Ausland

Krise der Medien? Sektenzeitung knackt bald 40-Mio-Grenze

Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 20.05.2009

Die Krise der Printmedien in den Vereinigten Staaten und Europa geht am Magazin «Wachtturm», dem publizistischen Zentralorgan der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, vorbei. Die Auflage steigt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

Knackt bald die 40-Millionen-Marke: Magazin «Wachtturm» der Zeugen Jehovas.

Knackt bald die 40-Millionen-Marke: Magazin «Wachtturm» der Zeugen Jehovas.

Bald wird so manche Tageszeitung nur noch als Einbund-Postille mit einer Auflage von weniger als 1000 Exemplaren erscheinen, derweil die ehemaligen Mitarbeiter bei McDonald’s Hamburger braten. Dabei gibt es, dem Untergangsszenario zum Trotz, eine leuchtende Ausnahme, nämlich ein Printmagazin, das monatlich in 174 Ländern erscheint, nichts kostet und eine Auflage von über 37 (!!!) Millionen hat: Der «Wachtturm», das publizistische Zentralorgan der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Erfolgsstory seit 1879

Das Magazin ist vom schrumpfenden Werbemarkt für Printmedien nicht betroffen, da nur für Gott geworben wird. Seit der Erstausgabe 1879 unter Chefredaktor Charles Taze Russell sind insgesamt 5.7 Milliarden Magazine vertrieben worden, deren Gesamtgewicht über 700'000 Tonnen beträgt. Stapelte man die bisher erschienenen «Wachttürme» aufeinander, erreichten sie die schwindelerregende Höhe von rund 48'000 Kilometern – eine Erfolgsstory, die so manchen Schweizer Chefredaktor und Verleger zum Praktikum nach Walkill im Staat New York führen sollte, wo das Magazin gemacht wird.

Zwar wird der «Wachtturm» wie «20 minuten» gratis angeboten, doch werden kleine Spenden gern angenommen – ein pekuniärer Ausweg vielleicht für kostenpflichtige Abo-Zeitungen, deren Geschäftsmodell verdampft ist? Warum sollten bedrängte Redaktoren und Verlagsmanager ihr Produkt nicht selber für einen bescheidenen Obolus vertreiben, etwa auf dem Zürcher Hauptbahnhof, und dergestalt dem «Wachtturm» nacheifern, bei dem es sich nachweislich um ein Qualitätsprodukt handelt?

Multimedial

Selbst Auslandskorrespondenzen leistet sich der «Wachtturm» in Form von Komitees von Schreibenden, die sich aus allen Ecken und Enden der Welt zu Wort melden. Überdies erzielt das Magazin beträchliche Synergie-Effekte: Es ist in Blindenschrift erhältlich, wird seit 1988 auf Tonbandkassetten vertrieben und seit 2004 auf CD. Ausserdem steigt die Auflage von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und dürfte in naher Zukunft auf die 40-Millionen-Marke zusteuern – womit das Magazin wie geschaffen wäre für die Übernahme durch einen aggressiven Schweizer Medienkonzern. Worauf wartet man noch? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2009, 13:31 Uhr

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