Ausland

Vom Kindersoldaten zum Vorzeige-Amerikaner

Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 01.09.2010

Die USA feiern einen jungen Kongolesen, der sich vom afrikanischen Kindersoldaten zum amerikanischen Helden gemausert hat. In einem Buch schildert er nun sein Schicksal.

1/14 In Deutschland kommt es zum Prozess wegen der Kriegsverbrechen im Kongo: Kämpfer einer Rebelleneinheit warten in Goma.
Bild: Keystone

   

Frei und glücklich: Tchicaya Missamou posiert für die Veröffentlichung seines Buches in der Marine-Uniform. (Bild: Reuters )

Üblicherweise heisst es «vom Tellerwäscher zum Millionär», wenn es um den amerikanischen Traum geht, dem Ausnahmefall, mit dem die Amerikaner immer wieder für ihr Land werben. Der Kongolese Tchicaya Missamou hat diesen Traum nun umgeschrieben. Soeben ist sein Buch «In the Shadow of freedom» erschienen, in dem er von seinem Schicksal erzählt. In Rezensionen wird der Mann aus dem Kongo bereits als «neuer amerikanischer Held» gefeiert.

«Im Kongo aufzuwachsen, ist nicht einfach. Du lernst zu jagen, du lernst zu töten – um zu überleben», erzählt Missamou in einem perfekt inszenierten Promo-Video. «In Afrika geht es nur ums Überleben.»

«Ich sah schlimme Dinge»

Missamou, 1978 in Brazzaville, Kongo, geboren, hält mit acht Jahren zum ersten Mal eine Pistole in der Hand. Er ist eines von 16 Kindern, die sein Vater von sieben Frauen hat. Als nach 1990 die Unruhen ausbrachen, wurde Missamou von den Milizen eingespannt. Er und seine gleichaltrigen Freunde kriegen Gewehre und Handgranaten in die Hand gedrückt: Sie sollen einen Checkpoint übernehmen und dafür schauen, dass niemand in ihr Gebiet eindringt. Er habe gesehen, wie Kinder mit Drogen und Alkohol dazu gebracht wurden, zu töten, schreibt Missamou in seinem Buch. «Ich sah schlimme Dinge in dieser Zeit.»

Als die Unruhen vorüber sind, wird Kindersoldat Missamou in ein normales Leben zurückgeschickt. Mit 16 tritt er auf Geheiss seines Vaters, eines Polizei-Offiziers, in die Gendarmerie ein. Missamou profitiert von den Schrecken des Bürgerkrieges: Er lässt sich von Weissen anheuern, um Wertsachen aus den Händen der Milizen zu befreien. «Der Kongo fiel auseinander, aber ich war reich», dokumentiert er in seinem Buch. Doch seine Aktionen bleiben nicht unbemerkt. Die Milizen spüren seine Familie auf. Sie fesseln Missamou, prügeln auf ihn ein. Dann muss er zusehen, wie seine Mutter vor seinen Augen vergewaltigt wird. Sie zünden das Haus an und lassen seine Familie zurück. Doch Missamou kann sich befreien und seine Verwandten in Sicherheit bringen.

Im Schnellverfahren zum Amerikaner

Als 1997 erneut Bürgerkrieg ausbricht, flüchtet Missamou aus dem Kongo. Mithilfe seines Vaters schafft er es, ein Flugticket nach Europa zu bekommen. Er ist 19 Jahre alt. Sein Vater bezahlt teuer für die Aktion: Er wird eingesperrt, gefoltert und mit HIV infiziert.

Nach einem Jahr in Europa findet Missamou in den Vereinigten Staaten Asyl. Ohne Geld und ohne Englischkenntnisse schlägt er sich durch, arbeitet in einem Martial-Arts-Studio – und freundet sich mit einem Marine-Offizier an. Dieser bewegt ihn, sich für den Militärdienst einzuschreiben.

Dank einer beschleunigten Einbürgerung erhält Missamou 2003 den US-amerikanischen Pass. In Afghanistan und im Irak kämpft er an vorderster Front gegen den Terror und für seine neue Heimat.

Den Frieden gefunden

Als er 2004 als US-Marine in den Kongo zurückkehrt, sperrt man ihn wegen Verrats ein. Er wird fast zu Tode geprügelt, bei einem Fluchtversuch angeschossen und nur dank der Hilfe der US-Botschaft wieder freigelassen.

Zurück in seiner neuen Heimat hat Missamou, wie er sagt, den Frieden gefunden. Er hat ein Fitnesscenter eröffnet, in dem die Mitglieder mit Boot-Camp-Methoden fit gedrillt werden. Missamou unterrichtet übergewichtige Büroangestellte in kongolesischer und amerikanischer Kampfkunst. «Ich will, dass sich die Leute an ihre Grenzen bringen», sagt er, «dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.» So wie er es getan habe. Und wenn er es geschafft habe, dann schaffe das jeder.

Im coolsten Land der Welt

Und so predigt Missamou den American Dream, den Gedanken, dass mit eisernem Willen alles möglich ist. Und Patrioten in den USA freuen sich, Unterstützung eines Afrikaners zu erhalten, der sagt: «Du sollst nicht in der Vergangenheit leben, sondern jeden Tag leben, als sei es der letzte. Denn du lebst im coolsten Land der Welt, den USA.»

Fünf Jahre habe er kein Wort darüber verloren, was er im Kongo erlebt habe. Dann sei er sich der heilenden Wirkung des Sprechens bewusst geworden. «Ich geniesse den Frieden, ich lebe den Frieden. Wenn ich jetzt träume, dann weckt mich bitte nicht auf.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2010, 14:28 Uhr

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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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