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Wird Haiti wieder zur Kolonie?

Aktualisiert am 19.01.2010 11 Kommentare

Die US-Mobilisierung für Haiti ist die jüngste Episode einer langen, komplizierten Liaison der Supermacht und der Karibik-Nation. Experten glauben, dass das Land wieder zu einer Art Kolonie wird.

Die USA werden noch lange in Haiti bleiben: Ein Helikopter der US-Navy setzt vor dem Nationalpalast in Port-au-Prince Soldaten ab.

Die USA werden noch lange in Haiti bleiben: Ein Helikopter der US-Navy setzt vor dem Nationalpalast in Port-au-Prince Soldaten ab.
Bild: Keystone

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US-Luftwaffe unterbricht Hilfe

Wegen Sicherheitsbedenken hat die US-Luftwaffe den Abwurf von Hilfsgütern aus Flugzeugen über Haiti bis mindestens Mittwoch unterbrochen. Sie will warten, bis genügend US-Bodentruppen im Einsatz sind.

Diese Truppen seien nötig, um die Abwurfstellen zu schützen, sagte der Vizechef des US-Militäreinsatzes in Haiti, General Daniel Allyn. «Beim Eintreffen der Hilfe müssen wir Chaos vermeiden.» Nach der Landung von US-Marineinfanteristen in Haiti am Dienstag könnten die Abwürfe aber möglicherweise bereits am Mittwoch weitergehen.

Die Helfer befürchten, dass die Not leidende Bevölkerung die Verteilstellen für die Hilfe stürmen könnte. Am Montag hatte die US-Luftwaffe in der Nähe von Port-au-Prince erstmals 14'500 Lebensmittelpakete und 15'000 Liter Trinkwasser aus einem tief fliegenden Flugzeug abgeworfen.

Seitdem Haiti 1804 dem US-Vorbild folgte und sich als zweite Kolonie vom europäischen Kolonial-Joch (Frankreich) befreite, hat Washington den Karibik-Staat als Teil seiner Einflusssphäre betrachtet.

Die 10'000 US-Soldaten, die schon in Haiti oder noch vor der Küste sind und für die Überlebenden des schweren Erdbebens humanitäre Hilfe leisten bringen sollen, sind in Haiti vertraute Gesichter.

Zuletzt kamen die US-Marines 2004 ins Land, als der damalige Präsident Jean-Bertrand Aristide inmitten gewaltsamer Unruhen und Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung aus dem Amt gedrängt wurde.

Lange Reihe von Diktatoren

Die US-Präsenz in Haiti reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Obwohl die USA den Staat zunächst diplomatisch nicht anerkannten, aus Furcht vor einem Übergreifen der Sklavenrevolte, patrouillierten US-Kriegsschiffe in der Karibik zum Schutz des freien Handels.

Inmitten des amerikanischen Bürgerkriegs, der den Sklavenhandel auch dort beendete, erkannte Washington 1862 die haitianische Regierung an und markierte damit den echten Beginn einer US-Rolle im haitianischen Alltag, der bis heute andauert.

Haiti wurde von der Unabhängigkeit bis zum Jahr 1915 von mehr als 70 Diktatoren regiert - in der Regel überaus brutal. Diese Ära endete, als Präsident Guillaume Sam in den Strassen von Port-au-Prince von einem wütenden Mob getötet wurde.

19 Jahre besetzt

Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 wurde die Region für die USA noch wichtiger. Als Haiti im Chaos versank, ordnete US-Präsident Woodrow Wilson 1915 die Besetzung des Landes an, die bis 1934 andauerte.

Als die USA abzogen, befand sich Haiti in besserer Verfassung als je zuvor - trotz einer grossen Abneigung gegen die US-Soldaten. In den Folgejahren blieb es überwiegend ruhig, doch Korruption und Inkompetenz blühten auf.

1957 begann dann der Aufstieg von François Duvalier. Er erklärte sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit und wurde nach seinem Tod 1971 politisch von seinem Sohn Jean-Claude Duvalier beerbt.

Die USA unterstützen beide Diktatoren aus Furcht, dass Haiti im Kalten Krieg ohne US-Hilfe unter kommunistischen Einfluss geraten würde.

1990 erste freie Wahlen

Als Jean-Claude Duvalier 1986 von der Macht vertrieben wurde, erhielt das Land eine Verfassung und plante Wahlen. Angesichts von Krawallen mussten die Wahlen abgesagt werden. Erst 1990 ging Jean- Bertrand Aristide aus Haitis ersten freien Wahlen hervor.

Er brachte Reformen auf den Weg, die beim Militär unpopulär waren, und wurde innerhalb eines Jahres aus dem Amt gedrängt. Als sich die politische Krise verschärfte, flohen Tausende Haitianer auf Flössen - in der Regel in Richtung USA.

Aus Furcht vor einem Massen-Exodus befahl der damalige US- Präsident George Bush eine Blockade. Doch 1994 war die Flüchtlingskrise so schlimm geworden, dass Bushs Nachfolger Bill Clinton handeln musste. Er drohte mit einer US-Invasion. Das Militär- Regime gab auf, Aristide kehrte zurück, und US-Truppen sorgten für Ruhe und Ordnung.

Aristide gewann 2000 erneut die Wahlen, wurde 2004 aber vertrieben. Im gleichen Jahr starben tausende Haitianer in tropischen Sturmfluten sowie einer Serie von Naturkatastrophen.

USA und Uno werden noch lange bleiben

Seit 2004 ist die Insel de facto ein Uno-Protektorat. Die 9000-köpfige Friedenstruppe sichert Ruhe und Ordnung. Henry Carey, Professor an der Georgia State University, sagt gegenüber «Spiegel online», dass als Folge des Erdbebens das Uno-Mandat deutlich verlängert wird.

Das Protektorat werde noch ausgeweitet, Haiti werde wieder zu einer «Kolonie», diesmal von der Uno, sagt der Professor. Das sei positiv für das Land, wenn der jüngste Trend der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung fortgesetzt werde.

Das jüngste Beben ist allerdings ein grosser Rückschlag für ein Land, das auf dem Weg in eine bessere Zukunft zu sein schien, mit Präsident René Préval, der nötige Reformen auf den Weg brachte. Die USA und die Uno werden Haiti auch nach Beseitigung der Erdbebenschäden als Wahrer von Stabilität erhalten bleiben. (bru/sda)

Erstellt: 19.01.2010, 22:48 Uhr

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11 Kommentare

Katia Frei

20.01.2010, 09:10 Uhr
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Als Haitianerin muss ich gestehen, dass die Regierung in meinem Heimatland ungebildet/inkompetent /übertrieben korrupt ist, die Staatsmänner sind und bleiben Witzfiguren . Die Situation muss sich einfach endlich verbessern. Aber Haiti braucht Diktatur ohne Diktator! Ich bin kein Fan von Amerika, werde für immer eine stolze Haitianerin bleiben. Niemand kann Haiti jemals wieder kolonialisieren!! Antworten


Ludwig Baggenstos

19.01.2010, 22:38 Uhr
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In Anbetracht der gegenwaertigen und schon vorherigen Situation von Haiti, waere es sicher nicht verwerflich wenn das Land, gleich wie Puerto Rico, ein angegliederter, freier Staat der USA wuerde. Dies ist jedoch mit enormen Kosten verbunden und es ist deshalb fraglich ob die USA langfristig allein diese Last auf sich nehmen will. Das Land braucht schon lange eine solide Struktur um zu ueberleben. Antworten



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