Hintergrund

Trutzburg gegen den Weltuntergang

Im US-Staat Idaho soll eine Stadt für patriotische Schusswaffenfanatiker entstehen – mit einer Waffenfabrik sowie Türmen und Stadtmauern.

Die letzte Zuflucht für das weisse Amerika? Illustration auf der Citadel-Website.

Die letzte Zuflucht für das weisse Amerika? Illustration auf der Citadel-Website. Bild: PD

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Wem Disneyworld zu bieder ist, der kann sich womöglich schon bald an einer mit Waffen aufgerüsteten Version des Familienparks ergötzen: Amerikanische «Survivalists», wie zumeist radikale Weisse genannt werden, die Kulturkollaps, Zivilisationszusammenbruch und Überfremdung durch dunkelhäutige Einwanderer fürchten, möchten im entlegenen Norden des Staates Idaho eine Stadt für Ballermann-Freunde und Selbstversorger errichten, die sogar zweifach ummauert werden soll. The Citadel – die Zitadelle – nennt sich das Projekt, für das im Internet geworben wird. Zwischen 3500 und 5000 Familien sollen dort siedeln, «über 200» hätten sich bereits beworben, behaupten die Organisatoren.

Einen guten Ruf geniesst der Norden Idahos freilich nur bedingt: Die Region ist in Verruf geraten als Rückzugsgebiet von Neonazis, rassistischen Gruppen wie der Aryan Brotherhood und gewalttätigen Einzelgängern, die sich gelegentlich schon mal einen Schusswechsel mit Polizei und FBI liefern. The Citadel verspricht den Siedlungswilligen hingegen, man werde sich an alle geltenden Gesetze halten. Allerdings ist jeder Bewohner verpflichtet, ein AR-15-Sturmgewehr zu besitzen – die gleiche Schusswaffe, mit der unlängst in Newtown 20 Kinder erschossen wurden.

Sozis und Hipster unerwünscht

Wer den zentralen Platz der Zitadelle aufsucht – um beispielsweise mit einem Eis in der Hand zu flanieren –, muss überdies Pistole oder Revolver tragen. Nebst Türmen und Mauern soll inmitten der idyllischen Berge Idahos auch ein Schlossbau entstehen, vielleicht im Stil des Magic Castle in Disneyworld – oder doch eher ein Palazzo nach venezianischer Art? Der Prospekt der Citadel-Erbauer bleibt darauf die Antwort schuldig, verspricht indes, dass Patriotismus und der «Glaube an die amerikanische Einzigartigkeit» die Stadt geradeso einen werden wie «unsere stolze Geschichte der Freiheit, wie sie von unseren Gründervätern definiert wird».

Nicht jeder aber darf sich bewerben: «Marxisten, Sozialisten, Liberale und Establishment-Republikaner werden wahrscheinlich merken, dass das Leben in unserer Gemeinschaft unvereinbar ist mit ihren Ideologien und Lifestyles» – woraus leicht geschlossen werden kann, dass Schwule und Lesben, Atheisten und Stripper, Hipster und Gangstas gleichfalls nichts zu suchen haben in der Zitadelle. Sie müssen leider draussen bleiben. Drinnen hingegen winkt dem autarken Bürger nicht nur Schutz vor dem Weltuntergang – die Siedlung wird über eine eigene Strom- und Wasserversorgung verfügen! –, er ist zudem vor der «Recycling-Polizei» ebenso sicher wie vor willkürlichen städtischen Verordnungen.

Tourismus und Waffenverkäufe als Einnahmequelle

Entstehen soll diese Trutzburg des wehrhaften Amerikas auf mindestens 800 Hektar Land, das zu bebauen viel Beton braucht, da alle Häuser sogar Wirbelstürmen wie Katrina und Sandy trotzen sollen. Zwar gab es in Idaho noch nie einen Wirbelsturm, aber im Zuge des Klimawechsels ist eben alles möglich. Arbeit findet der Willige in einer geplanten Fabrik für Schusswaffen; auch einen hoffentlich einträglichen Tourismus peilen die Organisatoren an. Vor den Toren der Zitadelle dürfte mithin ein asphaltierter Busparkplatz eingerichtet werden, damit zahlreiche Besucher die Traditionen und Rituale der Einheimischen bestaunen können.

Interessierte können auf www.iiicitadel.com Bewerbungsunterlagen anfordern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.01.2013, 19:16 Uhr

Zwischen Naivität und Wahnsinn: Grundriss der geplanten Patriotensiedlung. (Anklicken für Grossansicht) (Bild: PD)

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