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Wer kann, der flieht

Aktualisiert am 18.01.2010

Wut, Verzweiflung und Chaos: Nach dem Jahrhundert-Erdbeben kämpfen Millionen Haitianer ums Überleben. Sie warten auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente. Es herrscht das Recht des Stärkeren.

1/39 Bei der Verteilung von Lebensmitteln gibts chaotische Szenen.
Bild: Keystone

   

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Jahrhundert-Erdbeben

Uno-Generalsekretär spricht Überlebenden Mut zu

Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat am Sonntag die vom Erdbeben verwüstete haitianische Hauptstadt Port-au-Prince besucht. Erste Station war das eingestürzte Hauptquartier der Uno-Friedensmission in Haiti. In den Trümmern kamen zahlreiche Mitarbeiter der Weltorganisation ums Leben, darunter der Chef der Friedensmission, der Tunesier Hedi Annabi. Ein dänischer Uno-Diplomat konnte am Sonntag lebend aus dem zerstörten Gebäude geborgen werden, nur wenige Minuten nachdem Ban den Ort wieder verlassen hatte. Vor dem ebenfalls zerstörten Präsidentenpalast in Port-au-Prince sprach Ban mit Überlebenden der Erdbebenkatastrophe, deren Lage trotz der angelaufenen internationalen Hilfe immer verzweifelter wird. Ban rief die Menschen auf, nicht den Mut zu verlieren. «Ich bin hier mit einer Botschaft der Hoffnung», sagte der Generalsekretär zu einer Gruppe von Männern und Jungen vor dem Präsidentenpalast. Die Hilfe sei unterwegs. (ddp)

«Ich gehe überall hin, Hauptsache weg aus dieser Stadt.» Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern steht Talulum Saint Fils an einer Bushaltestelle in Port-au-Prince, zerstörter Hauptschauplatz des verheerenden Erdbebens auf Haiti. In den Strassen stapeln sich Leichen, seit Tagen hausen die Menschen in der haitianischen Hauptstadt im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihr Zuhause zerstört ist. «Es gibt überhaupt keine Unterstützung und unsere Kinder können einfach nicht weiter wie Tiere leben», sagt Talulum. Unter denen, die bleiben, wächst die Gewalt.

Tausende Menschen haben seit dem starken Erdbeben der Stärke 7,0 am Dienstag Port-au-Prince verlassen. Wer Verwandte auf dem Land hat, kommt bei denen unter, andere fahren einfach los, sobald sie einen Platz in den überfüllten Bussen ergattern. Ein Ticket nach Fodernberg, eine drei Stunden von Port-au-Prince entfernte Kleinstadt, kostet umgerechnet zehn Dollar - doppelt so viel wie sonst. Talulums Familie hat ihren Schmuck verkauft, um die Fahrkarten zu bezahlen.

Verletzt, traumatisiert und allein

Als der Bus kommt, ist er schon überfüllt und trotzdem versuchen die Wartenden, sich irgendwie noch hineinzuquetschen. «Wir fahren doppelt so viele Menschen wie normalerweise», sagt Jaino Nony, dem mehrere Busse gehören. «Wir mussten die Preise verdoppeln, es gibt kein Benzin und die Stadt ist unsicher», verteidigt er sich. «Das ist nun mal der Preis, wenn man dieser Hölle entrinnen will.»

Für Aanoz Richard, einen 40-jährigen Bäcker, war dieser Preis zu hoch. Seine Habseligkeiten reichten im Tausch nicht für ein Ticket. «Hier - das ist jetzt mein Haus und mein Bett», sagt er und zeigt auf die Strasse.

Die Zurückgebliebenen sind verletzt, traumatisiert - und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. «Die haitianischen Regierungen haben nie etwas für ihr Volk getan», sagt Braubrin, eine Lehrerin. «Wir sind vollkommen abhängig von anderen Ländern. Aber wir können nicht einfach hier rumsitzen, inmitten von Leichen, und warten, bis uns jemand hilft.»

Wer Lebensmittel stiehlt, wird laufengelassen

Wer in Port-au-Prince bleibt, kämpft oft völlig allein ums nackte Überleben. Folglich steigt die Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft, die Menschen plündern und stehlen, was sie in die Finger bekommen. Im Armenviertel Marché en Fer graben die Menschen in den Trümmern der Häuser nach Gütern und Lebensmitteln. Aus den Ruinen einer Apotheke klettern einige mit Seife, Shampooflaschen und Kosmetikartikeln in den Händen. Die herumliegenden Leichen stören sie nicht.

Mehrere Jugendliche stehen Wache. «Polizei! Polizei!», schreien sie, als zwei bewaffnete Beamte herbeieilen. Einer von ihnen ist Hernsony Orjeat. Bei dem Beben verlor der 36-Jährige seine Frau und ist nun einer der wenigen Polizisten, die versuchen, das Chaos zu bändigen.

Orjeat schlägt einen der Plünderer zu Boden, der einen Karton Seife gestohlen hat. «Dafür willst du sterben?», fragte er den Mann, der für seine Beute in einsturzgefährdeten Gebäuden gewühlt hat. Die meisten sind nur auf der Suche nach Essen, doch auch Elektroartikel, Schirme oder Ventilatoren werden mitgenommen. Wer Lebensmittel stiehlt, wird laufengelassen.

«Eigentlich müssten wir zusammenhalten»

Auch die Gewalt unter rivalisierenden Plünderern nimmt zu. Ein Mann hat eine Packung Cornflakes ergattert und wird flugs von einem Dutzend Menschen umringt, die sie ihm aus den Händen reissen. Ein Mann fängt an, einen anderen zu würgen, um an eine Konservendose zu kommen.

Einige haben sich schon Äxte aus Holz gebaut, um für den Kampf ums Überleben besser gerüstet zu sein. Die Hoffnungslosigkeit steht Orjeat ins Gesicht geschrieben. «Wir müssten eigentlich zusammenhalten, um diese schreckliche Tragödie zu überwinden», sagt er. «Doch es gibt einfach keine Solidarität in diesem Land.» (vin/sda/ddp)

Erstellt: 18.01.2010, 04:46 Uhr

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