Ausland

Wie Fidel Castro lernte, die Bombe zu hassen

Von Christof Münger. Aktualisiert am 16.08.2010

Kubas Revolutionsführer Fidel Castro warnt immer wieder vor einem Atomkrieg. Dabei hatte er einst empfohlen, den Erstschlag zu führen.

War einst selbst bereit, sein Volk zu opfern: Kubas Revolutionsführer Fidel Castro bei einer Rede am 24. Januar 2006 in Havanna.

War einst selbst bereit, sein Volk zu opfern: Kubas Revolutionsführer Fidel Castro bei einer Rede am 24. Januar 2006 in Havanna.
Bild: Keystone

Als Fidel Castro jüngst in Uniform vor dem kubanischen Parlament aufgetreten war, beschwor er die Gefahr eines Atomkriegs zwischen den USA und dem Iran. Zuletzt hatte er immer wieder betont, der nukleare Holocaust stehe kurz bevor, die Regierungschefs würden «den sofortigen Tod von Millionen von Menschen anordnen». Dabei nähmen sie in Kauf, dass eine «nicht schätzbare Zahl der eigenen Leute» ums Leben komme.

Die Aussage ist bemerkenswert, weil Castro einst selbst bereit war, sein Volk zu opfern. Das war im Oktober 1962 während der Kubakrise, als die Welt tatsächlich am nuklearen Abgrund stand. Die USA hatten entdeckt, dass die Sowjets auf der Karibik-Insel Mittelstreckenraketen stationiert hatten. Präsident John F. Kennedy forderte Moskau ultimativ auf, die Atomwaffen abzuziehen und ordnete eine Seeblockade an, um weitere Waffenlieferungen nach Kuba zu stoppen.

Raketen als Lebensversicherung

Fidel Castro sah die russischen Raketen indes als Lebensversicherung für seine Revolution von 1959. Nach der zurückgeschlagenen Invasion in der Schweinebucht im April 1961 befürchtete er, dass es die USA erneut versuchen würden, ihn zu stürzen. Tatsächlich plante die CIA mehrere Attentate.

Angesichts dieser Bedrohung kündigte der kubanische Nationalist Fidel Castro am 1. Mai 1961 in Havanna die «sozialistische Revolution» an. Die Apparatschiks in Moskau wussten nicht, was sie mit dem unverhofften Geschenk vom anderen Ende der Welt anfangen sollten. Als sich Castro aber als Marxist-Leninist bezeichnet hatte, fühlte sich der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow verpflichtet, Kuba beizustehen, und stationierte dort Raketen.

Ein Gespräch im Luftschutzkeller

Am 27. Oktober 1962 erreichte die Kubakrise ihren Höhepunkt, ein Kompromiss zwischen den Supermächten schien unmöglich. Castro befürchtete, dass die Sowjets nicht angemessen auf eine US-Invasion reagieren würden. Um zwei Uhr in der Früh bat er deshalb Aleksander Alexejew, den sowjetischen Botschafter in Havanna, um ein Treffen.

Castro bestand darauf, das Gespräch im Luftschutzkeller unter der Botschaft zu führen. Er rechnete jede Stunde mit dem Angriff. Zunächst versicherte er «Don Alejandro», wie er den sowjetischen Botschafter nannte, dass er dem allfälligen Einsatz taktischer Atomwaffen gegen die Invasoren zustimmen würde, obwohl dann Kuba für Generationen atomar verseucht wäre. Damit nicht genug: Castro schlug vor, den «Erstschlag der Imperialisten» nicht abzuwarten: «Wir sollten ihnen zuvorkommen und sie ausradieren, falls sie Kuba angreifen.» Der amerikanische Publizist Michael Dobbs hat den Dialog in seinem Buch zur Kubakrise wiedergegeben.

Keine andere Lösung

Morgens um sechs Uhr diktierte Castro einen Brief an Chruschtschow. Darin hiess es, dass im Fall einer erfolgreichen US-Invasion auf Kuba «der Moment gekommen wäre, die (amerikanische, Red.) Gefahr für immer zu eliminieren in einem Akt höchst legitimer Selbstverteidigung. So schrecklich die Lösung auch wäre, es gäbe keine andere.»

Die Konsequenzen des von Castro empfohlenen Vorgehens sind nicht vorstellbar: Die USA hätten nicht nur Kuba zerstört, sondern wären zum Gegenangriff auf die Sowjetunion übergegangen. So sah es die amerikanische Eventualfallplanung vor. Spätestens dann wären auch das geteilte Deutschland und Europa in den totalen Atomkrieg hineingezogen worden. Doch die kubanischen Revolutionäre wollten, wenn sie denn abtreten mussten, dies «con suprema dignidad» tun, mit höchster Würde, wie Castro sich damals ausdrückte.

«Zeige Selbstkontrolle»

Chruschtschow wusste um die Gefahr, die von Castro ausging. Kurz nachdem er am 28. Oktober angekündigt hatte, die Raketen auf Kuba abzuziehen, schrieb er an Genosse Fidel, er solle sich «nicht von seinen Gefühlen hinreissen» lassen: «Zeige Geduld, Selbstkontrolle und noch mehr Selbstkontrolle.» Es scheint, der greise Revolutionsführer habe diese mahnenden Worte verinnerlicht. Deshalb rät er heute wohl zu jener Vernunft, die er 1962 nicht hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2010, 18:50 Uhr

Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.