Kellyanne Conway in Twitter-Turbulenzen

Trumps Beraterin behauptet, jemand habe ihr Twitter-Konto manipuliert. Twitter-User glauben, sie werde bald entlassen. Stattdessen hat sie einen neuen «Follower».

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Im antiken Griechenland erwarteten die Menschen monatlich mit pochendem Herzen die Weissagungen des Orakels von Delphi. Der moderne Zeitgenosse – insbesondere, wenn es sich um eine Journalistin, einen Reporter, einen politischen Analysten handelt – greift jede Viertelstunde in gruselnder Anspannung zum Handy, um nachzuschauen, ob Donald Trump oder jemand aus seinem Umfeld einen Tweet abgesetzt hat.

Der amerikanische Blog Gizmodo schreibt: «Twitter ist zu einer wichtigen Informationsquelle geworden, wenn man wissen will, was zum Teufel (what the fuck) in diesem Land passiert. Das ist verrückt, aber was noch verrückter ist: Die einzige Person, die häufiger auf Twitter zu blicken scheint als Journalisten auf der Suche nach einem Scoop, ist der Präsident der Vereinigten Staaten selber.»

Der demokratische Senator und gescheiterte demokratische Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders zeigte sogar während einer Debatte den Ausdruck eines Trump-Tweets.

Trump-Tweet als Beleg für die Widersprüche des Präsidenten. (Bild: Screenshot)

Welche Bedeutung dem sozialen Nachrichtendienst Twitter in der fiebrig-nervösen Atmosphäre zukommt, die gegenwärtig im Weissen Haus herrscht, zeigt auch die jüngste Episode um Kellyanne Conway. Die ehemalige Wahlkampfmanagerin und heutige Beraterin des amerikanischen Präsidenten steht unter Druck, weil sie beim rechten Fernsehsender Fox News Werbung für die Modelinie von Ivanka Trump machte, einer Tochter des Staatschefs. Zuvor hatte sie Trumps nachweislich falsche Angaben über die Zuschauerzahl bei seiner Inauguration als «alternative Fakten» bezeichnet und von einem islamistisch motivierten Massaker gesprochen, das gar nicht stattgefunden hatte. Ausserdem soll sie bei einem Ball an den Einführungsfeiern des Präsidenten in eine Prügelei verwickelt gewesen sein.

Conways Twitter-Account hat nun gleich zweimal Aufregung, Gerüchte und Spekulationen provoziert. Die 50-jährige Juristin, Meinungsforscherin und Autorin, die Trumps schlingernden Wahlkampf auf Kurs gebracht und damit entscheidend zu seinem Sieg beigetragen hatte, retweetete den Eintrag eines Bewunderers:

Der User mit dem Nicknamen Lib Hypocrisy (Linke Heuchelei) schreibt: «Deine Stärke und Widerstandsfähigkeit gegenüber dem abscheulichem Hass, der Heuchelei und dem Sexismus der durchgeknallten Linken ist eine tägliche Inspiration. Ich liebe dich.»

Worauf Conway antwortete: «Liebe dich ebenfalls. Schöner Valentinstag den unglückseligen Hassern.»

Später musste Trumps Beraterin den Tweet eilig löschen, weil sich herausstellte, dass es sich bei Lib Hypocrisy um einen weissen Rassisten und Extremisten handelt:

Conway behauptete, nicht sie habe den Eintrag retweetet, sondern jemand, der sich Zugang zu ihrem Twitter-Konto verschafft habe. «Ich muss abklären, wer das war. Das ist schrecklich», sagte sie einem Journalisten, und fügte hinzu: «Jeder macht einmal einen Fehler.»

Damit waren Conways Twitter-Turbulenzen aber noch nicht zu Ende. Denn der junge Unternehmer William Le Gate bemerkte Beunruhigendes: Donald Trump hatte Conway «entfollowed», will heissen: Er verfolgte auf seinem Twitter-Account die Einträge seiner Beraterin nicht mehr, und dasselbe gelte für den Twitter-Account des Weissen Hauses.

Die Aufregung im Internet war gross. Hatte sich Trump zu diesem demütigenden Schritt entschlossen, weil er Conway feuern wollte? Und würde er diesen Entschluss über Twitter mitteilen?

Es war das Medienportal «Buzzfeed», das Entwarnung gab. Denn Trumps Twitter-Einträge werden von 25 Millionen Menschen verfolgt (gefollowed), er selber aber tut dies nur bei einer erlesenen Schar von 43 Konten – darunter der Account eines seiner Hotels, jene seiner Töchter sowie bis vor kurzem einer, dessen Betreiber Katzenbilder publiziert. Den hat er aber inzwischen wieder «entfollowed». Conways Einträge hingegen hatte der Präsident gar nie verfolgt, weshalb er sie auch nicht von seiner Interessenliste gestrichen haben kann.

Für Conway hatte das ganze Twitter-Theater immerhin ein Happy Ending. Denn um die Temperatur in der Gerüchteküche zu senken, hat sich ein neuer «Follower» bei ihrem Twitter-Account eingetragen: Präsident Donald Trump.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 19:26 Uhr

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