In Haditha ist man fassungslos, enttäuscht, empört

Von Barbara Surk, Faris Mohammed, AP . Aktualisiert am 25.01.2012 98 Kommentare

Ein US-Marine verübte 2005 mit sieben weiteren Soldaten ein Massaker im irakischen Haditha mit 24 Toten. Ein Militärgericht entschied nun: Niemand muss hinter Gitter. In der Stadt Haditha kann man es nicht fassen.

1/4 Scheint zufrieden: Kriegsverbrecher Frank Wuterich mit seiner Verteidigerin in Camp Pendleton, Kalifornien. (24. Januar 2012)
Bild: AFP

   

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Das Massaker von Haditha, das das Image der USA im Irak-Krieg nachhaltig beschädigt hat, bleibt ungesühnt. Für eines der schwersten Kriegsverbrechen der US-Armee im Irak muss auch der hauptverantwortliche Soldat nicht ins Gefängnis.

Ein Militärgericht in Kalifornien verurteilte den Unteroffizier Frank Wuterich zwar zu 90 Tagen Haft, doch muss er die Strafe wegen einer Abmachung zwischen Anklage und Verteidigung nicht absitzen.

Im Stich gelassen

Die Einwohner von Haditha sind fassungslos, enttäuscht, empört: Das Massaker amerikanischer Soldaten an 24 unbewaffneten Zivilpersonen, darunter auch Frauen und Kinder, im Jahr 2005 bleibt ungesühnt. Auch der letzte der Angeklagten kommt ohne Haftstrafe davon. Die Menschen in Haditha fühlen sich nicht nur von der US-Militärjustiz im Stich gelassen. Ihr Zorn richtet sich auch gegen die eigene Regierung, die das Blutbad nicht verurteilen und wenigstens versuchen will, die Verantwortlichen selbst vor Gericht zu stellen.

Ein Militärgericht in Kalifornien entschied gegen eine Haftstrafe für den 31-jährigen Frank Wuterich. Der Unteroffizier der US-Marines hatte eingeräumt, seinen Untergebenen damals befohlen zu haben: «Erst schiessen, dann fragen.» Er habe aber nicht auf Unschuldige gezielt, sondern eine Bedrohung abwenden und seine Leute retten wollen. Er bekannte sich einer Pflichtverletzung schuldig und wird dafür dank einer Absprache mit der Anklage zwar degradiert, muss aber nicht ins Gefängnis.

«Wir sind zutiefst enttäuscht über diesen unfairen Deal», sagte der Lokalpolitiker Chalid Salman Rasif aus Haditha. «Der US-Soldat bekommt eine Strafe, die einem Verstoss gegen die Verkehrsregeln angemessen wäre.» Die rund 85'000 Einwohner der Stadt im Euphrat-Tal etwa 220 Kilometer nordwestlich von Bagdad sind überwiegend sunnitische Muslime. Mit dem Sturz Saddam Husseins haben die Sunniten im Irak an Einfluss verloren und fühlen sich unter der schiitischen Regierung mehr und mehr in die Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Bagdad schweigt still

«Wir machen irakische Politiker verantwortlich, weil sie nichts unternommen haben, um die Verbrecher vor Gericht zu bringen», sagt Nadschi Fahmi. Der 45-jährige Staatsbedienstete hatte damals selbst einen Bauchschuss davongetragen. Bagdad dürfe die US-Soldaten nicht mit Mord davonkommen lassen, fordern auch andere. «Die sollten die Iraker beschützen, nicht töten», betont der sunnitische Abgeordnete Hamid al Mutlak. «Das ist ein Skandal und eine Schande für die amerikanische Justiz», erregt sich Muhammad Muhsin, ein Ladenbesitzer aus Haditha. «Die irakische Regierung trägt Verantwortung dafür, dass diese Kriminellen mit ihrem abscheulichen Verbrechen davonkommen. Wir verlangen, dass die irakische Regierung schleunigst handelt, um die Rechte der Opfer zu wahren und sicherzustellen, dass die Mörder bekommen, was sie verdienen.»

«Wir haben mit dieser Sache nichts zu tun», sagte der stellvertretende Justizminister Buscho Ibrahim der Nachrichtenagentur AP auf Anfrage. Ein Sprecher von Ministerpräsident Nuri al-Maliki erklärte, eine etwaige Stellungnahme bedürfe eingehender Prüfung. Die Leute von Haditha wüssten nicht, was es noch zu prüfen gäbe. «Diese Absprache ist ein weiteres Verbrechen an den Opfern und ihren Familien», empört sich Jussuf Ajid, der bei dem Blutbad vier Brüder verloren hat. «Es macht uns traurig, dass die Verbrecher der Gerechtigkeit entgehen.»

Freisprüche und Verfahrenseinstellungen

Das Massaker am 19. November 2005 hatte dem Ruf der USA im Irak-Krieg, der durch die Gräuelfotos aus Abu Ghraib schon angeschlagen war, noch weiter geschadet. Zu der Zeit waren in Haditha sunnitische Aufständische und Al-Kaida-Kämpfer zugange, terrorisierten die Bevölkerung und kämpften gegen US-Soldaten. Drei Monate vorher waren sechs Marines von Aufständischen getötet und verstümmelt worden, zwei Tage später hatte eine Mine 14 Marineinfanteristen und einen Dolmetscher zerrissen. Als ein Kamerad bei einem Bombenanschlag getötet und ein weiterer verletzt wurde, führte Wuterich seine Einheit in den Einsatz.

Nachdem zuerst offiziell von einem Überfall auf eine amerikanisch-irakische Streife die Rede war, führte ein 2006 veröffentlichtes Video mit Aufnahmen toter Frauen und Kinder zur Anklage gegen insgesamt acht Soldaten. Das Verfahren schleppte sich jahrelang hin und war mit Fehlern behaftet, Beschuldigte logen und sagten später gegen Einstellung des Verfahrens als Zeugen aus. Die Prozesse gegen sieben Soldaten endeten mit Freispruch oder Einstellung. Jahrelang hatten die Militärstaatsanwälte an der Anklage gearbeitet, die Wuterich als letzten der Beschuldigten wegen Totschlags hätte lebenslang hinter Gitter bringen können. Doch nur wenige Wochen nach Prozessbeginn boten sie ihm die Absprache an, die ihm eine Haftstrafe ersparte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2012, 15:12 Uhr

98

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

98 Kommentare

Peter Zinsli

25.01.2012, 09:30 Uhr
Melden 147 Empfehlung

90 Tage für gemeine Morde, aber stolze bis zu 20 Jahre für die Betreiber eines Download Dienst! Dies noch im Namen Gottes, so muss man sich nicht wundern wenn sich Wiederstand & Terror gegen die Christen richtet. Dazu sind solche Menschen nicht im geringsten besser als die, die sie bekämpfen. Amerika ist zur grössten Kapitalistischen Schmarotzer Nation verkommen mit Terroristischer Veranlagungen! Antworten


Jörg Müller

25.01.2012, 07:49 Uhr
Melden 118 Empfehlung

Wenn die Amerikaner so versuchen, der arabischen Welt ihre Form der Demokratie und ihr Rechtverständnis zu vermitteln, dann darf man sich nicht wundern, dass dort der westliche Stil langsam nicht mehr geschätzt wird wird und islamistische Parteien die Wahln gewinnen.
Es reicht nicht, nur die Schlacht zu gewinnen, um das Land zu befreien und die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen.
Antworten



Ausland

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

Telefonbuch

Marktplatz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Regulatory Affairs Manager Jörg Lienert, Jonen

Bauherrenvertreter / Projektmanager (m/w) Dietziker Partner Baumanagement AG, Basel

Leiter Entwicklung / Konstruktion (Maschineningenieur FH) ABS Personalberatung AG, FR AG BE ...