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Nichts ist, wie es scheint

Die Amerikaner sind – wie auch der Amokschütze von Arizona – besessen von Verschwörungstheorien. Vom Kennedy-Mord bis zur Mondlandung: Ein Überblick über die bizarrsten Ideen, die im Umlauf sind.

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Die Zentrale der Verschwörer befindet sich unter dem riesigen Flughafen von Denver, ist mithin ein Labyrinth, aus dem zur Stunde X die Schergen der «neuen Weltordnung» an die amerikanische Oberfläche stossen und sich die Amerikaner gefügig machen werden. So besagt es eine der gängigen amerikanischen Verschwörungstheorien. Mal versucht der Staat, die Bürger wie in den Fantasien von Jared Loughner, der in einem Amoklauf vergangenes Weekend die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords in Arizona niederschoss, durch eine vereinheitlichte Grammatik zu kontrollieren. Ein andermal möchte er mithilfe ausländischer UNO-Truppen die Heimat besetzen.

Hereinspaziert ins Panoptikum amerikanischer Verschwörungstheorien, die derzeit wuchern und blühen, dass es eine Pracht ist. Die Linke erlebt vereinzelt wahnhafte Anfälle – wenn etwa behauptet wird, die US-Regierung sei für 9/11 verantwortlich –, doch entfaltet sich die verschwörerische Paranoia überwiegend im Lager des Rechtspopulismus.

Die Illuminaten und die Weltherrschaft

Der Verschwörungstheoretiker sei überzeugt, dass nichts durch Zufall geschehe, dass nichts so sei, wie es erscheine, und dass alles miteinander verbunden sei, schreibt der amerikanische Politologe und Paranoia-Experte Michael Barkun. Rastlos geistert ein von solch bösen Fantasien Heimgesuchter durch die Weltgeschichte, fühlt sich von Freimaurern, Jesuiten oder Geheimgesellschaften wie den Illuminaten-Orden bedroht, die allesamt die Weltherrschaft anstreben.

Während Verschwörungstheorien in Westeuropa eher abgenommen haben, erleben sie in den Vereinigten Staaten eine erstaunliche Renaissance. «Der zentrale Glaube jedes Schwachkopfs ist, dass er ein Opfer einer mysteriösen Verschwörung sei», höhnte bereits 1936 der amerikanische Gesellschaftskritiker H. L. Mencken über seine Landsleute. Seither sind die Dinge nicht besser geworden – im Gegenteil: Von der «kommunistischen Verschwörung» der späten 40er-Jahre bis zum Anbrechen der «neuen Weltordnung» 1990 reicht der Bogen wahnhafter Ideen.

Und sie haben – vielleicht als Ausdruck wachsender Machtlosigkeit und Verunsicherung der Mittelklasse – zugenommen. Breite Bevölkerungsschichten «glauben heute zumindest an einige Verschwörungstheorien», lautet das Fazit der beiden Anthropologen Todd Sanders und Harry West nach einer entsprechenden Untersuchung.

Hollywood ist schuld

Schon 1964 beleuchtete der Historiker Richard Hofstadter das Phänomen politischer Wahnvorstellungen anhand des virulenten Antikommunismus. Sein Befund: Angestachelt und untermalt wird die amerikanische Lust am verschwörungstheoretischen Fabulieren von einem apokalyptischen christlichen Fundamentalismus sowie von Hollywoods mitunter wirren Filmfantasien. 1956 sorgten Ausserirdische, die sich menschlicher Körper bemächtigten, im Streifen «Invasion of the Body Snatchers» für Aufregung, 1964 unterzogen die Kommunisten im Film «The Manchurian Candidate» einen gefangenen GI einer Gehirnwäsche und polten ihn zum Attentäter um.

Die Ermordung John F. Kennedys 1963 gab amerikanischen Verschwörungstheoretikern zusätzlichen Schub: Die Linke verdächtigte die CIA und die Mafia – die Rechte wähnte die «Commies» am Werk. Der offiziellen Version, wonach allein Lee Harvey Oswald den Präsidenten niedergestreckt hatte, glaubte kaum jemand. Während noch immer allerlei Kennedy-Mordkomplotte durch das amerikanische Bewusstsein geistern – ergänzt durch bizarre Mutmassungen über den CIA-Mord an John Lennon oder die vorgetäuschte und nicht wirklich geschehene Nasa-Landung auf dem Mond –, so haben Globalisierung und andere Bedrohungen inzwischen völlig neue Verschwörungstheorien geboren.

Als Präsident George Herbert Walker Bush 1990 vor dem Kongress den «Traum einer neuen Weltordnung» beschwor, löste er bei Hinterwäldlern, christlichen Fundis und Waffen-Freaks profunde Ängste aus. Bush liess sich über die Welt nach dem Fall der Berliner Mauer aus, die Gralshüter des in der Verfassung verbrieften Rechts auf Waffenbesitz aber erstanden umgehend mehr Kanonen, da sie fürchteten, die neue Weltordnung in Gestalt schwarz gekleideter UNO-Truppen werde alsbald die Prärie erreichen. Später entstand – auch als Reaktion auf die Wahl des Demokraten Bill Clinton – die Milizbewegung. Und es kam zu dem von rechtspopulistischen Wahnvorstellungen getriebenen Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City, dem 168 Menschen zum Opfer fielen.

Alle auf dem Horrortrip

Dieser Wahn lebt munter weiter, denn auf fiebrigen Websites wie etwa Libertyforlife.com ist noch immer zu lesen, dass «USA/Neue Weltordnung/UNO ausländische Truppen importieren, um den USA anzutun, was US-Soldaten dem Irak antaten». Haben UNO-Truppen und Verräter in den eigenen Reihen (Liberale, Linke, Umweltschützer u. a.) der amerikanischen Freiheit erst einmal den Garaus gemacht, wird die Bevölkerung in Straflager umquartiert, die von der Katastrophenschutzbehörde Fema bereits eingerichtet wurden. Im Internet kursierende Bilder sollen dies belegen, wenngleich die Fotos nordkoreanische Arbeitslager oder Gleisanlagen zeigen.

Wer solche und andere Kalamitäten bezweifelte, konnte den einstigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten und Pastor Pat Robertson konsultieren, der die neue Weltordnung 1991 in einem literarischen Horrortrip erklärt hatte. Oder er konnte den Bestseller-Autor Jim Marrs zurate ziehen, der Organisationen wie die Trilaterale Kommission, deren illustre Mitglieder aus Politik und Wirtschaft die Zusammenarbeit der Weltregionen fördern wollen, mit den Freimaurern und den Pyramiden verknüpfte, um «die Herrschaft des Geheimen» aufzuzeigen.

Statt derartige Preziosen paranoiden Denkens als Hirngespinste zu entlarven, haben rechtspopulistische Medienstars wie Rush Limbaugh und Glenn Beck die hitzigen Einbildungen übernommen oder gar neue erschaffen. Er werde sich «diese Angelegenheit anschauen», versprach Beck in seiner täglichen FoxNews-Sendung mit Blick auf die Fema-Lager. Auch dräute der Meister des medialen Zähneklapperns düster, das Land marschiere geradewegs «in den Sozialismus und Totalitarismus», ja bald werde jeder Amerikaner «ein bürokratischer Sklave des Staats» sein.

Bernanke und die Afroamerikaner

Die Zentralbank samt Chef-Banker Ben Bernanke beteiligen sich durch ihre Geldpolitik ebenso an dieser Versklavung wie «städtische Banden» von Afroamerikanern, die US-Metropolen besetzten, sobald der afroamerikanische Präsident dazu das Zeichen gebe. Dass Barack Obama in Kenia geboren und mithin ein unrechtmässiger Präsident sei, macht die Sache nicht besser. Es scheint den Paranoikern insgesamt ratsam, sich möglichst aufgerüstet ins Landesinnere zurückzuziehen; dort kann der «neuen Weltordnung» und der Sozialisten im demokratischen Schafspelz am besten gewehrt werden.

Selbstverständlich seien es den Demokraten nahestehende «Umweltverrückte», behauptete Rush Limbaugh, der König der rechten Radio-Paranoiker, welche die BP-Bohrinsel im Golf von Mexiko hätten hochgehen lassen, «um mehr Bohrungen im Meer zu verhindern». Obendrein soll die gleiche Bande die Mär von der Erderwärmung erfunden haben, damit der amerikanische Traum, stets Autos so gross wie Panzer fahren zu können, endlich ausgeträumt werde.

Nebenbei droht mit der Umstellung auf das digitale Fernsehen der Einzug des Big Brother in amerikanische Wohnstuben, da die neuen digitalen Kabelmodems insgeheim umgerüstet worden sein sollen, um die staatliche Ausspähung der Privatsphäre zu ermöglichen. Auch ist die Angst vor der Beigabe von Fluor ins Trinkwasser zum Zweck gesünderer Zähne (in Stanley Kubricks «Dr. Strangelove» eine «kommunistische Verschwörung») neuen Befürchtungen gewichen: Die Kondensstreifen hochfliegender Jets seien nicht wirklich Kondensstreifen, heisst es nun; die weissen Linien am Himmel bezeugten, dass der Staat oder die «neue Weltordnung» oder wer auch immer das amerikanische Volk mit schrecklichen Giften bespritze.

War Popper Illuminate?

In den Augen der amerikanischen Verschwörungstheoretiker lügen Marine und Luftwaffe, wenn sie beim geheimnisvollen «Haarp»-Forschungsprojekt in Alaska sagen, sie würden die Ionosphäre erforschen. «Haarp» diene in Wahrheit der Entwicklung von Energiewaffen, die unter anderem verheerende Erdbeben wie das in Haiti vor Jahresfrist auslösen könnten. Was Wunder, dass selbst Karl Popper, dieser Meister des kritischen Rationalismus, einst befand, es müsse «zugegeben werden, dass Verschwörungen geschehen». Allerdings verwies Popper vorsichtig darauf, die Verschwörer würden «kaum jemals ihre Verschwörungen ausführen».

Die Verschwörungstheoretiker des amerikanischen Rechtspopulismus würden diese Bemerkung in Bausch und Bogen verdammen. Womöglich sei Popper Mitglied des Illuminaten-Ordens gewesen, würden sie dagegenhalten. Oder ein Mitglied der Trilateralen Kommission. Oder Luzifer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2011, 08:52 Uhr

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