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«Mich reut gar nichts!»

Von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung Adolf Eichmanns sind Interviews aus dem Jahr 1957. Ein schockierendes Tondokument.

Tondokument: Adolf Eichmann im Gespräch mit W. Sassen, 1957. TRANSKRIPTION SIEHE UNTEN. Quelle: Bundesarchiv Koblenz

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Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Hauptorganisator der Judenvernichtung war SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Leiter des «Judenreferats» im Reichssicherheitshauptamt. Nach Kriegsende floh Eichmann nach Argentinien, wo ihn 1960 israelische Agenten kidnappten. Von April bis Dezember 1961 fand in Jerusalem der Prozess gegen Eichmann statt. Er wurde zum Tod durch den Strang verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet. Eichmanns Leiche wurde verbrannt, die Asche ins Meer gestreut.

Über den Prozess existiert eine umfangreiche Forschungsliteratur. Für Aufsehen sorgte Hannah Arendts Werk «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» (1963). Als Standardwerk gilt Bettina Stangneths «Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders» (2011).

Entlarvendes Material

Von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung Eichmanns sind Interviews, die er 1957 als freier Mann in Argentinien dem holländischen SS-Mann Willem Sassen gab. Weil Eichmann die Authentizität der Interviewabschriften bestritt und die Originaltonbänder erst später gefunden wurden, konnte das entlarvende Material im Jerusalemer Prozess nicht verwendet werden.

Stangneth bezeichnet die Interviews als "erklärungsmächtigste aller Eichmann- und Holocaust-Quellen der Nachkriegszeit". Sie kontrastieren mit dem Bild des harmlosen Buchhalters und Befehlsempfängers, das Eichmann vor Gericht abzugeben versuchte und das von den TV-Kameras eingefangen wurde (auf Youtube zu sehen).

Heute befinden sich die Tonbänder im Bundesarchiv Koblenz. Dank Einwilligung der Rechteinhaber können wir hier erstmals integral ein Tondokument veröffentlichen, das zeigt, wie der oft als «Schreibtischtäter» verharmloste Eichmann ohne jede Reue seine Taten preist. Und sein Bedauern äussert, dass nicht noch viel mehr Juden getötet wurden. Da die Tonqualität der Bänder zu wünschen übrig lässt, empfiehlt sich, beim Abhören die Transkription zur Hand zu nehmen.


Transkription
Adolf Eichmann im Gespräch mit W. Sassen, 1957

EICHMANN: Und jetzt will ich Ihnen sagen, zum Abschluss dieser ganzen Platten, wir sind ja bald zu Ende, muss ich Ihnen erstens sagen: Mich reut gar nichts! Ich krieche in keinster Weise zu Kreuze! Die vier Monate, in denen wir jetzt nun hier die Sache aufgenommen haben, in den vier Monaten, in denen Sie sich bemühten, mein Gedächtnis aufzufrischen, sehr vieles davon wurde aufgefrischt, es wäre zu leicht, und ich könnte ja es billig machen der heutigen Meinung nach. Dass ich es zutiefst bedaure, dass ich gewissermassen etwas spiele, dass aus einem Saulus ein Paulus würde.

Ich sage Ihnen, Kamerad Sassen: Das kann ich nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht bereit bin. Weil sich mir das Innere sträubt, etwa zu sagen, wir hätten etwas falsch gemacht. Nein. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden, die Korherr*, wie wir jetzt nun wissen, ausgewiesen hat, 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen: Gut, wir haben einen Feind vernichtet. Nun durch des Schicksals Tücke der Grossteil dieser 10,3 Millionen Juden am Leben erhalten geblieben sind, sage ich mir: Das Schicksal wollte es so. Ich habe mich dem Schicksal und der Vorsehung unterzuordnen. Ich bin nur ein kleiner Mensch und habe dagegen nicht anzustinken, ich kann's auch nicht, will es auch gar nicht. Unsere Aufgabe für unser Blut und unser Volk und für die Freiheit der Völker hätten wir erfüllt, hätten wir den schlauesten Geist der heute lebenden menschlichen Geister vernichtet. Denn das ist's, was ich Streicher** sagte, was ich immer gepredigt habe: Wir kämpfen gegen einen Gegner, der durch vielvieltausendjährige Schulung uns geistig überlegen ist. War's gestern oder vorgestern oder vor einem Jahr, ich weiss es nicht, hörte oder las ich: Noch bevor die Römer ihren Staat errichteten, noch bevor Rom überhaupt gegründet wurde, konnten hier die Juden schreiben. Das ist bescheiden im Ausdruck. Sie hätten sagen müssen, noch bevor Äonen vor der Rom-Gründung, noch Äonen vor der Rom-Gründung konnten sie schreiben. Siehe die Gesetzestafeln. Sehen Sie, ein Volk, das heute über eine geschriebene, möchte ich mal sagen, sechstausendjährige Geschichte zurückgreifen kann, ein Volk, das vor sagen wir einmal fünftausend Jahren oder sechstausend Jahren — ich gehe nicht fehl, wenn ich glaub ich sogar das siebte Jahrtausend anschlage, gesetzgeberisch tätig gewesen ist. Dass die heutigen christlichen Kirchen sich dieser Gesetzgebung bedienen, ist für mich sehr deprimierend. Aber es besagt mir, dass es sich um ein Volk erster Grössenordnung handeln muss, denn Gesetzgeber sind immer gross gewesen. Und aus diesen Erkenntnissen kämpfte ich ja gegen diesen Gegner. Und aus diesen Motivierungen heraus müssen Sie verstehen, wenn ich sage, wenn 10,3 Millionen dieser Gegner getötet worden wären, dann hätten wir unsere Aufgabe erfüllt. Nun es nicht so ist, werde ich Ihnen sagen, dass das Leid und das Ungemach unsere noch nicht Geborenen zu bestehen haben. Vielleicht werden sie uns verfluchen. Allein, wir konnten als wenige Leute gegen den Zeitgeist nicht anstinken. Wir haben getan, was wir konnten.

Selbstverständlich, muss ich Ihnen sagen, kommt dazu menschliche Regung. Auch ich bin nicht frei gewesen davon, auch ich unterlag derselben Schwäche. Das weiss ich. Auch ich bin schuld mit daran, dass die vielleicht von irgendeiner Stelle vorgesehene oder mir vorgeschwebte Konzeption der wirklichen, umfassenden Eliminierung nicht durchgeführt hat werden können. Ich erzählte Ihnen das in kleinen Beispielen. Ich war ein unzulänglicher Geist und wurde an eine Stelle gesetzt, wo ich in Wahrheit mehr hätte machen können und mehr hätte machen müssen.

Als Entschuldigung mag dienen, was ich Ihnen sagte: Einmal, dass es mir an umfassendem Geist fehlte. Als zweites mag dienen, dass es mir an der nötigen physischen Härte fehlte. Und als drittes mag gelten, dass sich selbst gegen mein Wollen eine Legion von Leuten einfand, die selbst gegen dieses Wollen wiederum anstanken, so dass ich, der ich selbst schon mich gehandikapt fühlte, auch den Rest, dem ich etwa zum Durchbruch verholfen hätte, wiederum nur mit Abstrichen durchführen konnte, weil ich mich verzetteln musste in einem jahrelangen Kampf gegen die sogenannten Interventionisten. Das will ich Ihnen abschliessend sagen.

Ob Sie das in das Buch hineingeben, weiss ich nicht, vielleicht ist es gar nicht opportun. Vielleicht soll man es auch gar nicht. Ich will damit nur Ihnen das Fazit sagen, was ich aus all diesen Monaten nunmehr gedächtnisauffrischend übernommen habe und zu dem es mich drängt, Ihnen es auch zu sagen.

SASSEN: Ja. (Schweigen.)

EICHMANN: Sin mer jetzt fertig mit der ganzen Aufnahme, ja?

SASSEN: Bitte?

EICHMANN: Jetzt sind wir fertig, nicht wahr, nicht?

SASSEN: Eigentlich nicht. Ich habe noch einige Seiten zu fragen. Aber das können wir sicher schaffen.

EICHMANN: Ach, wir sind gar nicht fertig mit dem Buch? (Sassen lacht.)

EICHMANN: Ich denke, wir sind fertig mit ... deshalb habe ich ... ich eine kleine Schluss ... äh ... ansprache an ... an ... äh die Tischrunde gehalten.

SASSEN: Spielt keine Rolle.


Abschrift im Bundesarchiv Koblenz. Hier zitiert nach: Stangneth (2011), S. 391 ff.

*Der Korherr-Bericht enthält statistische Angaben über die «Endlösung der Judenfrage». Der Bericht wurde 1943 im Auftrag Heinrich Himmlers von Richard Korherr, Leiter der Statistischen Abteilung im SS-Hauptamt, zusammengestellt.

**Julius Streicher (1885-1946), Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes «Der Stürmer». Im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.01.2015, 17:08 Uhr)

Adolf Eichmann im Mai 1960, nachdem er von israelischen Agenten gefasst und nach Israel gebracht worden war. Foto: Keystone

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