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Wenn eine Pokerkarte entscheidet

Bei den Vorwahlen in Nevada muss Hillary Clinton erneut bangen. Nicht zuletzt wegen ihres Mannes – und eines Kartenspiels.

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Das Casinoparadies im amerikanischen Westen sollte als Brandmauer dienen: Nach der Niederlage gegen Senator Bernie Sanders bei den demokratischen Vorwahlen in New Hampshire würden die demokratischen Parteiversammlungen in Nevada Hillary Clinton wieder auf die Siegerstrasse bringen. Das jedenfalls hoffte Team Clinton. Mithilfe von Gewerkschaften – allein die Gewerkschaft der Köche hat in Nevada 60'000 Mitglieder – und Minderheiten werde Hillary die «Caucuses» klar für sich entscheiden und vom Triumph in Nevada zum Sieg bei den Vorwahlen in South Carolina eilen.

Die Hoffnung trog: Zwei Tage vor der Entscheidung in Nevada liegt der linke Senator aus Vermont nahezu gleichauf mit der Ex-Aussenministerin, niemand will ausschliessen, dass Sanders' Mobilisierung junger Wähler mit einer neuerlichen Niederlage für Clinton enden könnte.

Bill Clinton verärgert Demokraten

Und wieder einmal steht sich die Favoritin selber im Weg: Nicht nur sorgte Ehemann Bill Clinton im Vorfeld der Entscheidung in Nevada für unliebsame Schlagzeilen, als der Ex-Präsident den Rivalen der Gattin bezichtigte, wie die republikanische Tea Party nicht einlösbare Wahlversprechen zu machen. Obendrein verärgerte Clintons Wahlkampfteam Nevadas Demokraten mit der Behauptung, der Staat sei eine Hochburg «weisser Wähler» und deshalb ein günstiges Terrain für Bernie Sanders.

Der Versuch, derart die Erwartungen zu dämpfen und eine mögliche Schlappe in Nevada zu entschuldigen, geriet zum Rohrkrepierer: Der Staat, so die demokratische Parteivorsitzende Roberta Lange, habe grosse Kontingente von Afroamerikanern, Latinos und Amerikanern asiatischer Herkunft, weshalb keiner der frühen Vorwahlstaaten mit Nevadas «demografischer, regionaler und kultureller Vielschichtigkeit mithalten kann».

Es half der Favoritin nicht, dass Ehemann Bill mal wieder eigenmächtig Wahlkampf betrieb und Sanders mehrmals direkt kritisierte – anstatt die Tugenden der Gattin zu besingen. Er verstehe durchaus, dass Bill Clinton «alles versucht, damit seine Frau die Nominierung gewinnt, aber wir sollten nicht dumm daherreden», konterte Sanders kühl die Angriffe. Bill Clinton sei zwar «ein unvergleichliches Genie, wenn es um Politik geht, aber wenn es um seine Frau geht, ist sein Urteilsvermögen getrübt», befand Barack Obamas Ex-Stratege David Axelrod.

Im Zockerstaat entscheidet ein Kartenspiel

Axelrod weiss, wovon er redet: Nachdem Bill Clinton 2008 bei einem Auftritt vor der Vorwahl in South Carolina Obamas Wahlkampf als «ein Märchen« abgetan und damit viele afroamerikanische Wähler verärgert hatte, siegte Obama in South Carolina. Falls die ehemalige First Lady in Nevada neuerlich verliert, wird die folgende Vorwahl in South Carolina zur Schicksalswahl: Sollte Sanders wider Erwarten auch im Südstaat mit seiner mehrheitlich afroamerikanischen Vorwählerschaft gewinnen, stünde Team Clinton vor einem Scherbenhaufen.

Kommt es in einzelnen Wahlbezirken in Nevada zu einem Patt zwischen Clinton- und Sanders-Anhängern, entscheidet übrigens nicht ein Münzwurf wie bei den Parteiversammlungen in Iowa vor wenigen Wochen: In einem Memorandum der Demokratischen Partei Nevadas und im Einklang mit dem Zocker-Image des Staats wurde Anfang Februar angeordnet, dass «ein Kartenspiel» entscheiden solle. Jeder Wahlbezirk erhält einen Stapel Spielkarten, Vertreter Clintons und Sanders' ziehen jeweils eine Karte. Die höhere Karte entscheidet, wer gewinnt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 21:21 Uhr)

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