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Wie man «bildungsferne Unterschichten» macht

Im erzkonservativen US-Bundestaat Texas wird die Familienplanung gestrichen. Das Resultat ist verheerend.

Christlicher Fundamentalismus, Anti-Abtreibungs-Hysterie und neoliberaler Sparwahnsinn: Rick Perry, Gouverneur von Texas.

Christlicher Fundamentalismus, Anti-Abtreibungs-Hysterie und neoliberaler Sparwahnsinn: Rick Perry, Gouverneur von Texas. Bild: Reuters

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Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind der wichtigste Rohstoff der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Das predigen uns Experten und Politiker bis zum Abwinken. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollte man deshalb nicht bei den Ausgaben für Schulen sparen. Gleichzeitig ist es wirtschaftlich nicht sinnvoll, wenn Frauen zu früh Mütter werden. Teenager-Schwangerschaften führen heute praktisch zwangsläufig in ein prekäres Leben in der Unterschicht.

In Deutschland hat Thilo Sarrazin letzten Sommer Furore gemacht. Er postuliert, dass der Sozialstaat dazu führt, dass «bildungsferne Unterschichten» sich besonders stark vermehren, denn dank den grosszügigen Kinderzulagen kann man mit vielen Kindern mehr verdienen als mit einer bezahlten Arbeit. Weil für Sarrazin «bildungsferne Unterschichten» mehr oder weniger gleichbedeutend mit «muslimischen Einwanderern» sind, befürchtet er, dass Deutschland schon gegen Ende dieses Jahrhunderts erstens verblödet und zweitens ein islamischer Gottesstaat sein wird.

Vehementer Abtreibungsgegner

Sarrazins Thesen sind Blödsinn. Doch wie man eine bildungsferne Unterschicht zahlenmässig zum Explodieren bringt, zeigt das Beispiel von Texas, dem kinderreichsten US-Bundesstaat. Er ist auch einer der frömmsten und einer der konservativsten. Gouverneur Rick Perry, ein Republikaner, ist ein Hardliner. Das heisst: Er ist ein vehementer Abtreibungsgegner, will aus eigener Erfahrung wissen, dass sexuelle Abstinenz funktioniert, und er ist auch überzeugt, dass man allein mit Sparen die Staatsfinanzen in den Griff bekommen kann.

Das Resultat dieser Überzeugungen schildert meine Lieblingskolumnistin Gail Collins in der «New York Times» wie folgt:

Weil auch Texas spart, wurde Familienplanung und -erziehung weitgehend gestrichen, auch die Gratis-Abgabe von Kondomen an junge Frauen. Das hat Folgen: In Texas hat in den letzten zehn Jahren die Anzahl der Schulkinder um 800'000 zugenommen. Aus Spargründen hat Gouverneur Perry auch die Bildungsausgaben drastisch gekürzt. Gleichzeitig aber werden die jungen Mütter auf Staatskosten entbunden, was mit Mehrkosten in der Höhe von 36 Millionen Dollar verbunden ist.

Fazit: Für eine «bildungsferne Unterschicht» braucht es keine muslimischen Einwanderer. Christlicher Fundamentalismus, Anti-Abtreibungs-Hysterie und neoliberaler Sparwahnsinn reichen allemal. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.04.2011, 12:03 Uhr)

In den USA ein alltäglicher Anblick: Schwangere Teenager.

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