«Obama wird die grüne Revolution umsetzen»
Von Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 24.01.2009 30 Kommentare
Der gefürchtete Umweltschützer
Robert F. Kennedy jr. kommt am 17. Januar 1954 zur Welt. Er ist das dritte Kind von Robert F. Kennedy sr. und Ethel Skakel. Er hat zehn Geschwister. Sein Vater, der während der Präsidentschaft seines Bruders John F. Kennedy Justizminister war, wurde 1968 während des Wahlkampfs um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten von einem 24-jährigen christlichen Palästinenser in Los Angeles erschossen.
RFK jr. wächst im Bundesstaat Maryland auf. Er studiert Politikwissenschaften an der Harvard University und Recht an der University of Virginia. Er beginnt eine Karriere bei der New Yorker Staatsanwaltschaft. 1983 verurteilt ihn ein Richter wegen Drogenbesitzes zu 1500 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Das bringt ihn zur Umweltschutzorganisation Riverkeeper. Mit mehreren erfolgreichen Prozessen gegen grosse Verschmutzer des Hudson River erwirbt er sich den Ruf eines gefürchteten Umweltanwaltes. Das Nachrichtenmagazin «Time» erklärt ihn zu einem «Helden unseres Planeten».
RFK jr. hat in den letzten 20 Jahren über 400 Umweltschutz-Prozesse gewonnen. Seit 1987 lehrt er ausserdem Umweltrecht an der Pace University in New York City. Er hat zwei Bücher veröffentlicht, schreibt Beiträge für einen Blog und moderiert eine Radiosendung. RFK jr. ist mit Mary Richardson verheiratet. Zusammen haben sie vier Kinder. Dazu kommen zwei Kinder aus einer früheren Ehe.
Das derzeitige Oberhaupt des mächtigen Kennedy-Clans ist der 76-jährige Edward Kennedy, der jüngste Bruder von John F. und Robert F. Kennedy. Er sitzt seit 1962 im Senat und hat sich im Vorwahlkampf für Barack Obama ausgesprochen. Seine lange Amtszeit hat ihm den Übernamen «Löwe des Senats» eingetragen. Ebenfalls politisch aktiv ist Edwards Sohn Patrick J. Kennedy, ein Cousin von RFK jr. Er sitzt seit 1995 als Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Politisch einflussreich ist auch Maria Shriver Kennedy, eine Cousine von RFK jr., als Ehefrau von Arnold Schwarzenegger, des Gouverneurs von Kalifornien. (tim)
Viele vergleichen Barack Obama mit Ihrem berühmten Onkel John F. Kennedy, dem grossen Hoffnungsträger Anfang der Sechzigerjahre. Zu Recht?
Vieles ist durchaus vergleichbar: Die öffentliche Begeisterung, die Obama ausgelöst hat. Seine Jugendlichkeit. Der Aufruf an die Leute, sich für die Nation zu engagieren. Aber auch die Werte, die er verkörpert. Wir müssen die Moral wieder in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Um unsere moralische Autorität auf dieser Welt wiederherzustellen, müssen wir unsere Aussenpolitik, aber auch unsere Interessenpolitik ändern.
Was waren die grössten Fehler?
Amerikaner haben in den letzten acht Jahren furchtbare Dinge getan. Nicht einmal im Traum hätte ich mir vorstellen können, dass unser Land zu solchen Sachen fähig ist. Wir haben Menschen gefoltert und an Folterregimes ausgeliefert. Wir haben unsere Bürger bespitzelt. Obama hat in seiner Rede nach der Vereidigung gesagt, wir könnten unsere nationale Sicherheit schützen, ohne unsere Ideale zu verraten.
Wie haben Sie die Vereidigung erlebt?
Ich war selber in Washington. Es war schlicht überwältigend. Das Beste war, als Bush mit seinem Helikopter über unsere Köpfe flog und zwei Millionen Menschen mit ihren Armen winkten und riefen: «Komm bloss nicht zurück.»
Kann Obama den übermenschlichen Erwartungen gerecht werden?
Die USA erlebten schon einmal eine schwere Depression. Das war Anfang der Dreissigerjahre. Damals wurde Franklin Roosevelt mit ähnlich grossen Erwartungen zum Präsidenten gewählt. Die Leute erwarteten aber nicht eine sofortige Erholung. Ihre Erwartungen waren viel bescheidener. Sie erwarteten eine kompetente Regierung, die sich für die Arbeiter und die Armen einsetzen würde. Und sie erwarteten, dass tüchtige Leute die Ministerien führen würden. Obama ist sehr geschickt darin, die hohen Erwartungen zu dämpfen.
Was für ein Mensch ist Obama?
Er ist ein sehr smarter Mann. Er hat ein tiefes Verständnis für diese grosse nationale Sehnsucht: ein Vorbild zu sein für alle anderen Nationen auf dieser Welt.
Ist Obama ein Sozialist?
Das würde ich nicht sagen. Er glaubt an die amerikanischen Werte. Unser Land war in den letzten acht Jahren gefangen in den Händen von Rechtskonservativen. Von Leuten, die an den Korporativismus glauben, an die Plutokratie, die Herrschaft der Reichen. Was diese Leute propagieren, ist nicht Kapitalismus, sondern Kumpelkapitalismus. Ich glaube an den freien Markt. Und ich weiss, dass auch Barack Obama an den freien Markt glaubt. Aber der freie Markt braucht einen Regulator. Ein unregulierter Markt wird rasch zu einer Plutokratie der Konzerne.
Wie krank ist der Patient Amerika?
Sein Puls schlägt noch, aber das ist auch schon alles.
Wie tief geht die Krise?
Amerika steckt nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern auch in einer moralischen Krise. Letztere ist allerdings am einfachsten zu lösen. Die Moral kann Obama ziemlich rasch erneuern. Hier zeigen schon alleine symbolische Handlungen wie die Ankündigung, Guantánamo zu schliessen, Wirkung. Doch sollten wir noch weiter gehen. Wir sollten Leute, die in Sachen wie Folter verwickelt waren, vor Gericht stellen. Die wirtschaftliche Krise ist schwieriger zu überwinden. Das wird Jahre dauern.
Wer ist schuld?
Die Hauptschuld tragen jene Regierungsverantwortlichen, welche die Märkte dereguliert haben. Schon einmal, in den Zwanzigerjahren, wurde die Wallstreet in ein riesiges Casino verwandelt. Schliesslich kam 1929 der Kollaps. Präsident Roosevelt schuf 1932 die Börsenaufsicht SEC. Ihr erster Vorsitzender war mein Grossvater Joseph Kennedy. Als Händler kannte er alle Tricks. Doch er wusste auch, dass die Wallstreet nur funktioniert, wenn der kleine Mann die gleichen Chancen hat wie die Financiers. Er reformierte die Börse und machte sie transparent. Es dauerte keine sechs Monate, bis die Leute wieder Vertrauen fassten. Das zeigt: Es braucht Regeln. Reagan begann in den Achtzigerjahren, diese Regeln systematisch aufzuweichen. Bush Jr. schliesslich setzte die schlimmsten Piraten an die Spitze jener Institutionen, die uns eigentlich vor dem Piratentum hätten schützen sollen. So glaubten Leute wie Alan Greenspan, dass die Märkte sich selber regulieren würden.
Obama appelliert an den Willen und das Verantwortungsbewusstsein seiner Landsleute. Reicht das, um das Land zu erneuern?
Als Erstes müssen wir unsere Moral erneuern. Dann müssen wir vom Erdöl wegkommen. Der grösste Bremsklotz der amerikanischen Wirtschaft ist heute unsere tödliche Abhängigkeit von Erdölimporten aus Ländern, die im allgemeinen nicht einmal unsere Werte teilen.
Mit welcher Massnahme muss Obama anfangen?
Als Erstes müssen wir aufhören, die Förderung von Erdöl und Kohle zu subventionieren. Dieses Geld sollten wir in die einheimische Energieproduktion stecken. Der Aufbau eines neuen modernen Stromnetzes kostet gerade einmal 150 Milliarden Dollar. Das ist ein Bruchteil von den 700 Milliarden, die wir jetzt ausgeben, um unsere Banken zu retten.
Können die Amerikaner wirklich auf ihre Benzinautos verzichten?
Ich würde den Autoherstellern in Detroit grosse Anreize geben, damit sie ihre gesamte Produktion auf Elektroautos umstellen. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, kündigte Präsident Roosevelt an, jedes Jahr fünfzigtausend Flugzeuge zu bauen und jeden Tag ein Schiff. Die Leute glaubten, er sei verrückt. Doch Roosevelt befahl Detroit, keine Autos mehr zu bauen. Innert neun Wochen hatten die Firmen die Produktion komplett umgestellt und produzierten nur noch Panzer und Flugzeuge. Heute stecken wir in einer vergleichbaren Krise. Es braucht nur einen Präsidenten, der vorangeht und Detroit garantiert, jedes Elektroauto aufzukaufen.
Das klingt gut, aber auch ein wenig utopisch. Ich bin an einer Firma beteiligt, die sich zum Ziel gesetzt hat, Benzinautos durch Elektroautos zu ersetzen. Sie heisst Better Place. Im Moment sind wir daran, als erstes Land Israel zu verkabeln. Jeder Parkplatz wird mit einer Steckdose ausgestattet. Jede Tankstelle mit einer Station, um die Batterie auszuwechseln. Die Autos werden von Nissan-Renault gebaut. Es gibt acht verschiedene Modelle. Sie können auswählen. Zudem sind die Autos gratis. Die Leute müssen sich nur verpflichten, den Strom von unserer Firma zu beziehen. Wir glauben, dass in drei Jahren in Israel nur noch Elektroautos herumfahren werden.
Warum ausgerechnet in Israel?
Die israelische Regierung sagt, es sei im Interesse der nationalen Sicherheit, nicht mehr abhängig zu sein vom Erdöl. Wenn wir in Israel fertig sind, werden wir Dänemark verkabeln.
Sie wollen die Wirtschaftskrise mit Hilfe einer grünen Revolution überwinden?
Jede Depression braucht eine Industrie, welche die Wirtschaft wieder aus dem Dreck zieht. Die Erneuerung des Stromnetzes in den USA ist nötig, weil heute kleine und grosse Stromproduzenten ihren Überschuss nicht ins Netz einspeisen und verkaufen können. Wir brauchen ein intelligentes Netz, das Strom während der Nacht zwischenspeichern und während der Spitzen abgeben kann.
Sind die Amerikaner bereit für einen solchen Wandel?
Alle werden damit Geld verdienen. Jedes Haus wird ein Kraftwerk. Jeder Bürger ein Stromproduzent. Wir haben genug Sonne und Wind, um den gesamten Stromverbrauch unseres Landes zu decken.
Hat Obama Ihre Botschaft verstanden?
Er kennt diese Dinge. Er sagt das Gleiche wie ich. Ich bin überzeugt, er wird diese grüne Revolution umsetzen.
Haben Sie Angst, dass Obama einem Attentat zum Opfer fallen könnte?
Ich denke, er sollte vorsichtig sein.
Was können wir Europäer von Amerika lernen?
Wähle nie einen Mann aus Texas zum Präsidenten.
Ist der Name Kennedy Fluch oder Segen?
Er ist ein Segen. Ich habe eine grosse unterstützende Familie und viele Vorbilder, denen ich nacheifern kann.
Wird Obama in vier Jahren wiedergewählt?
Ja. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.01.2009, 14:27 Uhr
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30 Kommentare
Obama hat durch seinen Auftritt eine 'Ultramarathon- Zieleinlauf- Euphorie' auf ganze Massen übertragen, er hat die besten Coaches an seiner Seite, um die einzelnen Schritte umzusetzen. Er ist ein Mann der Entscheidung, und wird halten, was er verspricht, wird mitnehmen, wen er braucht. Wenn wir vom Bünzli-Denken wegkommen und uns öffnen, klar definieren was wir wollen, werden wir auch dabei sein. Antworten











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