«Man darf die Kumpel auf keinen Fall allein lassen»
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 13.10.2010 4 Kommentare
Artikel zum Thema
- Empfang im Trikot der Lieblingsmannschaft
- Die Kumpel schliessen einen Vertrag ab
- Erschöpfte chilenische Bergleute wollen ihre Ruhe
- Noble Unterkünfte bei der Mine in Chile
Georg Pieper
Der deutsche Psychologe und Tauma-Experte betreute 1988 die Rettung von sechs Bergleuten, die drei Tage in einem Stollen im hessischen Borken verschüttet waren.
Zwei Monate isoliert auf engstem Raum, in einer Gruppe von 33 Kumpeln, über 600 Meter tief unter der Erde in einer eingestürzten Mine. Wie kann man so etwas aushalten?
Für uns wäre es der Horror. Doch Bergleute ticken anders. Sie kennen das Gefühl, unter Tage zu sein. Sie haben ein hohes Mass an Solidarität untereinander und sind durch ihre Arbeit gefährliche Situationen gewohnt. Zudem wissen sie genau, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es ist eine zusammengeschweisste Gruppe, die hierarchisch organisiert ist und den Anweisungen der Vorgesetzten folgt.
Doch noch niemand zuvor war so lange in einer Mine eingeschlossen. Es hätte auch jemand ausflippen können.
In einer solchen Extremsituation reisst man sich zusammen. Im Vordergrund steht nur noch der Wille zum Überleben. Plötzlich ist man in der Lage, Schwierigkeiten zu bewältigen, was man sich vorher nie zugetraut hätte. Und man kann beispielsweise Durst, Hunger, Schmerzen oder permanente Dunkelheit auf einmal aushalten. Man ist nur noch aufs Überleben fokussiert, sodass dort Ängste keinen richtigen Platz mehr haben.
Und nun kommt die rettende Kapsel, die einen nach dem anderen durchs Gestein heraufzieht. Ist dies der Moment, in dem doch noch Chaos aufkommt? Wer ist zuerst dran? Wer muss noch ausharren?
In der Tat ist es eine hoch angespannte Situation. Es gibt plötzlich Konkurrenz untereinander. Wichtig ist aber, dass die Bergleute nicht selbst entscheiden, damit keine Anarchie ausbrechen kann. Deshalb muss bis zum Schluss eine klare autoritäre Führungsstruktur herrschen. Bisher hat dies auch gut funktioniert, weil sie nicht wie Verhungernde ums Essen kämpfen mussten. Denn sie wurden in der Mine gut versorgt und betreut. Sie hatten genug zu essen, zu trinken, Kontakt zur Aussenwelt und erhielten Medikamente.
Nach der Rettungsaktion warten Frauen, Kinder und Eltern auf ihre Vermissten. Gibt es nach einem solchen dramatischen Erlebnis überhaupt ein Zurück ins alte Leben?
Wer glaubt, dass es danach so weitergeht wie vorher, irrt sich. Nichts ist mehr so wie vorher. Zuerst einmal muss der Betroffene das Erlebte aufarbeiten. Je mehr er an dem Alten festhält, umso grösser werden auch die Schwierigkeiten. Das gilt genauso für seine Angehörigen, bei denen ebenfalls viel passiert ist. Doch die jetzt durchgemachten Erfahrungen müssen nicht nur negative Konsequenzen haben. Hat sich ein Paar beispielsweise viel über Banales gestritten, kann es auch durchaus sein, dass es Werte neu definiert und den Alltag als solchen mehr schätzen lernt.
Können Bergleute, die wochenlang in der feuchten, heissen, dunklen Umgebung der Mine gefangen waren, jemals wieder in einen Berg einfahren?
Dies ist ein Teil der Therapie. Ziel ist es, dass es irgendwann wieder möglich ist. Ansonsten entwickeln die Betroffenen zunehmend Ängste, wenn sie etwa im Dunkeln oder im Fahrstuhl sind. Allein schon zum Beispiel der Geruch nach feuchter Erde kann bei einigen Panik auslösen. Manche Personen ziehen sich dann mehr und mehr aus der Gesellschaft zurück. Deshalb muss man sie von Anfang an therapeutisch begleiten und darf sie auf keinen Fall allein lassen.
Sie haben 1988 in Deutschland Bergarbeiter, die mehrere Tage in einem Bergstollen verschüttet waren, psychologisch betreut. Sind Sie mit ihnen noch einmal an den Unfallort zurückgegangen?
Nein, das war nicht mehr möglich. Der Stollen war danach nicht mehr zugänglich. Doch wir sind als Gruppe in einen anderen Bergstollen eingefahren. Wichtig ist, dass dieser Ort objektiv ungefährlich ist. Zuvor habe ich die Bergarbeiter mit Gesprächen, Filmmaterial, imaginativen Übungen, Verhaltensanweisungen gut darauf vorbereitet.
Chile will die Bergleute nach der Rettung feiern. Wenn alles nach Plan läuft, bekommen sie Angebote, ihre Geschichte exklusiv für viel Geld an Medien zu verkaufen, und sie werden in den Präsidentenpalast eingeladen. Wie kommt ein gewöhnlicher Kumpel damit zurecht, auf einmal ein Star in der Öffentlichkeit zu sein?
Aus Erfahrung von dem Unglück in Deutschland 1988 kann ich sagen, dass sich niemand in der Heldenrolle wohlgefühlt hatte. Sie wollten alle wieder ein ganz normales Leben mit ihren Familien führen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2010, 06:21 Uhr
Kommentar schreiben
4 Kommentare
Auch Psychologen ticken anders, leider wird auch hier wie in der Schulmedizin versucht den Menschen an einem Schema fest zu nageln. Erfahrungsgemäss reagiert jeder anders, Am besten fragt man die Leute selber was sie denn wollen. Mir pers. wär es ein Gräuel wenn sich ein Psychologe mit angelerntem Mitgefühl in meine seelischen Eingeweide einmischen würde, andere mögen das vielleicht. ;-) Antworten
Die Psycholgen könnten mal bei den Kumpeln nachfragen, wie das geht, mit einer Extremsituation fertig zu werden. Die Kumpel könnten als Experten für Gruppendinge und Tiefen-Erfahrungen nachgefragt werden. Von so was haben die armen Psychologieakademiker nicht so direkte Erfahrung. Wie man an diesem Angebot erkennen kann. Sie wissen nicht, das in jedem Menschen alles steckt. Kumpel beweisen das. Antworten
Ausland
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





