«Mutter, vergib mir mein verrücktes Leben»

Von Sandro Benini, Guatemala City. Aktualisiert am 11.06.2009 7 Kommentare

Victoria Ávila gehörte neun Jahre zur berüchtigten Jugendbande Mara Salvatrucha. Heute sitzt sie in einem Gefängnis in Guatemala City und bereut nichts.

Chef einer Mara-Gang in Guatemala City: Die Banden terrorisieren ganz Mittelamerika.

Chef einer Mara-Gang in Guatemala City: Die Banden terrorisieren ganz Mittelamerika.
Bild: Keystone

Besuch im Frauengefängnis Preventivo de la Zona 18 in Guatemala City. Die quadratischen Betonblöcke der Anstalt sind in einer Talsenke errichtet, am Eingang sitzen hinter einem Gitter ein paar Häftlinge auf Plastikstühlen und Treppenstufen. Weiter hinten wieder ein Gitter, die niedrigen Gebäude mit den Zellen sind nur undeutlich auszumachen.

Es riecht nach Putzmittel, die Frauen tragen Zivilkleider, unterhalten sich, rauchen. An einen lateinamerikanischen Horrorknast erinnert die Szenerie nicht. Nach längerem Hin und Her erklärt sich die Direktorin bereit, eine Marera aus dem Zellentrakt zu holen, ein Mitglied einer der kriminellen Banden, die sich Maras nennen und ganz Mittelamerika terrorisieren.

Todesdatum auf dem Oberarm

Victoria Ávila ist 25 Jahre alt, hat ein breites Gesicht mit indigenen Zügen, schwarz lackierte Fingernägel und einen Blick zwischen Selbstbewusstsein und abwartender Zurückhaltung. Victoria Ávila ist ein Pseudonym, ihren richtigen Namen und ihr Bild will sie nicht in der Zeitung gedruckt sehen.

Neun Jahre lang war sie bei der Verbrecherbande Mara Salvatrucha. Von einem Schlüsselbein zum anderen hat sie sich deren Abkürzung MS 13 eintätowieren lassen, auf dem linken Oberarm trägt sie einen Sarg mit dem Todesdatum ihres Vaters, auf dem rechten ein Hanfblatt. Ihre Geschichte erzählt sie, als spräche sie von einer anderen. Nur einmal, als sie ihre Kinder erwähnt, hat sie Tränen in den Augen.

Von der Familie misshandelt

«Schon als ich ein kleines Mädchen war, sagte mir meine Mutter, sie hätte mich besser gar nicht auf die Welt gestellt. Zu Hause wurde ich immer geschlagen – von meiner Mutter, meinen Brüdern und auch von meinem Vater. Victoria mach dies, Victoria mach das, und wenn ich nicht spurte, setzte es Hiebe ab. Mit 16 schloss ich mich der Mara Salvatrucha an. Wer der Gang beitreten will, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen. Die Jungen werden von der ganzen Gruppe während 13 Sekunden verprügelt, mit Baseballschlägern, Schläuchen oder Stangen. Ein Mädchen kann zwischen Prügeln und Sex wählen. Wenn es sich für Sex entscheidet, heisst das im Mara-Slang «tomar el trencito», die Eisenbahn nehmen. Ich nahm die Eisenbahn und schlief nacheinander mit drei Gangmitgliedern. Es war schrecklich, aber danach haben sie mich respektiert – vor allem, als ich die Freundin eines Anführers wurde. Unsere Gruppe bestand aus etwa vierzig Jungs und acht Mädchen. Unter den Mädchen war ich die Chefin, weil ich vor nichts zurückschreckte.»

Die Mara Salvatrucha entstand in Kalifornien. Während des salvadorianischen Bürgerkriegs zwischen 1980 und 1992 flüchteten Zehntausende aus dem zentralamerikanischen Land in die USA, vor allem nach Los Angeles. Viele von ihnen konnten mit Waffen umgehen, hatten gekämpft und getötet. In Los Angeles standen die Salvadorianer bereits bestehenden Gangs von Schwarzen und Latinos gegenüber, zu ihrer grössten Rivalin wurde die mexikanisch beherrschte Mara 18, die um die 18th Street entstanden war. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, begannen die US-Behörden, salvadorianische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschaffen. Wer der Mara Salvatrucha angehört hatte, galt bei den Jugendlichen der Elendsviertel als cool: englische Sprachbrocken, Baggy Pants, Begrüssungsrituale und Symbole, die Zusammenhalt signalisierten und Respekt einflössten. Die Rückkehrer gründeten die Bande neu, und kurz darauf entstand auch deren Rivalin Mara 18. Allerdings setzte sie sich nicht mehr aus Mexikanern zusammen, sondern aus Einheimischen. Während der folgenden Jahre breiteten sich beide Gangs über ganz Zentralamerika aus. Heute haben sich auch im Süden von Mexiko und in zahlreichen Vorstädten der Vereinigten Staaten Ableger gebildet.

Grösster Wunsch: Zu töten

«Das Leben als Marera war nicht schlecht. Wir hingen herum, nahmen Drogen und verübten Überfälle. Wer ein Restaurant, eine Autowerkstätte oder etwas Ähnliches besass, musste uns Schutzgeld bezahlen. Wer sich weigerte, den brachten wir um. Ich besass eine Waffe, mein grösster Wunsch war es, jemanden zu töten. Heute kann ich mir das auch nicht mehr erklären, aber damals spürte ich eine unglaubliche Wut in mir. Bloss wollten die männlichen Bandenmitglieder nicht, dass ich zur Mörderin wurde. Einer sagte sogar: «Victoria, eigentlich bist du gar nicht der richtige Typ für eine Marera.» Ich wollte aber der richtige Typ sein, und der beste Beweis dafür wäre ein Mord gewesen. Als wir einmal ein Stundenhotel ausraubten, hielt ich dem Mann an der Réception meine Pistole an den Kopf. Er sank auf die Knie und flehte um sein Leben. Ich sagte, er solle aufstehen, aber er winselte weiter. Da habe ich ihm den Pistolenknauf so hart über den Schädel gezogen, dass er blutüberströmt zusammenbrach. Heute weiss ich, dass das falsch war. Aber dieses Gefühl von Macht werde ich nie mehr vergessen. Bei den Maras gibt es ein unumstössliches Gesetz: Wer ein Mitglied der anderen Bande sieht, muss es töten. Eines Nachts kehrte ich allein in das Zimmer zurück, das ich gemietet hatte. Plötzlich wickelte mir einer von der Mara 18 von hinten eine Schnur um den Hals, um mich auf offener Strasse zu erwürgen. Zufälligerweise kam ein Marero aus meiner Gruppe hinzu, der den Angreifer erschoss.

Das Wort Mara bedeutet Gruppe oder Bande, Salvatrucha ist eine Verbindung aus den Wörtern Salvador und trucho, schlau. Also etwa: Bande schlauer Salvadorianer. Wie viele Mareros es in Guatemala gibt, ist unbekannt. Experten schätzen die Zahl auf mehrere Zehntausend. Die Mareros handeln mit Drogen, erpressen Schutzgeld, klauen Autos, entführen und begehen Überfälle. Daneben bekämpfen sie sich gegenseitig bis aufs Blut. Die Frauen werden oft als Drogenkurierinnen eingesetzt. Laut den Behörden gefährden die Maras das politische und soziale Gleichgewicht ganz Zentralamerikas. Die ineffizienten und korrupten guatemaltekischen Ordnungskräfte vermögen wenig auszurichten. Kürzlich wollte die Regierung das Tragen einschlägiger Tätowierungen unter Strafe stellen. Das Parlament lehnte das Gesetz jedoch als menschenrechts- und verfassungswidrig ab.

Strenger Kodex

«Meine Kinder stammen von drei verschiedenen Vätern. Zwei sind im Kampf gegen die Mara 18 gefallen. Die beiden Jungen leben bei einem Cousin, die Tochter hat mir meine Mutter weggenommen. Die Kinder sind der Grund, weshalb ich die Mara Salvatrucha verlassen wollte. Aber das war alles andere als einfach. Um mich loszukaufen, musste ich einen inhaftierten Marero neunmal im Gefängnis besuchen und dabei Kokain schmuggeln. Ich versteckte es jeweils in meiner Vagina. Am liebsten würde ich die Tätowierungen wegmachen lassen, denn so finde ich nie eine anständige Arbeit. Aber darauf steht bei der Mara die Todesstrafe. Die Polizei hat mich erst verhaftet, nachdem ich aus der Bande ausgetreten war und begonnen hatte, auf der Strasse Schmuck zu verkaufen. Bei einer Razzia jubelten mir die Polizisten wegen meiner Tätowierungen Haschisch unter. Wenn alles gut geht, komme ich hier in ein paar Wochen raus. Ich weiss, dass ich ein schlechtes Leben geführt habe, aber ich bereue nichts. Was geschehen ist, ist geschehen. Nach meiner Entlassung werde ich wieder Schmuck verkaufen und versuchen, meine Kinder zurückzuholen. Ich vertraue auf Gott, denn der ist gross und allmächtig.

Oft lassen sich die Mitglieder der Maras Tränen tätowieren – für jeden ermordeten Gegner eine – oder den Spruch: «Mutter, vergib mir mein verrücktes Leben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2009, 14:30 Uhr

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7 Kommentare

Manuel Rios

11.06.2009, 10:00 Uhr
Melden 1 Empfehlung

An die Redaktion: Ich habe in eine TV Bericht gesehen, dass die Banden auch In Europa aktiv seien. Man habe schon Graffities der beiden Gangs gesehen. Allerdings könnten das diese auch Kids gemacht haben, die das als "cool" empfinden! Gibt es Beweise dass die Gangs hier in Europa oder Sogar de Schweiz aktiv sind? Antworten


Hans Peter Lüdi

11.06.2009, 12:13 Uhr
Melden

Dieser Bericht ist noch Human, die Realität sieht noch viel brutaler. Es sind in ganz Zentralamerika nicht bloss einige zehntausend, sondern einige hundertausend, vorallem junge Menschen in diesen Gangs organisiert. Aussteigern droht die brutale Ermordung. Antworten



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