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«Jetzt kommen die Russen zurück und die Chinesen bauen aus»

Die USA drohen ihre Vormachtstellung als Atom-Supermacht zu verlieren: Bald müssen sie ihre Atomwaffen erneuern, das könnte bis zu 1 Billion Dollar kosten. «Unbezahlbar», sagen Experten.

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Die USA prüfen Missstände bei der zivilen und militärischen Verwaltung ihres Atomarsenals. In wenigen Wochen soll ein Bericht über «Lücken und Defizite» vorliegen, den Verteidigungsminister Chuck Hagel angefordert hat. Schon jetzt räumte der Chef der zivilen Atomverwaltung NNSA, Frank Klotz, in einem Interview tieferliegende Probleme ein.

«Meine Generation wuchs im Kalten Krieg auf, als nukleare Abschreckung und die nukleare Abschreckungsmacht im Mittelpunkt standen», sagte Klotz, dessen Behörde zum Energieministerium gehört. «Nach Ende des Kalten Kriegs war es fast so, als ob wir alle einen Stossseufzer von uns gegeben und gesagt hätten: ‹Zum Glück müssen wir uns darüber keine Gedanken mehr machen.› Offen gesagt: Wir haben den Fokus verloren.».

Mehr als Einzelfälle

Die Nachrichtenagentur AP hatte im Frühjahr eine Reihe von Schwierigkeiten aufgedeckt, die Hagel im Februar zu der Untersuchung veranlassten. So fand AP unter anderem heraus, dass Sicherheitsinspektionen versäumt, die Ausbildung des für das Atomarsenal zuständigen Personals vernachlässigt und bei der Überprüfung von Sicherheitsstandards geschludert worden war. Wegen Fehlern wurden 34 Soldaten von ihren Positionen gefeuert. Hagel mahnte schon im Januar von seinen Untergebenen kurz- und langfristige Lösungen an.

Doch scheint es nicht nur um Einzelfälle zu gehen. Experten vermuten, dass das Management der Atomstreitmacht insgesamt gelitten hat, weil sie nach Ende des Kalten Kriegs nicht mehr so wichtig genommen wurde. Verschärft wurden die Probleme demnach durch Haushaltszwänge und schwindenden politischen Rückhalt für das Atomarsenal.

Erneuerung steht an

Die US-Regierung und der Kongress hätten es erlaubt, dass sich die zuständigen Stellen nur noch «durchwursteln», stellte ein Beratergremium des US-Parlaments im Frühjahr fest – und das, obwohl die USA nach wie vor über Tausende Atomsprengköpfe verfügen und in absehbarer Zeit eine Entscheidung über die mögliche Erneuerung des Arsenals ansteht.

«Diese fehlende Aufmerksamkeit hat zu öffentlicher Verwirrung geführt, zu Misstrauen im Kongress und zu einer ernsthaften Erosion der Fürsprache, der Expertise und Kenntnisse beim Erhalt» der nuklearen Schlagkraft, schrieb das Gremium in einem Bericht vom April, der bald aktualisiert werden soll. Geführt wurde das Panel von Ex-Admiral Richard Mies, einst Kommandeur des Strategischen Einsatzkommandos der USA und damit zuständig für die Nuklearstreitmacht, und von Norman Augustine, früher Chef des Rüstungskonzerns Lockheed Martin.

Geringe Investitionen

Das Gremium warf Washington vor, sich von dem Thema verabschiedet zu haben. Es gebe keine Vision der Regierung, wie das künftige Atomarsenal aussehen solle. Die Atomverwaltung NNSA steuere auf eine Krise zu. Sie habe Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Regierung eingebüsst. NNSA-Chef Klotz führt dagegen an, dass es eine «phänomenale Leistung» sei, das Atomarsenal bereit zu halten, obwohl seit mehr als 20 Jahre keine unterirdischen Tests mehr stattfänden.

Der Direktor des Atomwaffenlabors in Los Alamos, Charles F. McMillan, beklagte bei einer Anhörung im Senat, dass die USA zu wenig Geld in Wissenschaft, Technologie und Ingenieurswissen investierten. Auch der Kongress hat aus Sicht von Kritikern kaum Interesse, die Probleme anzugehen – wenn es nicht gerade um Arbeitsplätze in Atomanlagen in einzelnen Wahlbezirken geht.

Bis zu einer Billion Dollar

Selbst jenen, die atomare Abschreckung für notwendig halten, wird schwindelig bei dem Gedanken, wie viel Geld notwendig sein wird, um das Atomarsenal zu erneuern. Von bis zu einer Billion Dollar ist die Rede. «Unbezahlbar», schlossen Experten bei der Durchsicht des jüngsten Verteidigungshaushalts.

John Hamre vom Center for Strategic and International Studies glaubt allerdings, dass man es sich so einfach nicht machen kann. Denn andere Länder investierten sehr wohl in Atomwaffen. Früher sei es um den Wettbewerb mit der Sowjetunion gegangen. «Jetzt kommen die Russen zurück, die Chinesen bauen ihr Arsenal aus», sagt Hamre. In den USA dagegen gebe es bei diesem Thema einen ernsthaften Niedergang. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2014, 18:28 Uhr)

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