Politiker will Port-au-Prince verlegen
Artikel zum Thema
- Zwei Schweizerinnen in Haiti vorübergehend entführt
- Flitterwochen im Zelt mit acht Verwandten
- Beben in Haiti: Bis zu 300'000 Menschen starben
- Erdbeben erschüttert Chile während Gedenkfeier
- Swiss Re zahlt 630 Millionen Dollar nach Erdbeben von Chile
- Wieder ein Erdbeben in Chile
Stichworte
Mindestens 222'500 Tote und 310'000 Verletzte
Am 12. Januar 2010 bebte um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr Schweizer Zeit) in Haiti knapp eine Minute lang die Erde. Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7 lag rund 25 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince in einer Tiefe von rund 17 Kilometern. Während der haitianische Staatspräsident René Préval befürchtet, dass die Zahl der Toten noch auf 300'000 ansteigen könnte, beziffert das Uno-Büro für humanitäre Angelegenheiten die Opferzahl auf 222'500. Weitere 310'000 Menschen wurden verletzt. Die Zahl der direkt vom Beben Betroffenen beträgt drei Millionen, mehr als 1,5 Millionen Menschen verloren ihr ganzes Hab und Gut. In Port-au-Prince wurden 97'294 Gebäude völlig und 511'405 Gebäude schwer beschädigt. Die Provinzstädte Léogâne und Petit Goâve im Südwesten des Karibikstaats wurden zu 70 bzw. 80 Prozent zerstört. In Jacmel sind drei Viertel aller Häuser nicht mehr bewohnbar. (hud)
In der Innenstadt von Port-au-Prince regieren die Schaufelbagger. Auf der Rue de Centre ist alles in Staub gehüllt, wenn die Stahlarme der Baumaschinen in die Steinhaufen greifen und ihre Betonfracht in wartende Lastwagen heben. Dazwischen schlagen junge Männer mit schweren Vorschlaghämmern den Zement von den Armierungseisen – und legen das Alteisen fein säuberlich für den Abtransport bereit. Erste Häuserblocks rund um das Marktzentrum sind schon freigelegt und mit Wellblech eingezäunt.
Geld für Aufräumarbeit
Unzählige Abrisskolonnen sind inzwischen im Zentrum der haitianischen Hauptstadt im Einsatz. Bezahlt werden sie aus internationalen Hilfsgeldern. Zum Feierabend ist Zahltag, die Cash-for-work-Jobs für umgerechnet rund fünf Franken pro Tag sind begehrt. Trotzdem gibt es noch immer unzählige Männer, die in den Trümmern auf eigene Faust nach verwertbarem Alteisen, nach Holzbrettern und Einrichtungsgegenständen suchen. Und immer wieder müssen die Arbeiten unterbrochen werden, weil Leichen aus den zusammengebrochenen Gebäuden zu bergen sind. Mehr als einmal ist es schon vorgekommen, dass die Lastwagenfahrer Tote erst entdeckten, als sie die Trümmer auf Freiflächen im Norden von Port-au-Prince kippten.
Port-au-Prince, diese rund drei Millionen Einwohner zählende Stadt am Meer, wurde mit viel Sand, aber zu wenig Zement gebaut, wie ausländische Bauingenieure immer wieder feststellen, wenn sie die Gebäudesubstanz untersuchen. «Da wurde an allem gespart», sagt ein in Deutschland ausgebildeter Bauplaner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Viele Baufirmen haben ihre Kunden durch Einsparung von Material schlicht betrogen.»
Bausünden haben sich gerächt
Aber nicht nur die Bausünden der Vergangenheit haben die haitianische Hauptstadt mit dem Erdbeben im Januar eingeholt. Gebaut wurde die Stadt genau auf der Nahtstelle zwischen der Karibischen und der Nordamerikanischen Platte. «Seit Jahren haben sich die Zeichen gemehrt, dass es zu einem Erdbeben kommen könnte», kritisiert der ehemalige Gesundheitsminister Haitis, Daniel Henrys. Er fordert die Verlegung von Port-au-Prince. Das neue politische, soziale und kulturelle Zentrum des Landes könne nordöstlich des gegenwärtigen Standorts wieder errichtet werden. Diese Gegend sei wesentlich weniger erdbebengefährdet. Unterstützung findet Henrys beim britischen Architekten John McAslan, der für die Clinton Global Initiative (CGI) in den letzten Jahren Schulen in Haiti geplant hat.
McAslan arbeitet derzeit an der Blaupause für ein neues Port-au-Prince, mit erdbebensicheren Gebäuden. Aber solange die haitianische Regierung keine konkreten Entscheidungen über den Wiederaufbau der Stadt und vor allem über den Standort trifft, sind die schönsten Pläne Makulatur. Aus dem provisorischen Regierungssitz, der sich in der Polizeistation unweit des internationalen Flughafens befindet, ist in der Angelegenheit aber nichts zu erfahren: «Kein Kommentar», heisst es nur.
Umzug an die Küstenstrasse
Derweil werden Fakten geschaffen. Zwar haben noch immer viele Haitianer Angst, nachts in ihren Häusern zu schlafen, aber längst beginnen die Ersten damit, die weniger beschädigten Häuser und Appartements wieder zu beziehen und die Schäden auszubessern. Die Spezialisten der Vereinten Nationen, welche die Schäden an den Gebäuden untersuchen und Gutachten über die Bewohnbarkeit der Häuser abgeben, sind hoffnungslos überlastet.
Viele Einwohner zieht es in die nördlichen Aussenbezirke der Stadt und an die Küstenstrasse, die als touristische Entwicklungszone ausgewiesen ist. Dort lassen sich jetzt die ersten ehemaligen Bewohner von Port-au-Prince in Notzelten nieder. (hud) (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2010, 08:56 Uhr


Die Welt in Bildern