Analyse

Lateinamerika denkt um

In Lateinamerika wird der Drogenkonsum immer weiter entkriminalisiert. Kann so die Macht der Kartelle gebrochen werden?

Die Arbeit wird ihnen so oder so nicht ausgehen: Ein kolumbianischer Polizist präsentiert seinen Kokainfund. (Archivaufnahme 2010)

Die Arbeit wird ihnen so oder so nicht ausgehen: Ein kolumbianischer Polizist präsentiert seinen Kokainfund. (Archivaufnahme 2010) Bild: Keystone

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Die Warnungen in den einschlägigen, vor allem von Rucksacktouristen benutzten Lateinamerika-Reiseführern sind jeweils drastisch. Zum Beispiel im Footprint «Mexico & Central America»: «Drogenkonsumenten sollten besonders vorsichtig sein, denn einige Länder verhängen Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren, selbst wenn man illegale Substanzen lediglich besitzt, ohne mit ihnen zu handeln.»

Im Sinne einer gesundheitlichen Vorsorge mag die Mahnung nach wie vor berechtigt sein. Juristisch verliert sie jedoch zunehmend an Bedeutung. Was den Umgang mit Drogen betrifft, ist in Lateinamerika eine zweifache Revolution im Gange: zum einen, was die Gesetze bezüglich Drogenbesitz für den Eigenbedarf angeht. Zum anderen erklingt der Ruf nach grundsätzlicher Legalisierung immer lauter.

Umdenken auch im repressiven Kolumbien

Kolumbien ist das Land, in dem weltweit am meisten Kokain produziert wird. Vor einigen Wochen hat das Parlament einer Gesetzesvorlage zugestimmt, die Folgendes festhält: «Der Konsum, der Missbrauch und die Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen, ob legal oder illegal, betrifft die öffentliche Gesundheit. Drogensucht ist als Krankheit zu betrachten, welche die integrale Aufmerksamkeit vonseiten des Staates erfordert.» Will heissen: Der Staat soll einen Süchtigen nicht mehr einsperren, sondern ihm einen Therapieplatz zuweisen. Zwar gehört Kolumbien innerhalb Lateinamerikas zu den eher repressiven Ländern, wofür vor allem der ehemalige rechtskonservative Präsident Álvaro Uribe verantwortlich ist – ein Gegner jeder Milde gegenüber Drogenkonsumenten, selbst wenn sie nur kleinste Mengen besitzen. Das oberste Gericht des Landes hat jedoch vergangenes Jahr entschieden, es sei unzulässig, Drogenkonsumenten einzusperren, die mit weniger als einem Gramm Kokain oder weniger als 20 Gramm Marihuana erwischt werden.

In Argentinien hat das oberste Gericht 2009 ein ähnliches Urteil gefällt. In Mexiko ist es seit August 2009 erlaubt, 5 Gramm Cannabis, 2 Gramm Opium oder ein halbes Gramm Kokain mit sich herumzutragen. Brasilien verhängt seit 2006 für den Konsum keine Gefängnisstrafen mehr. Uruguay gehört weltweit zu den wenigen Ländern, in denen der Drogenbesitz zu persönlichem Konsum stets erlaubt war. Seit 1998 gibt es auch keine Mindestmengen mehr – wer den Richter davon überzeugen kann, dass er nur konsumiert und nicht handelt, darf theoretisch so viel besitzen, wie er zur Befriedigung seiner Sucht braucht. Weltweit für Aufsehen gesorgt hat der Plan der uruguayischen Regierung, die Produktion und Herstellung von Marihuana zu legalisieren.

Bald ganz legal?

Doch das lateinamerikanische Umdenken in der Drogenpolitik geht tiefer. In letzter Zeit hat sich eine erstaunlich breite Phalanx aus Präsidenten gebildet, die für eine Liberalisierung eintreten, und dies nicht nur was den Konsum, sondern auch was Produktion und Verkauf betrifft. Der ecuadorianische Staatschef Rafael Correa sagte kürzlich: «Wenn wir eine bestimmte Dosis einer qualitativ hochwertigen Droge erlauben, machen wir dasselbe wie die Amerikaner, als sie von der Alkoholprohibition abrückten.»

Ein Befürworter der vollständigen Liberalisierung ist der rechte guatemaltekische Präsident Otto Pérez, der die bisherige Prohibitionspolitik als «schlichten Wahnsinn» bezeichnet. Ähnlich äussern sich die costa-ricanische Regierungschefin Laura Chinchilla sowie ihr salvadorianischer Amtskollege Mauricio Funes. Selbst der Präsident eines der grossen Kokainproduzentenländer, der Kolumbianer Santos, sagte: «Ein neuer Ansatz muss den Profit und die Gewalt bekämpfen, die mit dem Drogenhandel einhergehen. Wenn das die Legalisierung bedeutet und sich die ganze Welt darüber einig ist, würde ich es begrüssen.» Mexikos bis anhin überzeugter Prohibitionsbefürworter Felipe Calderón hat bei seinem letzten Staatsbesuch in den USA gedroht, die Drogenfrage «nach marktwirtschaftlichen Kriterien» zu beurteilen – wenn es der US-Regierung nicht endlich gelinge, die Nachfrage im eigenen Land zu senken.

Es geht nicht ohne den Westen

Die USA und Europa haben als Drogenabsatzgebiete den Rausch, die lateinamerikanischen Länder als Produktions- und Transportgebiete das Gemetzel zwischen den Kartellen. In Lateinamerika schwindet die Bereitschaft, diesen Missstand hinzunehmen. Um die Drogenmafia wirksam zu bekämpfen, müsste man aber dort legalisieren, wo sie ihre exorbitanten Gewinne erzielt. Und das ist nicht in Lateinamerika, sondern in den USA und in Europa. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2012, 07:19 Uhr

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