sein oder in Trümmern liegen. Es gibt in der ganzen Stadt derart viele Ruinen, dass man unter mehreren noch gar nicht nach Verschütteten suchen konnte.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 19.01.2010, 17:08 Uhr
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