Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte
Walter Niederberger schreibt aus den USA als Korrespondet für den «Tages-Anzeiger».
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Wikileaks-Chef Julian Assange wird enttäuscht sein. Schon einen Tag nach der exklusiven Publikation geheimer Dokumente vom afghanisch-pakistanischen Kriegsschauplatz fuhr die «New York Times» ihre Berichterstattung massiv zurück. Statt mit zusätzlichem Material und Analysen aufzuwarten, begnügte sich das Blatt mit einer Zusammenfassung offizieller Verlautbarungen. Andere Zeitungen reagierten ähnlich, und auch die grossen Fernsehsender wollten nicht so richtig auf den Wikileaks-Zug aufspringen.
Warum dieses Zögern? Eine erste Erklärung bietet das Material selber. Die Rapporte der Soldaten aus dem Gefecht sind eine Mischung aus Augenzeugenberichten, Gerüchten, Gesprächsfetzen und persönlichen Eindrücken. Es ist bezeichnend, dass die von Assange eingespannten Redaktionen von «New York Times», «Spiegel» und «Guardian» selbst nach einem Monat intensiver Sichtung der Dokumente nichts fanden, das mehr als das Bild des chaotischen, verwirrten Krieges bestätigt hätte.
Politisch irrelevant
Anders als die Pentagon-Papiere sind die Afghanistan-Protokolle nicht politisch relevantes Material. Zwar sieht der mysteriöse Julian Assange sein Unternehmen als seriöses Informationsmedium, doch die Tatsache, dass er drei erfahrene, vertrauenswürdige Redaktionen einspannen musste, zeigt, dass das Ausbreiten von Rohmaterial im Internet allein noch keine journalistische Leistung ist.
Damit ist ein weiterer Grund für die skeptische Aufnahme der Dokumente angesprochen. Wikileaks operiert als erste staatenlose Informationsplattform, wie der New Yorker Medienexperte Jay Rosen treffend analysierte: Sie untersteht keiner nationalen Rechtsprechung und entzieht sich jeder medialen Rechenschaft. Assange ist australischer Bürger, aber seine Finanzierungsquelle ist ebenso unklar wie die Identität der Mitarbeiter oder die Geschäftsphilosophie. Die Server von Wikileaks sind wahrscheinlich in Europa stationiert, offenbar als Vorkehrung gegen juristische Ermittlungen in den USA und in der Absicht, sie notfalls zu wechseln.
Assange muss noch einiges lernen
Der wichtigste Zuträger ist der 22-jährige Bradley Manning. Gegen den US-Soldaten läuft ein Verfahren wegen Geheimnisverrates, nachdem er ein Video, das einen Helikopterangriff auf Zivilsten im Irak zeigt, entwendet und an Assange weitergereicht hatte. Das Pentagon vermutet, dass er auch die Quelle der 92?000 Afghanistan-Protokolle ist. Damit ist klar: Das Material ist nicht von höchster Brisanz. Tausende wie Manning haben und hatten Zugriff auf die Armeeplattform, von der sich das Kommando zusätzliche Aufschlüsse über den Krieg erhofft. Mehr nicht. Assange weckte immense Erwartungen, die sein Material nicht einlöst.
Daraus ergibt sich drittens das Dilemma der Verantwortung für die Daten: Assange macht es sich einfach, ungeprüftes Material tel quel ins Internet zu stellen und darauf zu zählen, dass die etablierten Medien ihm die Aufgabe des kritischen Einordnens und heiklen Aussortierens von Daten abnehmen, die Personen gefährden könnten. Wenn Wikileaks das Risiko vermeiden will, selber einmal zum Hackeropfer oder zum Geheimdienst zu werden, dann muss Julian Assange noch einiges lernen. Die Freiheit der Bürger im Internetzeitalter ist auch diese: Den Konsum eines wirren Datenwusts zu verweigern und das «wichtigste Datenleck» aller Zeiten zu ignorieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.07.2010, 23:46 Uhr














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