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«Trump ist ein Hinterwäldler wie wir»

Autor J. D. Vance hat ein Buch über die Bewohner der Appalachen geschrieben. Diese sähen Donald Trump als einen der ihren: stolz, aggressiv und politisch inkorrekt.

Hillary Clinton nennt sie «bedauernswert»: Trump-Unterstützer in Ohio. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Hillary Clinton nennt sie «bedauernswert»: Trump-Unterstützer in Ohio. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

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Hillary Clinton beschreibt sie als «einen Haufen Bedauernswerter», der republikanische Senator John McCain hält sie für «Crazies», für Verrückte, und das konservative «Wall Street Journal» kanzelt sie in einem Leitartikel als «armselige Verlierer» ab. Die Rede ist vom harten Kern der Trump-Wähler. Sie lassen sich durch keinen noch so krassen Fehltritt ihres Mannes beirren. Sie johlen, wenn er geifert. Sie buhen, wenn der Name Clinton fällt. Je tiefer Trump abstürzt, desto fester klammern sie sich an ihn. Sie machen etwa 40 Prozent der Wähler aus und sind überwiegend Männer aus den ärmeren, südlichen und industriellen Staaten. In Trump erkennen sie sich selber wieder, erklärte J. D. Vance, Verfasser einer eindrücklichen Charakterstudie der Bewohner der Appalachen, jener von Alabama bis nach Kanada reichenden Gebirgsregion, die in ganz Amerika als Habitat der Hinterwäldler gesehen wird. «Trump ist ein Hillbilly», sagt Vance. «Er spricht wie wir, er hat die gleichen Vorurteile. Er sieht sogar aus wie ein Hinterwäldler.»

Wenn Trump vor laufenden Fernsehkameras den Teleprompter zerlegt, wenn er Hillary Clinton wegen ihres Aussehens lächerlich macht oder wenn er offene Gewalt gegen Demonstranten androht, dann erkennt J. D. Vance mehrere Verhaltensmuster, die er in seiner Jugend erlebt hat. Seine Grossmutter übergoss ihren betrunkenen Mann mit Benzin und zündete ihn an. Als Kind schon hatte sie einen Viehdieb angeschossen. «Ihr Lieblingswort war das F-Wort. Fluchen ist normal in unserer Gesellschaft. Man spricht so, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Trump tut das auch, und das kommt an.» Seine Mutter war schwer drogensüchtig, wechselte ihre Männer häufig und musste die elterliche Aufsicht über ihre Kinder abgeben. «Doch meine Mutter sah die Schuld nie bei sich selber. Schuld an ihrem Unglück waren immer die anderen», führt Vance im Gespräch aus.

«Das Suchen nach Sündenböcken ist tief verankert in der Kultur der Scots-Irish. Die Ehre der Familie ist um jeden Preis zu verteidigen. Wer von aussen kommt, wird angegriffen», beschreibt Vance einen tief in der Kultur der Appalachen sitzenden Charakterzug, der angeblich noch auf die schottisch-irischen Einwanderer zurückzuführen sei. Vance sieht auffällige Parallelen zu Trump. Schuld am drohenden Untergang der USA sind die Fremden und Aussenstehenden, seien es Chinesen, Muslime oder Mexikaner. Trump steht seiner Familie vor wie ein Clanchef. Er hat sich mit ihr im Trump Tower in Manhattan verschanzt, von wo aus er seinen medialen Feldzug führt. Etwas von diesem Denken sei auch noch bei Bill Clinton sichtbar, sagt Vance, denn Clinton wuchs in ärmlichen, schwierigen Verhältnissen in Arkansas auf. «Bill redet noch immer wie wir. Bill und Trump sind die einzigen Politiker der letzten 30 Jahre, die wissen, wie mit den benachteiligten weissen Wählern zu sprechen ist.»

«Sie beleidigt meine Leute»

Der 31-jährige Vance hat den Sprung aus dem Elend der Appalachen geschafft. Dank dem Zureden seiner Grossmutter und mit etwas Glück. Nach einem vierjährigen Einsatz im Irakkrieg mit dem US Marines Corps, zu dem er sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gemeldet hatte, und nach einem Rechtsstudium an der renommierten Yale-Universität lebt und arbeitet Vance heute in San Francisco. Sein Arbeitgeber ist Peter Thiel, ein führender Investor im Silicon Valley – und ein Trump-Financier. Mit seinem Chef spricht Vance nicht über Politik, doch es sei klar, sagt Vance, dass er Trump nicht wählen könne: «Er ist destruktiv und unberechenbar.» Er will leer einlegen oder einen Drittkandidaten wählen, was faktisch einer Stimme für Hillary Clinton gleichkommt. So wie er dürfte am 8. November eine noch wachsende Zahl von Republikanern abstimmen. Warum aber nicht Hillary? «Wenn sie von den Bedauernswerten unter uns spricht, so gilt das nur für fünf Prozent der Trump-Wähler. Sie beleidigt die grosse Mehrheit, die weder rassistisch noch fremdenfeindlich ist. Sie haben ihre Vorurteile, so wie wir sie alle haben. Ich bin sehr besorgt, dass Hillary meine Leute noch mehr in eine Ecke drängt und damit Trump gleicht. Sie stösst die Wähler weg von sich, er zieht sie an.»

Vance wuchs in Middletown, Ohio, auf, einer mittelgrossen Industriestadt im Mittleren Westen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Familien aus den Appalachen gut bezahlte Stellen in der Stahlindustrie bot. Seine Grosseltern zogen nach Middletown, und trotz der latenten Gewalttätigkeit am Ort findet Vance heute, dass er Glück gehabt habe. Seine Grossmutter zog ihn auf. «Wenn du weiterkommen willst, musst du weg von hier. Sei kein Verlierer wie die anderen.» Ein tiefer Pessimismus prägt das weisse, ländliche Amerika. «Meine Familie war bei weitem nicht die schlimmste. Alkohol, Drogen, Scheidungen – das ist, was meine Leute plagt und sie bitter macht. Niemand sieht die Zukunft düsterer als die weissen ländlichen Amerikaner.» Der simple Slogan «Make America Great Again» von Trump sei eigentlich ein Zeichen der Verzweiflung, sagt Vance, denn eigentlich sei den meisten Trump-Wählern auch klar, dass der Mann mehr verspreche, als er einlösen könne.

Trump ist ein Stinkefinger

Doch die rabenschwarze Sicht auf die Welt, die dem Alltag der grossen Mehrheit der Amerikaner nicht entspricht, macht Trump zu einem natürlichen Verbündeten der Enttäuschten und Abgedrängten. Barack Obama und Hillary Clinton könnten diese Rolle nie übernehmen: «So wie sie sprechen, sind sie für meine Leute fremdartig. Trump dagegen macht es nichts aus, jemanden zu beleidigen. Es interessiert ihn nicht, was politisch korrekt ist. Wenn er auftritt, dann erkennen sich meine Leute in ihm», sagt Vance. «Trump ist der Stinkefinger dieser Wähler. Meine Freunde in Ohio finden wie ich, dass seine Attacken auf Mexikaner oder Muslime beleidigend sind. Aber noch mehr schätzen sie seine Aggressivität und seinen Widerwillen gegen die politische Korrektheit.»

Die letzte Phase des Wahlkampfs hat den harten Kern der Wähler und den Kandidaten noch näher zueinandergebracht. Trump hat seine destruktive Strategie verschärft und jeden Anschein aufgegeben, ein Republikaner zu sein oder die Partei zu vertreten. Wer je die Illusion hatte, er werde sich mässigen oder traditionelle konservative Werte vertreten, sieht sich getäuscht. Überraschen kann dies aber niemanden: Die überzeugten Trump-Wähler hätten das von Anfang an gewusst, meint Vance, und deshalb gingen sie mit ihrem Kandidaten auch ins Verderben. Für sie sei die Republikanische Partei genauso schlimm wie die Demokratische: «Die zwei Parteien werden als Vertreter einer kosmopolitischen, reichen Elite gesehen. Die Republikaner nehmen aus dieser Optik die Interessen der Finanzelite wahr, die Demokraten stehen für eine arrogante Kulturelite.»

Verpfuschter Krieg

Die Clan-Kultur der Appalachen war für die Streitkräfte der USA historisch gesehen stets hilfreich bei der Rekrutierung von Personal. Nirgendwo sonst melden sich mehr Junge zum Militär als in diesen Regionen des Landes. Wirtschaftliche Gründe spielen dabei eine wichtige Rolle, doch das patriotische Grundgefühl ist auch klar eine Frage des Stolzes. Trump hat das erkannt und genutzt. «Trump ist der einzige aller Kandidaten, der sich an die Eltern der getöteten und verletzten Soldaten gewendet hat. Der offen sagt, dass die politische Elite die Kriege im Irak und in Afghanistan verpfuscht hat. Er ist der Einzige, der auch sagt, dass die Veteranen im Stich gelassen werden.»

Vance glaubt, dass Trump 70 Prozent der Stimmen der Kriegsveteranen und Militärfamilien erhalten könnte – Kontroversen um sein Privatleben und um seine Angriffe auf eine muslimische Veteranenfamilie hin oder her. «Sie waren stets stolz darauf, dem Land zu dienen. Auch ich selber fühlte die Verpflichtung nach den Terroranschlägen, etwas für dieses Land zu tun. Soldaten haben ihr Leben gegeben, ihr Hirn ist geschädigt, sie haben Arme und Beine verloren. Und nun fühlen sie, dass ihr Opfer es nicht wert war. Das ist demütigend.» Trump sei ihr Protest gegen diese Demütigung, so Vance, «es ist ein Akt der Verzweiflung».

Gibt es eine bessere Zukunft für die Appalachen? Oder werden sie mit der absehbaren Niederlage von Donald Trump nur noch mehr traumatisiert? «Meine Leute haben den Eindruck, dass alle auf sie herabblicken. Sie fühlen sich geächtet, weil sie ­leben, wie sie leben, und weil sie reden, wie sie ­reden.»

Eine Lösung dieser Krise kann nach Vance’ Ansicht nicht allein von der US-Regierung erwartet werden. «Das weisse ärmere Amerika leidet nicht in erster Linie unter Wirtschaftsproblemen, sondern kämpft einen kulturellen Kampf. Meine Erkenntnis heute ist, dass die Regierung nicht wirklich helfen kann. Meine Leute müssen endlich begreifen, dass ihnen niemand helfen kann, wenn sie sich nicht selber helfen. Auch Trump wird ihnen nichts bringen.»

Die neuen Schwarzen?

Ansätze einer Lösung sieht er in der afroamerikanischen Gemeinschaft. Das ist nicht ohne Ironie, bezeichnen sich die frustrierten, armen Weissen heute doch gern als «die neuen Schwarzen». Trotzdem: «Schwarze Führungsfiguren reden ihren Leuten gut zu. Sie geben ihnen Selbstvertrauen. Sie ermuntern sie, gute Eltern zu sein und eine intakte Familie zu bilden. Präsident Obama ist ihr Vorbild», sagt Vance. Tatsächlich ist die schwarze Bevölkerung heute weniger zerrissen als das weisse ländliche Amerika. Die Zahl der intakten afroamerikanischen Familien wächst, im weissen Süden nimmt sie ab. Das Gleiche gilt offenbar für Scheidungen und Drogensucht.

Vielleicht ist mit diesen Wahlen der Tiefpunkt erreicht, von dem aus es nur aufwärtsgehen kann. «Meine Freunde und meine Familie in Ohio sind sehr realistisch. Sie glauben nicht wirklich, dass Trump ihr Leben besser macht. Sie fühlten sich für so lange Zeit vernachlässigt, dass ihre Erwartungen sehr klein sind. Wirklich schlimm wäre nur, wenn sie nach den Wahlen noch mehr auf die Seite geschoben oder noch mehr lächerlich gemacht würden», sagt Vance. Dies würde nur Trump in die Hände spielen.

«Je mehr die Hillbillies zu Aussenseitern gemacht werden, je mehr sie als Rassisten beschimpft werden, desto schlimmer wird es bei den Wahlen 2020 werden. Dies würde einen zweiten Trump produzieren, eine noch hässlichere Version des Trump von 2016.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2016, 19:20 Uhr

Biograf der Hillbillies: J. D. Vance. Foto: Naomi McColloch

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