«Zelaya ist stark wie ein Pferd»
Von Sandro Benini, Tegucigalpa. Aktualisiert am 29.09.2009
Honduras steht im Bann von Gerüchten, Drohungen und Ängsten vor einem Bürgerkrieg. Vor gut einer Woche ist der gestürzte Präsident Manuel Zelaya heimlich in das Land zurückgekehrt, um sich mit sechzig Getreuen in der brasilianischen Botschaft zu verschanzen. Am Sonntag rief die Putsch-Regierung unter Roberto Micheletti für 45 Tage den Ausnahmezustand aus.
Mehrere Grundrechte sind ausser Kraft gesetzt, darunter die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Bereits nach Zelayas Rückkehr hatte Micheletti eine dreitägige Ausgangssperre verhängt, nun gilt die Massnahme jeweils vom Einbruch der Dämmerung bis zum Morgengrauen.
Die Strassen der Hauptstadt Tegucigalpa leeren sich, sämtliche Restaurants und Nachtlokale bleiben geschlossen, auf den wichtigen Verkehrsachsen haben Polizei und Armee Sperren errichtet. Es herrscht gespenstische Stille. Laut dem Gewerbeverband haben die Geschäfte bisher einen Umsatzverlust von umgerechnet rund 65 Millionen Franken erlitten. «Wenn das so weitergeht, bin ich in zwei Wochen pleite», sagt der Besitzer einer Eisenwarenhandlung im Zentrum der Hauptstadt.
Gerüchte um Giftgasattacke
Die brasilianische Botschaft ist rund um die Uhr abgeriegelt. Das Militär hält sämtliche Zufahrtsstrassen besetzt, auf den Dächern eines nahe gelegenen Burger Kings sind stundenweise Scharfschützen postiert. Vor den Absperrungen stehen die Busse von Fernseh- und Radiostationen. Journalisten und Passanten kommentieren die neusten Gerüchte, und davon gibt es viele. Die Regierung versuche, den linken Präsidenten und seine Entourage zu zermürben, indem sie Giftgas in die Botschaft leite und das Gebäude mit hirnschädigenden Strahlen bombardiere.
«Die Leute hier drin urinieren und erbrechen Blut», teilte Zelaya am Freitag seinen Anhängern übers Handy mit. Darauf erlaubte die Regierung einer Gruppe von Ärzten und Experten der Uno sowie des Roten Kreuzes, die Botschaft zu betreten und in deren Umgebung nach Spuren der angeblichen Giftgasattacke zu suchen. Gefunden haben sie nichts. Unbestritten ist, dass der Botschaft zunächst Wasser und Strom abgedreht wurden und Micheletti erst nach Protesten des Uno-Sicherheitsrats von derartigen Methoden abliess.
Aber auch die Gegenseite setzt Gerüchte in Umlauf. Laut offiziellen Behauptungen ist es Zelaya nur dank venezolanischer Hilfe gelungen, das Land überhaupt zu betreten und sich auf verschlungenen Wegen in die Hauptstadt durchzuschlagen. Er habe gehofft, Hunderttausende begeisterter Anhänger würden ihn im Triumphzug in den Präsidentenpalast zurücktragen. Die Flucht in die brasilianische Vertretung sei kein geschickt eingefädelter Coup, sondern ein Akt der Verzweiflung. Tatsächlich hat der gestürzte Präsident wohl mit einer grösseren öffentlichen Mobilisierung gerechnet. Zwar kam es gelegentlich zu Plünderungen und Strassenkämpfen zwischen seinen Anhängern und den Ordnungskräften, wobei ein Demonstrant getötet wurde. Der grosse Volksaufstand gegen die Putschisten ist aber ausgeblieben.
Imbiss für die Demonstranten
So sind es lediglich ein paar Tausend Zelaya-Anhänger, die am Samstag in der Nähe der brasilianischen Botschaft für ihren liebevoll «Mel» genannten Präsidenten demonstrieren. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Volksfest als an einen Entscheidungskampf um die Zukunft der honduranischen Demokratie. Mobile Imbissstände verbreiten den Geruch von gebratenem Fleisch, die Demonstranten schwingen rote Fahnen mit Zelayas Konterfei und schreien «Mel, halte durch, das Volk erhebt sich». Schimpftiraden oder gar tätliche Angriffe gegen die Ordnungskräfte bleiben aus. «Ein Soldat hat mir soeben gesagt, er stehe auf unserer Seite», erzählt ein Mann mit einem T-Shirt, auf dem Micheletti als Gorilla abgebildet ist.
Plötzlich geht ein Aufschrei durch die Menge. Aus einem Geländewagen lehnt sich eine junge Frau, Zelayas Tochter Xiomara Hortensia. «Danke, danke, danke», sagt sie. «Ihr kämpft hier nicht nur für das Leben meines Vaters, sondern für die Zukunft unseres Landes.» Einer von Zelayas Neffen, der sich in die Botschaft geflüchtet hatte und sie nach zwei Tagen wieder verlassen durfte, schildert die prekäre Lage der Eingeschlossenen. «Die Leute da drin sind zusammengepfercht und schlafen auf Matratzen. Wer aus diesem Machtkampf als Sieger hervorgeht, ist gegenwärtig offen. Ebenso wie lange es Zelaya in der brasilianischen Botschaft aushält. «Der Bursche ist stark wie ein Pferd», sagt ein Demonstrant. Pineda Alvarado ist anderer Meinung: «Zelaya liebt den Luxus von Hotelsuiten. Auf einer Pritsche zu schlafen, wird dieses Weichei höchstens noch einige Tage ertragen.»
Laut dem Politologen und ehemaligen Parlamentsabgeordneten Raúl Pineda Alvarado ist die internationale Isolation für Michelettis Regierung gefährlicher als der interne Widerstand. Die Putschisten behaupten, Zelaya habe seine Amtszeit durch eine Verfassungsänderung verlängern wollen – und dies sei gemäss Konstitution streng verboten. Zelayas Anhänger entgegnen, der Präsident habe lediglich ein Referendum angestrebt, um bei einem Volksmehr eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen. Die internationale Gemeinschaft schloss sich dieser Argumentation an, weshalb sie der neuen Regierung jede Anerkennung verweigert. (Der Bund)
Erstellt: 29.09.2009, 13:56 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




