Seine schlechteste Rolle
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 01.02.2010 10 Kommentare
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Seine Zigarren, lang und dick wie die Geschosse einer Flugabwehrkanone, pafft er weiterhin mit Lust und Hingabe. Und wenn er seinen Mund öffnet und dabei «Ca-li-foh-nia» herauspurzelt, lebt das Märchen von einem, der Austria verliess, um Amerika zu erobern, wieder beglückend auf. Im Allgemeinen aber hat sich die wundersame Story des Arnold Schwarzenegger erledigt, ohne dass dies wirklich dessen Schuld wäre.
Sein Mythos ist verblüht
«Einen Job wie diesen machst du nur, wenn du berufen bist zu führen», klopft er sich für seine inzwischen über sechsjährige Tätigkeit als Gouverneur Kaliforniens auf die breite Schulter. Am pazifischen Ende des amerikanischen Kontinents, wo sich unzählige Amerikaner neu erfanden, tat er es ihnen gleich. Nun aber, da am Horizont die Götterdämmerung heraufzieht und Schwarzenegger nicht einmal mehr ein Jahr im Amt verbleiben wird, ist sein Mythos verblüht wie eine Aster im November.
«Sogar ein Celebrity-Gouverneur wie ich kann gewisse Dinge nicht durchdringen», spricht er sich Trost zu, indes sein Gemeinwesen am Rande des Zusammenbruchs torkelt, lebendig wie immer, jedoch pleite wie nie zuvor. Ausser Spesen nichts gewesen, könnte man sagen, ohne Schwarzenegger damit allerdings gerecht zu werden. Nicht nur verzichtete der betuchte Gouverneur auf sein Staatssalär von jährlich 175'000 Dollar; brav und zuweilen tapsig versuchte er sich an dies und jenem, wenn auch erfolglos.
Selbstvertrauen ist noch da
Dennoch ist Schwarzeneggers Selbstvertrauen intakt geblieben. «Ein anderer würde vielleicht jeden Tag deprimiert hier herausmarschieren, ich aber marschiere hier nicht deprimiert heraus», brüstet er sich erhobenen Hauptes, wenngleich er Anfang Januar in der Staatshauptstadt Sacramento die alljährlich fällige Rede zur Lage Kaliforniens mit müden Augen hielt. Dass ihm der Job noch Spass macht, darf bezweifelt werden. Seine Umfragewerte stürzten in den Keller, auch glaubt die Mehrheit der Kalifornier, Schwarzenegger werde den Staat, beim Amtsantritt 2003 bereits in schlechtem Zustand, in noch schlechterem Zustand zurücklassen.
Denn Schwarzenegger muss sparen; das Geld ist extrem knapp: Dem Gouverneur fehlen 20 Milliarden Dollar. Die Armen und die Alten, die Kranken und die Staatsangestellten – alle werden zur Kasse gebeten. Aus Verzweiflung schlug er deshalb vergangene Woche vor, in kalifornischen Gefängnissen einsitzende illegale Mexikaner in die Heimat abzuschieben und sie dort in eigens für sie gebauten Gefängnissen einzukerkern. Wieder eine Milliarde gespart!
Leichengräber eines Traums
Dass sein Revier über zwölf Prozent Arbeitslosigkeit vorweist und Zwangspfändungen von Häusern so üblich geworden sind wie die Schlaglöcher auf den Freeways, mag Schwarzenegger schmerzen, dagegen ausrichten kann er nichts: Die Rezession beutelt seinen Staat, weshalb er zum Leichengräber des kalifornischen Traums geworden ist. Und seine Gegner dreschen auf ihn ein. «Er möchte der Terminator sein, aber wir müssen aufpassen, dass er Kalifornien nicht terminiert», höhnt Karen Bass, die Sprecherin der Demokraten im Staatsparlament.
Man muss ihn in Schutz nehmen. Denn die Kalifornier machten sich das Bett selber, in dem sie nun bang die Nächte verbringen. Und dies geschah, bevor Arnold Schwarzenegger davon träumte, eines Tages im Hof des kalifornischen Regierungsgebäudes in Sacramento würzige Zigarren zu rauchen.
Forderungen zum Dumpingpreis
«Wenn ich in meiner Karriere jedes Mal vor einer wichtigen Veränderung gezögert hätte, weil es zu schwierig war, würde ich immer noch in Österreich jodeln», versuchte er sein zerstrittenes Parlament in seiner Rede zur Lage des Staates auf Action zu trimmen. Die Wahrheit aber ist, dass Kalifornien sich bereits 1978 einen kollektiven Kinnhaken verpasste. Damals billigten die Wähler nach Protesten konservativer Steuerzahler die Begrenzung der immens wichtigen Immobiliensteuer auf ein Prozent des Immobilienwerts.
Die Wähler begehrten jedoch weiterhin gute Schulen und viele Gefängnisse, Parks und alles, was das Leben vermeintlich sicherer und lebenswerter macht. Und sie wollten es zum Dumpingpreis. Dass zusätzliche Steuern oder Steuererhöhungen überdies von einer Zweidrittelmehrheit im Parlament gebilligt werden müssen, machte die Sache nicht einfacher.
Der Staat lebte fortan über seine Verhältnisse und taumelte bisweilen in tiefe fiskalische Krisen, deren Bewältigung Normalsterblichen nicht gegeben war. Weshalb man Arnold Schwarzenegger 2003 kurzerhand zum Gouverneur wählte. Ein republikanischer Einwanderer ohne präzise ideologische Festlegung mit einer prominenten demokratischen Gattin und obendrein ein Charismatiker und Hollywood-Idol.
Der zufällige Republikaner
Zumal der Held ja nur Republikaner geworden war, nachdem er 1968 zufällig Richard Nixon im TV gesehen und gehört hatte. «Welcher Partei gehört der an?», fragte Arnold einen Freund, derweil er sich an Nixons Oden an freies Unternehmertum und Patriotismus delektierte. Aber Schwarzenegger wurde kein republikanischer Taliban, der Jesus verklärt und Darwin verteufelt; er gibt sich als aufgeklärter Lebemann der Mitte, der an leidige Phänomene wie die Erderwärmung glaubt, derweil der harte Kern seiner Partei mit derlei Häresien nichts anfangen kann.
Er benötige zweierlei, um erfolgreich zu regieren, hatte ihm sein glückloser Vorgänger Gray Davis bei der Amtseinführung anvertraut: «Regen im Norden und eine florierende Wirtschaft.» Regen, damit Südkalifornien genug Wasser erhielt, dazu möglichst einen Boom, um die strukturellen Schwächen der Staatsfinanzen zu kaschieren.
Misstrauen in der eigenen Partei
Der Regen fiel, die Wirtschaft freilich implodierte im Sog der Wallstreet-Pleite. Doch Schwarzenegger hatte schon zuvor Lehrgeld bezahlt und sich vertan: Seine Initiativen zur Sanierung verpufften, seine eigene Partei misstraute ihm, die Demokraten gleichfalls, die Gewerkschaften lehnten sich auf, und die Wähler gaben ihm den Rest, indem sie seine Vorschläge ablehnten.
«Das System ist so konstruiert, dass es scheitern muss», lautet sein Befund, womit er sich eine fabelhafte Entschuldigung ausstellt. Er habe, wird er sich sagen, die Quadratur des Kreises wenigstens angestrebt. Hatte er nicht versucht, seine politischen Feinde, die sich zudem untereinander spinnefeind waren, in Sacramento mit geschenkten Stumpen und Kameraderie für sich und seine Sache zu gewinnen? Und hatten sie ihm nicht den Finger gezeigt?
Hoffen auf Washington
Aber das war einmal. Dieser Tage tritt Arnold Schwarzenegger vor die Kalifornier und produziert Sätze wie: «Unser Geldbeutel ist leer.» Oder: «Unsere Bank ist geschlossen.» Oder: «Unsere Kredite sind ausgetrocknet.» Erlösen von seinem Übel soll ihn das ferne Washington, wo der Gouverneur mit dem Klingelbeutel hausieren geht, um eine milde Gabe von rund sieben Milliarden Dollar einzuheimsen.
Viel Erfolg wird ihm nicht beschieden sein; die Vertreter des Staats im Kongress nervt der arme Mann aus Sacramento mit seiner Bettelei. Falls er und das renitente Staatsparlament sich nicht bald auf eine Überwindung der finanziellen Kalamitäten einigen, wird der Terminator einen gewaltigen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Schuld dafür wird man auch ihm anlasten.
Auftritt in neuem Action-Film
Andererseits darf er sich damit trösten, im August wieder über die Kinoleinwände zu flimmern, und sei es auch nur in einer Mini-Szene mit Bruce Willis und Sylvester Stallone im Streifen «The Expendables». Der darin auftretende Star Dolph Lundgren spricht von einem «traditionellen Action-Film» – womit Arnold wieder dort angelangt wäre, wo alles begann, ehe es im Chaos endete.
Seine politische Karriere ist jedenfalls vorbei, da Schwarzenegger nicht den Fehler zu begehen scheint, für einen der zwei kalifornischen Senatssitze in Washington zu kandidieren. Schliesslich haben die Jahre in Sacramento eindeutig bewiesen, dass selbst ein Mythos nichts auszurichten vermag gegen die vielen Spielverderber. Arnold Schwarzenegger wird deshalb seine Murmeln einpacken und den politischen Spielplatz weiser und älter verlassen.
In Kalifornien stehen sie unterdessen bereits Schlange, um ihn im Herbst zu beerben. Sogar Prinz Frederic von Anhalt, der umtriebige Ehemann der steinalten Zsa Zsa Gabor, träumt davon, Governator zu werden; er verspricht zu diesem Zweck freie Liebe und auch sonst allerhand Erkleckliches. «Ich bin ja kein grosser Politiker, aber ich habe mir gesagt: Wenn Arnold das machen kann, dann kann ich das auch», schwelgt der Prinz in seinem Ego. Arnold kann darüber gewiss nur lachen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2010, 10:32 Uhr
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10 Kommentare
Hotel California wird wohl bald zu Haiti California. Natürlich trägt er nicht die alleinige Schuld, doch ist er ein schönes Beispiel für ein Mensch, der sich den falschen Job zur falschen Zeit geangelt hat. Wie immer versucht er sich selber reinzuwaschen, doch soviel OMO gibt es nicht mal in Californien! Für mich "spielte" er seine schlechteste Rolle und leider war es kein Film! Antworten










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