Kriegsszenen in einem Spital von Buenos Aires
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 20.01.2012 1 Kommentar
«Wir Ärzte haben Angst»: Dr. Marcelo Struminger über die unhaltbaren Zustände im Spital Santojanni. (Quelle: Youtube)
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Mord im Wartesaal: Der stehende Mann hat gerade einen 22-Jährigen erstochen, der hinter den Getränkeautomaten sitzt. (Screenshot: Youtube)
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Hört man die Interviews, die Marcelo Struminger argentinischen Medien gegeben hat, dann könnte man meinen, er sei Chirurg in einem Kriegsgebiet. Dabei ist er der Sprecher der Ärztevereinigung des Spitals Santojanni in Buenos Aires. «Wir sind in Gottes Hand», sagt Struminger. «Jeder kommt einfach ins Spital und macht, was er will. Wir Ärzte haben Angst. Wir fordern den Einsatz der Polizei, um diesen Zuständen ein Ende zu setzen.»
Wie schlimm die Zustände sind, zeigte sich am Mittwoch, als der Fanclub des Fussballvereins Chicago – argentinische Mannschaften tragen häufig englische oder amerikanische Namen – ins Spital eindrang. Doch was bedeutet überhaupt Fanclub? Die «barras bravas» (wilde Banden) genannten Organisationen sind nicht nur dazu da, ihre Mannschaft anzufeuern und die Ehre ihrer Stadt oder ihres Viertels hochzuhalten. Sie sind auch keine blossen Hooligans.
Sie handeln mit Fanartikeln und Drogen
Eine «barra brava» ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine kriminelle Organisation mit grosser wirtschaftlicher Macht. Ihre Mitglieder arbeiten oft mit der jeweiligen Vereinsleitung zusammen, um vor den Stadien Parkgebühren einzutreiben. Sie erhalten gratis Eintrittskarten, die sie unter der Hand weiterverkaufen. Sie handeln mit Fanartikeln ebenso wie mit Drogen. Sie liefern sich mit verfeindeten Hooligangruppen Stadion- und Strassenschlachten von unglaublicher Brutalität. Sie haben oft enge Verbindungen zu politischen Parteien, und wenn eine davon einmal eine Schlägertruppe braucht, um einen Anlass zu bewachen, in einem Saal für Ordnung zu sorgen oder die politischen Gegner einzuschüchtern: Die Fanclubs stellen sich gerne zur Verfügung.
Bewaffnet in den Gebärsaal
Wer es schafft, sich zum Chef einer «barra brava» aufzuschwingen, der ist in seinem Viertel ein kleiner Mafia-König und kann viel Geld verdienen. Bei den Chicago-Hooligans entbrannte deshalb ein tödlicher Streit um die Besetzung dieses begehrten Postens. Dabei wurde der 27-jährige Agustín Alejo Rodríguez erschlagen, während sein mutmasslicher Mörder Verletzungen erlitt und sich im Santojanni behandeln liess.
Die Freunde des Getöteten drangen ins Spital ein, um Rache zu üben. Eine Überwachungskamera hat die Szene gefilmt: Junge Männer, die krakeelend mit allem um sich werfen, was ihnen in die Hände fällt. Patienten, die davonlaufen, Ärzte, die sich ducken. Laut Struminger wurde zwar niemand verletzt, und es sei den Angreifern auch nicht gelungen, den angeblichen Mörder zu finden und zu lynchen. Sie seien aber bewaffnet in einen Saal eingedrungen, in dem eine Frau gerade am Gebären war.
Um zu sparen, zog die Landesregierung im vergangenen April sämtliche Bundespolizisten ab, die zuvor die 33 Spitäler der Hauptstadt rund um die Uhr bewacht hatten. Die Aufgabe obliege fortan den Behörden von Buenos Aires, lautete die Begründung. Derartiger Hickhack zwischen der linken Landes- und der rechten Stadtregierung ist in Argentinien an der Tagesordnung. Leidtragende sind in diesem Fall Patienten und Ärzte.
Bewaffnete Drogendealer bedrängen die Ärzte
Die Zustände seien nicht erst seit dem jüngsten Zwischenfall mit den Hooligans unhaltbar, klagt Struminger. Einen Monat nach dem Abzug der Polizei stach ein Angreifer einem 22-Jährigen, der im Wartesaal sass, ein Messer in den Hals und tötete ihn. Der Patient habe ihn zuvor ausgeraubt, behauptete der Täter.
«Oft torkeln hier Drogensüchtige rein, verlangen nach Medikamenten und werden handgreiflich, wenn sie diese nicht augenblicklich bekommen», so Struminger weiter. «Oder eine Schlägerei, die draussen begann, wird im Spital fortgesetzt. Unsere Ärzte werden beschimpft, bespuckt und herumgeschubst.» Ein wahrer Horror seien die sogenannten «mulas», die Maulesel: Zumeist junge Frauen, die in Fingerlinge verpackte Drogen schlucken, um sie im Magen versteckt ausser Landes zu bringen. Wenn sich die Gummibehälter wegen der Magensäure zersetzen und die Drogen austreten, schweben die «mulas» bei ihrer Einlieferung meist in Lebensgefahr. «Dann kommen irgendwelche bewaffneten Drogengangster hierher und wollen den Stoff zurück – Stoff, der sich im Körper einer Patientin befindet! Ein Arzt kann doch nicht jemanden behandeln, wenn er dabei bedroht wird.»
Das Spital Santojanni besitzt zwar private Wächter, doch seien diese unbewaffnet. Zudem sei es ihnen gesetzlich verboten, sich jemandem in den Weg zu stellen oder einen Konflikt zwischen Dritten durch den Einsatz physischer Gewalt zu beenden. Die betroffene Ärzteschaft ist bereits mehrmals in Streik getreten, genützt hat es nichts. In ihrer Verzweiflung und um auf sich aufmerksam zu machen, fordern die Doktoren nun etwas vollkommen Illusorisches: den Einsatz von Uno-Truppen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.01.2012, 12:32 Uhr
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