«Wegen Wikileaks wurde niemand getötet»
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 10.11.2010 21 Kommentare
Nach seinem Auftritt in Genf: Julian Assange. (Bild: Reuters )
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Der Gründer des Internetportals Wiki-leaks.org, Julian Assange, ist ein gejagter Mann. Der 39-jährige Australier hat keinen festen Wohnsitz mehr. Der US-Geheimdienst CIA will ihn wegen Spionage einklagen. In seiner Heimat wurde er wegen Datenklau bereits einmal verurteilt. Die schwedische Justiz sucht ihn wegen Vergewaltigungsvorwürfen einer jungen Frau. Die Genfer Villa, wo Assange gestern Mittag vor die Presse trat, wurde von Polizisten streng bewacht. Drei Stunden später erschien er zum Interview in einem Hotel, in dem er gar kein Zimmer belegt hat. Ein Leibwächter riet, das Gespräch nicht in der Lobby, sondern hinter geschlossener Tür im leeren Restaurant zu führen.
Herr Assange, Bewunderer sehen Sie als David, der mit der Waffe Internet den Goliath USA zum Zittern bringt. Suchten Sie diese Rolle?
Wir sind zum Teil in diese Rolle geraten, weil wir ein Versprechen gegenüber der Öffentlichkeit und unseren Partnern einhielten: Wir veröffentlichen ohne Furcht oder Begünstigung alles, was wir für bedeutend halten.
Obschon Sie Geheimdokumenteaus 100 Ländern veröffentlichten, erregten das Video «Collateral Murder» sowie die Afghanistan- und Irak-Papiere das grösste Aufsehen. Warum setzen Sie in erster Liniedie USA auf die Anklagebank?
Wir möchten alle Staaten, die die Menschenrechte verletzen, auf die Anklagebank setzen. Die uns zugespielten Dokumente, welche die USA betreffen, sind jedoch historisch besonders bedeutend. Da war es unsere Pflicht, diese Papiere schneller als andere zu publizieren. Die heftigen Attacken des Pentagons, der Geheimdienste und des Weissen Hauses beweisen, dass wir richtig handelten.
Für das Pentagon grenzt die Publikation an Hochverrat.Sind Sie ein Verräter?
Die Rechte in den USA und einige Mitglieder der früheren Regierung Bush bezichtigen mich zu Unrecht des Verrats. Ich bin kein US-Staatsbürger. Von Verrat könnte man höchstens sprechen, wenn ich während eines Krieges für einen Feind der USA arbeiten würde. Das ist nicht der Fall.
Washington wirft Ihnen vor, Wiki-leaks gefährde mit der Publikation das Leben von US-Soldaten, Verbündeten sowie Irakern und Afghanen. Kümmert Sie das nicht?
Am meisten besorgt mich, wie die Presse eine Behauptung des Pentagons ständig wiederholt, ohne die Fakten zu überprüfen. Es gibt selbst von US-Seite keine Berichte, wonach in Afghanistan und im Irak wegen Wikileaks auch nur eine Person verletzt oder getötet worden wäre. Das Pentagon ist bezüglich seiner Aussagen zu diesen Kriegen etwa so glaubwürdig wie Nordkorea.
Fühlen Sie sich für den US-Soldaten Bradley Manning, der Wikileaks Zugang zu Geheimdokumenten verschaffte und dem 52 Jahre Haft blühen, nicht verantwortlich?
Die Anklage gegen Manning beruht offenbar auf Aussagen eines US-Journalisten, der ihn verpfiffen hat, aber nicht mit unserer Organisation zusammenarbeitet. Manning ist eindeutig ein politischer Gefangener der USA. Denn er wurde verhaftet, weil er aufgrund seiner politischen Überzeugungen Material über erwiesene Verbrechen, das er entdeckt hatte, an die Presse weitergab.
Ein ehemaliger Berater des US-Aussenministeriums unter Bush meinte, man solle Sie wie einen feindlichen Kämpfer jagen. Fürchten Sie, in Guantánamo zu landen?
Im US-Senat reichte ein Republikaner einen Gesetzesantrag ein, wonach Wikileaks als transnationale Gefahr einzustufen sei. Als eine der Folgen würden wir als feindliche Kämpfer gelten. Das ist eine ernsthafte Gefahr. Aber ich glaube, diese Stimmen werden sich nicht durchsetzen.
Sie dürften in mehreren Ländern auf der Fahndungsliste stehen.
Die USA ersuchten verbündete Staaten wie Australien, Grossbritannien, Schweden, Deutschland und Island mit dem nötigen Druck um Unterstützung. Sie sollen Informationen über uns beschaffen und in einigen Fällen eine Strafverfolgung einleiten.
Wie schützen Sie sich?
Wir haben viele Freunde und Leute, die uns unterstützen. Sogar im Pentagon, in den Geheimdiensten und im Weissen Haus. Sie informieren uns, was läuft und gegen uns geplant ist. Dadurch können wir weiterhin den Kopf hochhalten. Es stimmt mich zuversichtlich, dass es in der US-Armee so gute Menschen gibt.
Suchen Sie persönlich Schutz in Lateinamerika? Oder in der Schweiz?
Es wird mir beides empfohlen. In Lateinamerika ist das Klima wärmer, in der Schweiz der Rechtsstaat stärker.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.11.2010, 06:24 Uhr
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21 Kommentare
Es erstaunt nicht dass die betroffenen Kreise in den USA heftig reagieren. Aber erstaunlich ist die Kooperation der Presse mit diesen Kreisen. Deren Behauptungen werden unkritisch wiederholt, während Wikileaks sich ständig verteidigen und erklären muss. Es ist doch ganz klar dass die USA mit diesem und vielen anderen Kriegen Verbrechen begeht. Nur das muss verurteilt werden. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





