Putin lacht die Amerikaner aus

«Politische Schizophrenie» diagnostiziert der russische Präsident bei jenen, die sagen, Trump habe Moskau Geheimnisse verraten. Dabei nutzt er das Chaos in Washington geschickt für sich.

Sichtlich amüsiert: Wladimir Putin während der Pressekonferenz in Sotschi. Foto: Yuri Kadobnov (Keystone)

Sichtlich amüsiert: Wladimir Putin während der Pressekonferenz in Sotschi. Foto: Yuri Kadobnov (Keystone)

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Amerikanische Politiker und Analysten sind sich einig: Die Glaubwürdigkeit einer russischen Mitschrift des Gesprächs zwischen Donald Trump und dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow, dem der US-Präsident offenbar geheime Informationen weitergegeben hat, wäre gleich null. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Übergabe einer solchen «Aufzeichnung» angeboten – natürlich nur, wenn das Weisse Haus das wolle. Diese stellte sich später nicht als Mitschnitt, sondern laut Kreml als Stenogramm einer «bei den Gesprächen speziell anwesenden Person» heraus. Trumps Sprecher erklärte, man habe nicht gewusst, dass das Gespräch überhaupt aufgezeichnet worden sei.

Doch Putins Worte, der die Weitergabe von Geheimnissen kategorisch bestreitet, waren wohl weniger als Hilfsangebot an den strauchelnden Amtskollegen in Washington gedacht, sondern vielmehr als witzige Politlektion für das heimische Publikum. «Ich werde Aussenminister Lawrow einen Verweis erteilen müssen», sagte der russische Präsident mit dem für ihn typischen, sarkastischen Grinsen im Mundwinkel. «Er hat diese Geheimnisse nicht mit uns geteilt. Nicht mit mir, nicht mit den russischen Geheimdiensten. Das ist sehr schlecht von ihm.» Damit löste Putin bei der Pressekonferenz mit dem italienischen Premierminister Paolo Gentiloni in Sotschi im ganzen Saal schallendes Gelächter aus – ganz besonders bei Sergei Lawrow selbst.

Lest keine US-Zeitungen!

In den USA breite sich «politische Schizophrenie» aus, erklärte Putin weiter, anders könne er die Debatte um das Treffen mit Lawrow nicht sehen. «Es ist schwierig, sich vorzustellen, was die Leute, die solchen Blödsinn generieren, sich als Nächstes ausdenken.» Der russische Präsident äusserte Sorge um das politische System in den USA: Am Anfang sei das innenpolitische Gezänke ja noch lustig gewesen, inzwischen sei es nicht mehr nur traurig, sondern besorgniserregend.

«Mich überrascht am meisten, dass sie die innenpolitische Lage anheizen mit antirussischen Slogans. Entweder verstehen sie nicht, welchen innenpolitischen Schaden sie ihrem eigenen Land zufügen – dann sind sie einfach nur dumm. Oder sie verstehen alles – in dem Fall sind sie gefährlich.» Der russische Vorwurf, seine Gegner setzten alles daran, dass Trump seine Arbeit nicht tun könne, trifft vor allem die amerikanischen Medien. Die Sprecherin des russischen Aussenministeriums, Maria Sacharowa, doppelte dazu auf Twitter nach: «Lest keine amerikanischen Zeitungen!» Mit denen könne man vieles tun, aber man solle sie nicht lesen. Das sei nicht mehr nur schädlich, sondern gefährlich.

«Wir mischen uns nicht ein»

«Egal», schloss Putin in Sotschi seinen Exkurs, «das ist eine amerikanische Angelegenheit, und wir wollen und werden uns da nicht einmischen.» Er genoss die Show, das war ihm anzusehen, und Beobachter machten zwei Botschaften an das einheimische Publikum aus, dem Putins Gedanken in den gestrigen Abendnachrichten ausführlich präsentiert wurden. Die erste: Mir, dem russischen Präsidenten, der schalten und walten kann, wie er will, und das Land fest im Griff hat, würde so etwas nie passieren.

Die zweite Botschaft betraf die amerikanische Demokratie als Ganzes: Im Wahlkampf hatten die staatlichen Fernsehsender unablässig darüber berichtet, wie schlecht es um die amerikanische Demokratie stehe, die als ungerecht, käuflich und schmutzig beschrieben wurde. Putins Kommentar aus Sotschi dazu lautet nun: Im Gegensatz dazu herrscht bei uns Ruhe und Ordnung.

Das Ansehen der amerikanischen Demokratie hat in Russland wegen des harten US-Wahlkampfs und des Chaos seit Trumps Amtsantritt massiv gelitten, während die immer neuen Manipulationsvorwürfe Präsident Putin in den Augen vieler Russen zum souveränen Steuermann der Weltpolitik werden lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 16:43 Uhr

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