Wie wir Amerika besser verstehen

Ein einzelner Tweet bringt heute die Welt zum Erzittern. Was bedeutet das? Es braucht noch mehr guten Journalismus. Washington-Korrespondent Sacha Batthyany präsentiert seine Lieblingsartikel in der 12-App.

Donald Trump galt lange als der «Teflon-Kandidat», der behaupten konnte, was er wollte: Fans im Oktober 2016. Foto: Getty Images

Donald Trump galt lange als der «Teflon-Kandidat», der behaupten konnte, was er wollte: Fans im Oktober 2016. Foto: Getty Images

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Editorial Sacha Batthyany, USA-Korrespondent

Die amerikanische Präsidentschaftswahl sei die grösste Show der Welt, sagte neulich der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe. Ich sass in seinem Wohnzimmer in New York, und Wolfe, immerhin schon 86 Jahre alt, war richtig sauer. Die Leistung der amerikanischen Journalisten bezeichnete er als Desaster, sie hätten Donald Trump zu lange unterschätzt und seinen Erfolg nicht kommen sehen – so wie die Finanzjournalisten die Wirtschaftskrise verpennt hätten. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger, doch im Rückblick nur Kritik zu äussern, ist unangebracht, auch wenn manches, was über die US-Wahlen verfasst wurde, möglicherweise etwas voreilig war.

War bei der «grössten Show der Welt» live dabei: USA-Korrespondent Sacha Batthyany in der Wahlnacht vom 8. November 2016 in New York, nachdem Trump als Sieger feststand. Foto: Cédric von Niederhäusern

News altern schlecht, das ist eine Binsenwahrheit, und die Halbwertszeit einer Schlagzeile ist in Zeiten von Social Media noch einmal auf einen Wimpernschlag geschrumpft. Was am Mittag aus Washington verkündet wurde, war am Nachmittag bereits Makulatur, ich habe das in meiner täglichen Arbeit oft erlebt: wenn die grösste Show der Welt zum Hamsterrad gerät.

Was das bedeutet? Dass es heute, wo ein einziger Tweet die Welt zum Erzittern bringt, noch mehr Einordnungen braucht und noch mehr Analysen. Es braucht Reportagen, die erzählen, wie es ist und wie alles kam. Es braucht persönliche Geschichten, die einen intimeren Blick erlauben, und Gespräche mit Querdenkern, die alles noch einmal auf den Kopf stellen.

Und die gab es.

Peter Haffner etwa schrieb in «Ein grosser Präsident» nicht nur über Barack Obamas achtjährige Präsidentschaft, sondern blickt in diesem Text auch auf seine Zeit zurück, als er in den USA lebte. Es ist ein grosses, ein persönliches Porträt auf seinen Präsidenten.


Ein grosser Präsident
Er wird fehlen. Barack Obama geht, bevor seine Zeit gekommen ist. Die persönliche Würdigung eines ehemaligen USA-Korrespondenten des «Magazins». Ein Beitrag von Peter Haffner


Gleich mehrere gute Texte haben sich mit der Lüge befasst, weil Donald Trump lange als der «Teflon-Kandidat» galt, der behaupten konnte, was er wollte, selbst Obszönitäten taten seiner Popularität keinen Abbruch. Constantin Seibt schreibt über «diese neuartigen Politiker», wie Trump, die ihre Lügen nicht einmal mehr dementieren: «Je autoritärer sie auftreten, desto begeisterter folgen die Anhänger dem Chef: Seine Eier schlagen die Eierköpfe.»


Ein neuer Typ Politiker
Früher logen Politiker mit Vorsicht. Heute tun sie es ohne Scham. Und mit überwältigendem Erfolg. Was ist passiert? Eine Analyse von Constantin Seibt


Christian Brüngger verfolgt die Geschichte der Fake-News bis ins Mittelalter und bis zu Martin Luther. Auch wenn es schon immer Falschmeldungen gab und sie das Leben prägten, so der Autor, stünde uns der Siegeszug der Fake-News noch bevor.

Fast schon ein Genre für sich sind die Texte, die die amerikanischen Verhältnisse mit den hiesigen vergleichen. Alan Cassidy schrieb im «Tages-Anzeiger» über die Wutbürger Amerikas, die sich hinter Trump stellten – und schlägt Parallelen zu Wählern der SVP, die seit Jahren gegen die Eliten wettern, kommt aber zum Schluss: «Dieser Hass funktioniert hier nicht.»


Die Lust an der Lüge
Falschmeldungen und Propaganda prägen die Menschheit seit Jahrhunderten. Der grosse Siegeszug der Fake-News aber steht wohl erst noch bevor. Ein Artikel von Christian Brüngger


Stefan von Bergen schreibt über die «Arroganz der Arrivierten», die in den USA Trump zu lange belächelten, und sieht Ähnlichkeiten, wie in der Schweiz mit den Befürwortern der Masseneinwanderungsinitiative umgegangen wurde. Während Philipp Loser über die Angst schreibt, nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns, dieses «Gefühl unseres Jahrhunderts».

Ich selbst habe mit meinem Kollegen Nicolas Richter versucht, die Geschichte der USA zurückzuverfolgen und den Mythos Amerikas einzufangen, indem wir Tage mit Bärenjägern im Wald von Maine auf der Lauer lagen. Der «Magazin»-Reporter Christoph Wiechmann besuchte ein anderes Opfer, keinen toten Bären, sondern Lupita García, eine Mexikanerin, die 22 Jahre lang in den USA lebte und nun ausgewiesen wurde.


Es war einmal ein Bär
In den Wäldern von Maine zahlen Männer viel Geld, um sich, Waffe in der Hand, wie ihre Vorfahren zu messen und Bären zu jagen. Eine sehr amerikanische Geschichte. Eine Reportage von Sacha Batthyany und Nicolas Richter


Im viel diskutierten Text «Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt», weisen die Autoren zu Recht auf die Explosivität und Macht von Big Data hin. Während die vier amerikanischen Schriftsteller, die der «Tages-Anzeiger» besuchte, sprachliche Bomben platzen liessen und ihr Land beschreiben, wie es sonst kaum jemandem gelingt. Bleibt, zu guter Letzt, noch ein Buch. Verfasst hat es der langjährige Washington-Korrespondent Walter Niederberger. Es heisst «Trumpland» – und es steht wohl alles drin, was man über den Mann wissen muss, der die nächsten vier Jahre die Welt in Atem halten wird. Oder werden es acht? Oder bloss zwei?

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2017, 11:45 Uhr

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