Unter Trump leben

Wie haben amerikanische Schriftsteller die Wahl erlebt? Eine liberale Krimiautorin und ein konservativer Romanautor sagen, was sich für sie verändert hat.

Er kritisiert die Linken, sie mahnt zur Wachsamkeit: Roy M. Griffis und Valerie Wilson Wesley. Fotos: Cédric von Niederhäusern

Er kritisiert die Linken, sie mahnt zur Wachsamkeit: Roy M. Griffis und Valerie Wilson Wesley. Fotos: Cédric von Niederhäusern

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«Der Anfang eines kalten Bürgerkriegs»

Roy M. Griffis ist Ex-Rettungsschwimmer, IT-Ingenieur, Blogger und Romanautor. Foto: Cédric von Niederhäusern

Trump hat gewonnen. Das hat nicht nur die Hillary-Gläubigen überrascht, sondern auch eine ganze Menge Konservativer. Mich auch. Denn die meisten von uns (auch die Kandidatin selbst) waren überzeugt, dass das Ende dieses Drehbuchs längst geschrieben war.

Hinter Hillary stand eine mächtige Maschinerie: das Nationalkomitee der Demokratischen Partei (das, wie Wikileaks aufdeckte, alles tat, um die Stimmen der Anhänger von Bernie Sanders zu unterdrücken); die Mehrheit der US-Medien, deren Kritik an Ihrer königlichen Hoheit Clinton sich darauf beschränkte, sie als so überwältigend darzustellen, dass sie für Minderbemittelte einfach nicht zu begreifen sei. Präsident Obama und seine Frau. Und natürlich die Besten und Schönsten von Hollywood.

Die Republikaner hatten Trump: eine Karikatur von einem Kapitalisten mit schlechten Haaren, vielen schönen Ex-Frauen und einem Lebensstil von vulgärem Exzess. Auf dem Papier (in wirklich vielen Zeitungen) hätte das ausreichen sollen, um ihn und die Partei zu versenken, was die Geburtsstunde weiterer vier glorreicher Jahre wohlwollender, umsichtiger, linksdemokratischer Herrschaft gewesen wäre.

Aber der Clown hat gewonnen. Wie konnte das passieren? Nun, viele Leute haben nicht für Trump gestimmt. Sie haben gegen Hillary gestimmt, gegen die politisch korrekten Leute, die halb Amerika seit Jahrzehnten weiszumachen versuchen, dass es zu dumm sei, um schwierige Fragen wie illegale Einwanderung zu begreifen.

Die politisch korrekten Leute waren fassungslos und schockiert. Aber nicht lange. Fast sofort nach der Wahl kam es zu Unruhen und Plünderungen. Menschen wurden verbal und körperlich angegriffen, weil sie falsch gewählt hatten. Genau das, was Hillary-Anhänger befürchtet hatten: Trump-Wähler lösten eine Welle von Gewalt, Rassismus und Zerstörung aus.

Augenblick mal. Stimmt nicht. Geschäfte in Seattle, Portland, Oakland und Los Angeles gingen nicht in Flammen auf, weil Trump-Wähler Feuer legten. Es waren die Kräfte des Guten und der Erleuchtung, die ihr friedliches Feuerwerk mit Sprechchören wie «Fuck Trump!» untermalten. Was das bedeutet? Ich vermute, das überraschende Wahlergebnis ist der Anfang eines kalten Bürgerkriegs. Und das erste Opfer des Kriegs war eine Lüge.

Die Lüge, die immer wieder erzählt wurde, ist, dass Linke in Amerika die Einzigen sind, die Liebe und Mitgefühl empfinden, dass sie feste Überzeugungen haben, den Unterdrückten eine Stimme geben. Die Presse und Hollywood haben seit Jahren darauf geschworen, dass nur Linke an das Gesetz und die Verfassung glauben.

Der heilige Krieg der Linken

Die Nachwehen der Wahl haben diese Lüge in krasser Klarheit enthüllt. Die Linken haben den Anschein der Prinzipientreue, der Moral und der Rationalität aufgegeben. Sie wissen, dass sie recht haben und dass ihre Feinde das Böse schlechthin sind. Für die amerikanische progressive Linke handelt es sich um einen heiligen Krieg. Und in einem Krieg gegen feindliche Untermenschen ist alles erlaubt.

Eine obskure, winzige Gruppe von Nazis bekennt sich zu Donald Trump? Dann müssen natürlich alle Trump-Anhänger Nazis sein. Dass Barack Obama von der Nation des Islam, einer Gruppe rassistischer, antisemitischer, homophober Hassprediger, unterstützt wurde – bedeutet das, dass alle seine Anhänger rassistische, homophobe Antisemiten waren? Wer intellektuell aufrichtig ist, kann diese lächerliche Frage leicht beantworten.

Wahrhaftigkeit ist heute das oberste Gebot. Plötzlich machen sich politisch korrekte Menschen überall Gedanken über den Wahrheitsgehalt von jeder Trump-Aussage. Wenn man andererseits fragt, wie es die Linke mit der Wahrheit hielt, während Obama an der Macht war, heisst es, dass er sich der «politischen Übertreibung» schuldig gemacht habe.

Dann sind da die Todesdrohungen. Offenbar ist es jetzt cool, vom Mord an einem Präsidenten zu träumen oder diesen gar zu fordern – solange es ein böser republikanischer Präsident ist. Wer so etwas über einen heiligen demokratischen Präsidenten mit schwarzer Hautfarbe gesagt hätte, wäre als unbeschreiblich rassistisch abgestempelt worden.

Die Linken haben ihre Maske fallen lassen. Sie wurden faul nach Jahrzehnten der Vorherrschaft im Kulturkampf und liessen ihre Verachtung für die unbelehrbaren republikanischen Bundesstaaten durchblicken. Vor ihrer Niederlage gaben sie Trump-Anhängern den grosszügigen Rat, das Ergebnis friedlich anzuerkennen. Nach der Wahl hiess es: «Nicht mein Präsident!»

Die Zukunft wird zeigen, welchen Einfluss Trump auf das Land haben wird. Was aber die Linken betrifft, hat Trump der Nation schon einen grossen Dienst erwiesen. Mit ihren irrationalen Wutausbrüchen, ihren Gewalttaten und Versuchen, eine faire Wahl rückgängig zu machen, ist ihr totalitäres Gesicht in seiner ganzen Schönheit zutage getreten. Schon deshalb bin ich froh, Trump gewählt zu haben.

Übersetzung: Hans Brandt

«Ein Trump, der kommt und geht»

Valerie Wilson Wesley ist Journalistin und Autorin von Schauerromanen, Kinderbüchern und Krimis. Foto: Cédric von Niederhäusern

Die Wahl ist mehr als vier Wochen her, doch ich erwache noch immer jeden Morgen mit einem unguten Gefühl. Offenbar bin ich nicht die Einzige: Als die grüne Kandidatin Jill Stein eine Nachzählung der Stimmen in drei entscheidenden Bundesstaaten forderte, spendeten Leute aus der Bevölkerung sofort sechs Millionen Dollar für das Projekt.

Ändern wird das nichts mehr. Auch wenn Hillary fast zweieinhalb Millionen Stimmen mehr erhalten hat: Trump hat das Electoral College gewonnen – eine Einrichtung, die kleinen, bevölkerungsarmen Staaten mehr politische Macht gibt als grossen. Schon im Jahr 2000 hatte George W. Bush seinen Gegner Al Gore wegen dieses veralteten Electoral College schlagen können.

Nun ist Herr Trump unser nächster Präsident, und viele Amerikaner liegen wach. Wegen derselben Fragen, die auch mich plagen: Wird er einen weiteren Kämpfer für die Vorherrschaft der weissen Rasse als Berater nominieren? Wo wird die nächste Zusammenkunft der «Alt-right»-Neonazis sein? Wie viele Milliardäre kann Trump noch in sein Kabinett packen? Diese Wahl scheint mir immer noch unwirklich. Ich weiss zwar, ich sollte ihren Ausgang nun langsam endlich akzeptieren. Doch ich kann nicht vergessen, wie die Nacht war, in der Donald Trump gewann.

Gegen 21 Uhr am Wahlabend begann ich, mich schlecht zu fühlen. Wie konnte Trump gewinnen? Gegen 22 Uhr wusste ich, dass sich ein Alternativuniversum aufgetan hatte und dass jedes fortschrittliche Ideal, das wir über die letzten zwei Jahrzehnte gewonnen hatten, nun verloren gehen würde. Das klügste Vorgehen, beschloss ich, war ein Schlafmittel zu nehmen und wieder aufzuwachen, wenn diese Wahl vorbei sein würde. Schliesslich sollte ich am anderen Tag an einer Highschool einen Raum voller Teenager unterrichten.

Der Enkel und die Teenager

Doch bevor ich zu Bett ging, musste ich noch meinen Enkel beruhigen, der so sehr weinte, dass er keinen Schlaf fand. Er wusste, er ist sicher in der Obama-Welt, in der der Präsident aussieht wie er und den Wert aller Menschen respektiert. Trump aber hatte Hass verbreitet, und mein Enkel fürchtete, dass diese Worte nun ihm und seinen muslimischen Freunden wehtun könnten. Auch ich hatte Angst, aber das durfte ich ihn nicht spüren lassen.

Ich erklärte meinem Enkel, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Verfassung gelte. Dass niemand, nicht einmal der Präsident, die Macht habe, alles zu tun, was er will. Ich sagte ihm, dass wir Afroamerikaner schon viel Schlimmeres erlebt und überlebt hätten als Trump. Ich erinnerte ihn daran, dass er eine kräftige Familie hat, die ihn beschützt. Und dass Amerika verteidigt wurde durch die Kraft, gewässert durch das Blut und erbaut durch den Schweiss seiner Vorfahren. Wir haben Sklaverei, die Jim-Crow-Gesetze und Rassentrennung ausgehalten – und sind gediehen. Dieses Land gehört auch uns. Solange es ein Amerika gibt, werden wir hier sein. Ein Trump, der kommt und geht.

Meine Schüler am anderen Tag liessen sich nicht ganz so leicht beruhigen. Sie hatten Angst, auch wenn sie das als toughe Teenager nicht zeigen wollten. Doch gerade ihre jugendliche Frechheit und Grossspurigkeit machen sie besonders verletzlich. Schwarze stehen für das Fremde in den Augen vieler Amerikaner, und schwarze Teenager besonders. Alles – Stop-and-frisk-Polizeikontrollen, fehlende Familienplanung, zu viele Waffen, tödliche Schüsse durch Polizisten – wird sie als Erste und am härtesten treffen. Diese Kinder wurden erwachsen mit Barack Obama und hatten keine Ahnung, wie hasserfüllt Amerika werden kann.

Was also tun? Seid wachsam. In einer Weise, wie ihr das vorher nie wart. Watet ins Schilf der amerikanischen Geschichte, in die Jahre um 1780 – und findet heraus, dass das Electoral College geschaffen wurde, um bevölkerungsarmen Sklavenhalterstaaten die Möglichkeit zu geben, versklavte Menschen als Dreifünftelpersonen zu zählen und so eine vergleichbare politische Macht zu bekommen wie die freien Bundesstaaten. Unterstützt progressive, linke Organisationen, welche ihr bisher aus Geiz oder Faulheit ignoriert habt. Geht auf die Strasse, wenn es euch dort braucht. Schreit, wenn eure Stimmen gehört werden müssen. Schreibt Briefe, bis eure Finger taub sind. Seid euch bewusst, dass jede Freundlichkeit, jedes bisschen Toleranz und jede generöse Geste ein Schlag gegen Trump ist und gegen die, die ihn unterstützt haben.

Bevor er diese Nacht einschlief, fragte mich mein Enkel: «Kann ich nicht vier Jahre lang schlafen und dann aufwachen, wenn er nicht mehr Präsident ist?» Ich sagte ihm, am nächsten Morgen werde alles besser aussehen, weil die Dinge am andern Morgen immer besser seien. Endlich schlummerte er ein. Ein Neunjähriger kann davon träumen, vier Jahre zu schlafen. Eine Grossmutter darf es nicht wagen.

Übersetzung: David Hesse (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2016, 13:36 Uhr

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