Keine Geduld für Störenfriede
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 07.08.2010 1 Kommentar
Kontroverse um US-Juden
Das Projekt eines islamischen Zentrums bei Ground Zero hat in den USA auch eine innerjüdische Kontroverse ausgelöst. Nachdem Abe Foxman, der Sprecher der Anti-Defamation League (ADL), sich dagegen ausgesprochen hatte, erhoben sich zahlreiche Stimmen liberaler Juden gegen dessen Position. Foxman machte vor allem geltend, es sei unsensibel gegenüber den Opfern von 9/11 und «kontraproduktiv», gerade an diesem Ort zu bauen. Seine Kritiker, unter ihnen verschiedene Rabbiner oder die neue proisraelische Lobby J Street, sprachen von «Schande» und warfen der ADL «Scheinheiligkeit» vor. J Street hat mittlerweile zehntausend Unterschriften für den Bau des Zentrums gesammelt. Foxman hält seinen Kritikern entgegen, er spreche lediglich vom Standort; woanders hätten die Initiatoren des Zentrums jedes Recht zu bauen. (ckr)
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Noch ist der Wirbel um den Bau eines muslimischen Gemeinschaftszentrums in der Nähe von Ground Zero – dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 – nicht abgeklungen. Doch Bürgermeister Michael Bloomberg hat die Akte geschlossen. Das Bauvorhaben für 100?Millionen Dollar wird er rasch voranbringen, damit es, wie die sieben Hochhäuser, die das World Trade Center ersetzen sollen, der Stadt mehr Jobs und Einnahmen verschaffen kann.
Das muslimische Zentrum ist keine Moschee, auch ein Minarett ist nicht vorgesehen. Was Investoren rund um den gemässigten Geistlichen Feisal Abdul Rauf auf 15 Stockwerken hochziehen wollen, ist eine Gemeinschaftsanlage mit Theater, Sporthalle, Schwimmbad, Restaurant und Gebetsraum. Nichts anderes also, als andere religiöse Gemeinschaften ihren Angehörigen auch anbieten in einer Stadt, in der mehr als 40 Prozent der Einwohner Englisch nicht als Muttersprache haben. Wie etwa die grossen Begegnungsstätten der jüdischen Gemeinde wird auch das muslimische «Cordoba House» Vertreter anderer Religionen einladen und in den Verwaltungsrat aufnehmen. Und die Veranstaltungen werden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein.
Schrille Palin
Anders ginge es auch nicht in New York, das seit je die religiöse Toleranz als Frage des gesunden Menschenverstandes und rationalen Geschäftssinnes versteht und nicht als philosophisch-spirituelles Abenteuer. Deshalb war es bezeichnend, dass der Lärm um den Bau des Zentrums von aussen angestachelt werden musste, um im ganzen Land gehört zu werden. Aktiv waren die üblichen Brandstifter aus dem rechten Spektrum, insbesondere Newt Gingrich und die zunehmend schriller auftretende Sarah Palin. Die Ex-Gouverneurin wollte mit Einträgen auf Facebook und Twitter einen Erfolg einfahren, hatte jedoch nicht mit dem Widerstand von Michael Bloomberg gerechnet.
«Nur um es klarzustellen, Palin ist keine Rassistin», sagte der Bürgermeister. Mit dieser Bemerkung nahm Bloomberg der Debatte den gehässigen Ton und brachte sie zurück auf den Boden der New Yorker Realität. Umgeben von Geistlichen der grossen Religionen, darunter drei Rabbinern, umging er so die Falle, in die seine Kritiker getreten waren. Wenn die Stadt den Bau eines muslimischen Zentrums verhindern würde, so würde sie den Fundamentalisten aller Religionen in die Hände spielen, so Bloomberg. Auf die Terroranschläge von damals, die gegen Amerika und nicht gegen eine bestimmte Religion gerichtet waren, mit der Ablehnung einer Baubewilligung zu reagieren, gäbe den Terroristen auf perverse Art recht.
New York als sicherer Hafen
Bloomberg sprach in seiner beherzten Rede aber vor allem über die Tradition der Stadt als sicherer Hafen für Einwanderer aller Nationen und Religionen. Bloomberg selbst stammt von jüdisch-russischen Immigranten ab. «Die freieste Stadt der Welt», so der Bürgermeister, «bleibt nur frei, wenn sie die Grundrechte für alle bewahrt.»
In der Hochburg des Kapitalismus spielt der Schutz des Grundeigentums eine entscheidende Rolle. Wenn private Investoren in Manhattan Land kaufen und ein religiöses Zentrum bauen wollen, dann ist das ihr Recht. Und ein Bürgermeister, für den die Erneuerung der nach der Finanzkrise angeschlagenen Metropole höchste Priorität hat, ist gut beraten, die unternehmerische Freiheit hochzuhalten. Besonders und gerade dann, wenn sie wie in New York Hand in Hand geht mit der religiösen Toleranz.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2010, 21:15 Uhr
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