.

US-Geheimdienste rekrutierten 1000 Ex-Nazis

US-Dienste und Behörden warben nach 1945 systematisch Nazis an. Sogar ein Mitarbeiter Adolf Eichmanns landete in New York.

Die CIA setzte Ex-Nazis im Kampf gegen die Russen ein: Eingangsbereich des CIA-Sitzes in McLean, Virginia.

Die CIA setzte Ex-Nazis im Kampf gegen die Russen ein: Eingangsbereich des CIA-Sitzes in McLean, Virginia. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg und mit Beginn des Kalten Krieges rekrutierten US-Geheimdienste und das FBI mindestens 1000 ehemalige Nazi-Offiziere und Angehörige von Gestapo und SS für die Aufklärungsarbeit gegen die Sowjetunion. In einem neuen Buch schreibt jetzt Eric Lichtblau, ein Investigativreporter für die New York Times, an Hand bislang unveröffentlichter US-Dokumente, selbst schwer belastete Ex-Nazis seien von den USA angeworben und gedeckt worden.

Bereits 2010 hatte das US-Justizministerium in einem vier Jahre geheimgehaltenen Report zugegeben, die USA seien nicht nur ein «Zufluchtsort für die Verfolgten, sondern auch für die Verfolger gewesen». Laut Lichtblau rekrutierte vor allem der 1947 neu geschaffene Geheimdienst CIA in den fünfziger Jahren ehemalige Nazis, darunter Kriegsverbrecher, die an der Verfolgung von Juden teilgenommen hatten. Im Falle eines SS-Offiziers bekannte der Dienst in internen Unterlagen, der Mann habe «wahrscheinlich kleinere Kriegsverbrechen zu verantworten».

Dunkelziffer weit über 1000

Lichtblau zitiert in seinem Buch («The Nazis Next Door: How America Became a Safe Haven for Hitler's Men») Historiker, die die Dunkelziffer der von den USA angeworbenen Nazis für wesentlich höher als 1000 halten. Unter den Rekrutierten befand sich der deutsche Raketenexperte Arthur Rudolph, der bereits 1945 in die USA übersiedelte, obwohl er bei seinen Projekten Sklavenarbeiter eingesetzt hatte. Als sich Rudolph 1949 kurzzeitig in Mexiko aufhielt, beschwor das Washingtoner Justziministerium US-Einwanderungsbeamte, den Nazi-Ingenieur wieder ins Land zu lassen: Rudoph sei unerlässlich «für die nationale Sicherheit» der USA.

Unter Führung des legendären CIA-Direktors Allen Dulles warb der Geheimdienst sogar einen Mitarbeiter Adolf Eichmanns an: Obwohl Otto von Bolschwing an den Judenverfolgungen mitbeteiligt war, erlaubte ihm die CIA 1954 als Belohnung für seine «loyale Arbeit» die Einwanderung nach New York. Flogen die Nazis auf, intervenierte zuweilen der Dienst oder das FBI, um eine Anklage oder Abschiebung zu verhindern. So lehnte das FBI 1980 ein Ersuchen des Justizministeriums ab, Auskünfte über 16 Nazi-Verdächtige zu liefern.

Intervention des CIA

Als das Justizministerium 1994 den in Boston lebenden litauischen Nazi-Kollaborateur Aleksandras Lileikis anzuklagen versuchte, intervenierte die CIA, für die Lileikis gearbeitet hatte - obwohl die Unterlagen des Dienstes festhielten, dass Lileikis der Gestapo zugearbeitet hatte und «wahrscheinlich an der Erschiessung von Juden» beteiligt war. Bereits 1952 hatte ihn die CIA für ein Jahresgehalt von 1'700 Dollar als Spion in der DDR eingestellt.

Noch 1995 verschleierte die CIA in einem Memorandum an den nachrichtendienstlichen Ausschuss des Washingoner Repräsentantenhauses die blutige Vergangenheit von Lileikis: Es existierten «keine Hinweise», dass die CIA über Lileikis' «Aktivitäten während des Krieges» informiert gewesen sei. nnnn (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.10.2014, 12:49 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Der «Advokat des Teufels» ist tot

Jacques Vergès verteidigte Nazi-Kriegsverbrecher, einen Gestapo-Chef und Slobodan Milosevic. Jetzt ist der legendäre und ebenso umstrittene französische Anwalt 88-jährig gestorben. Mehr...

Hitler als Superheld

In Thailand ist ein befremdlicher Kult um Nazi-Symbole entstanden. Nun hat eine Uni ein Transparent aufgehängt, auf dem Hitler neben Comic-Helden zu sehen ist. Eine Studentin posierte davor in «Sieg Heil»-Pose. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Geldblog Steigender Ölpreis macht Sulzer attraktiv

Wahltheater Romney soll Trump stoppen? Vergesst es!

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Stolze Mama: Walross-Mutter Arnaliaq zeigt in Quebec ihren Nachwuchs (26. Mai 2016).
(Bild: Jacques Boissinot) Mehr...