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Mexiko, ein Land für Lebensmüde?

Von Sandro Benini, Mexico City . Aktualisiert am 02.09.2010 8 Kommentare

Drogenkrieg in Mexiko: Pro 100 000 Einwohner werden jährlich 12 Menschen ermordet. Normalbürger bleiben jedoch verschont.

Auf Spurensuche: Forensiker untersuchen die Ermordung eines Opfers des organisierten Verbrechens in Ciudad Juárez.

Auf Spurensuche: Forensiker untersuchen die Ermordung eines Opfers des organisierten Verbrechens in Ciudad Juárez.
Bild: Alejandro Bringas/Reuters

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Mexiko im Würgegriff der Drogenkartelle

Mexiko im Würgegriff der Drogenkartelle
Ein mörderischer Krieg mit tausenden Toten um Marihuana, Mohn und Kokain.

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Wer als Schweizer in Mexiko lebt, wird unweigerlich auf die prekäre Sicherheitslage des zentralamerikanischen Staates angesprochen: auf die grässlichen Berichte über den Drogenkrieg, die Massaker, die gefolterten Entführungsopfer und enthaupteten Leichen. Wie lebensmüde muss man sein, um in einem solchen Land zu wohnen?

Die Antwort lautet: eigentlich gar nicht. Zwar hat das Gemetzel 2009 mehr als 7000 Tote gefordert, und im laufenden Jahr dürfte die Grenze von 10 000 Opfern überschritten werden. Das Schicksal von 72 wehrlosen Migranten, die vergangene Woche auf ihrem Weg in die USA von Killern des Drogensyndikats Los Zetas abgefangen und ermordet wurden, beweist, dass das organisierte Verbrechen in Mexiko vor nichts zurückschreckt.

Falscher Moment, falscher Ort

Dennoch gilt nach wie vor: Normalbürger und Touristen sind vom Drogenkrieg in aller Regel nicht betroffen, kämpfen die Kartelle doch vor allem gegeneinander und die Verbrecher gegen die Ordnungskräfte. Es sei denn, Unbeteiligte halten sich im falschen Moment am falschen Ort auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau dies der Fall ist, hat zugenommen, zumindest in den nördlichen Landesteilen, die wegen ihrer Nähe zur US-Grenze besonders umkämpft sind.

In der Industriemetropole Monterrey ist es in jüngster Zeit wiederholt zu sogenannten Narco-Blockaden gekommen. Dabei marschieren bewaffnete Kommandos auf, zerren Bürger aus ihren Autos und blockieren mit den erbeuteten Fahrzeugen die Strasse, wonach der Verkehr grossräumig kollabiert.

Im Vergleich relativ sicher

Dass die Ordnungskräfte nichts oder wenig dagegen ausrichten können, lässt die Machtdemonstration umso bedrohlicher erscheinen. Daneben greifen die Verbrecherorganisationen vereinzelt zur Strategie des Narco-Terrorismus, wie es der kolumbianische Kokainbaron Pablo Escobar in den 1980er-Jahren getan hat. Auch wenn die Zustände im heutigen Mexiko weniger schlimm sind als im damaligen Kolumbien: Es sind bereits einige Bombenanschläge gegen die Zivilbevölkerung verübt worden.

So paradox es angesichts der haarsträubenden Gewaltexzesse klingen mag: Im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern ist Mexiko relativ sicher. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie des amerikanischen Brookings Institute liegt seine Mordrate bei knapp 12 Fällen pro 100 000 Einwohner. Im hochgelobten Wirtschaftswunderland Brasilien, das 2014 die Fussball-WM und 2016 die Olympischen Spiele veranstaltet, liegt sie bei 22. In Kolumbien, dessen Ex-Präsident Álvaro Uribe international als erfolgreicher Kämpfer wider das Verbrechen gefeiert wird, bei 39 und in Washington D.C. bei 31 Fällen.

Wie am wenigsten Blut fliesst

Wie wird der Drogenkrieg enden? Es zeichnen sich drei Szenarien ab, die man aus der Sicht des Staates mit Sieg, Unentschieden oder Niederlage umschreiben könnte. Das Szenario Sieg sähe so aus: Der Staat setzt weiterhin auf massive Armeeeinsätze, wobei es ihm irgendwann gelingt, die Macht der Kartelle einzudämmen oder gar zu brechen. Dazu wäre allerdings massiv mehr Hilfe aus den USA nötig.

Das Szenario Unentschieden liefe auf ein Stillhalteabkommen zwischen Regierung und organisiertem Verbrechen hinaus. Faktisch wurde ein solcher Modus vivendi unter der Partei PRI, die bis 2000 regierte, von beiden Seiten befolgt.

Das Szenario Niederlage bedeutete den Zusammenbruch der staatlichen Autorität. In zwei Jahren finden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt, bei denen die PRI gute Chancen hat, obenaus zu schwingen. Das Szenario Unentschieden erscheint deshalb als das wahrscheinlichste – eine rechtsstaatlich bedenkliche Lösung, bei der aber am wenigsten Blut fliesst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 22:48 Uhr

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8 Kommentare

Esther Ammann

04.09.2010, 17:48 Uhr
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Ganz herzlichen Dank fuer diesen endlich mal positiveren Artikel.Ich lebe seit 12 Jahren hier in diesem wunderbaren Land,wo nicht alle Narcos sind oder in die USA fluechten wollen.Freundliche und hilfsbereite Menschen um mich herum,die fast alle unter der staendigen negativen Media Propaganda vom Norden leiden. In jedem Land/Stadt gibt es Gegenden wo der Turist nicht hin sollte,auch in Zurich. Antworten


Urs Meister

02.09.2010, 16:19 Uhr
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Endlich einmal ein Artikel, der nicht nur negativ ueber Mexiko berichtet. Als Schweizer in Mexiko klann ich das Geschriebene nur bestaetigen. Ich lebe seit acht Jahren hier und hatte noch nie ein Problem mit Narcos. Im Gegenteil, die Meschen um mich herum sind freundlich und haben ein grosses Herz und wollen eigentlich nur eines: In Frieden leben. Antworten


Roger Kuhn

02.09.2010, 15:37 Uhr
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... interessanter Bericht & Kommentare ... Lebensqualität ist relativ zu werten, die Schweiz bietet sehr viel, aber dennoch nicht alles was das Herz begehrt ... Antworten


Nicola Peta

02.09.2010, 13:04 Uhr
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Wie lebensmüdig muss man den in Mexiko sein? Gar nicht. Ich lebte 20 Jahren in Mexico und jetzt wohne ich hier in der Schweiz. Hier lebe ich viel gestresster.Und ich habe Kinder die mir erzählen, dass die Schüler schon von Selbstmord sprechen und sie sich töten wollen. In Mexico, nie davon von so etwas gehört. Also hier in der Schweiz ist es das gleiche. Antworten


Marcel Zürcher

02.09.2010, 12:35 Uhr
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@Henry Thoreau, Sie sehen's gerne rosa richtig? :-) Die USA ist gemessen an ihrer 'hochstehenden Kultur' ein ziemlich gefährlichs Pflaster.Und wenn die scheinheiligen Amis mal A etwas gegen Drogenhandel, B etwas gegen den Waffenhandel und C etwas gegen die illegale Beschäftigung von Mexikanern zu Billiglöhnen in Farmen und Haushalten machen würde, wärs auch mal toll.Nur gen Süden bellen ist billig Antworten


Nallely Guzman

02.09.2010, 12:14 Uhr
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Endlich einmal ein differenzierter Bericht über die Situation in Mexico..und JA: die USA müssen ihren Teil der Verantwortung tragen und GEMEINSAM ein Weg gefunden werden. Ein Weg aus der Misere, welche ein wundervolles Land bedroht, welches soviel mehr zu bieten hat als nur Drogenkriege!! Antworten


Henry Thoreau

02.09.2010, 09:52 Uhr
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Man vergleicht aber nicht die Mordrate eines Landes mit der der gewalttätigsten Stadt eines anderen Landes. Da entsteht glatt der Eindruck, die USA sei viel gewalttätiger als die lateinamerikanischen Länder, was ja wohl auch die Absicht war. Und wenn, dann gleiches Recht für alle: Die Mordrate pro 100'000 Einwohner betrug in den USA 2008 5.3. In Ciudad Juarez liegt sie bei 133. Antworten


Ulrich Künzi

02.09.2010, 08:59 Uhr
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Ich bin seit 13 Jahren einer dieser Lebensmüden die in Mexico leben. Allerdings in Veracruz, weit ab der US-Grenze. Warum? 1. Das Leben ist viel einfacher und freier. Kein Versicherungs und Vorschriftszwang, keine Nachbarn die darauf erpicht sind mich anzuzeigen etc. 2. Mit meiner kleinen AHV lebe ich sehr gut. 1 Kg Fleisch FR 5.- 12 Austern 1.-. 3. Die Menschen sind viel offener, nicht gestresst. Antworten



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