Auf die Bombe folgten die Explosionen

Unsere Recherche zu Big Data gab viel zu reden und zu kritisieren. Beides zu Recht.

Wenn politische Macht aus persönlichen Daten gebaut wird. Foto: David P. Morris (Bloomberg)

Wenn politische Macht aus persönlichen Daten gebaut wird. Foto: David P. Morris (Bloomberg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Uns wackeln immer noch die Ohren, so laut war der Knall, der auf unseren Artikel «Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt» folgte («Das Magazin» vom 3. Dezember). Dabei enthält der Text, so dachten wir, keine spektakulären Ent­hüllungen. Wir dachten, wir beschreiben ein Wahlkampfverfahren und wie Technologie und Psychologie auf Facebook und Politik treffen.

Zur kurzen Erinnerung: Unsere Geschichte besteht aus drei Teilen.

Zuerst geht es um die Forschung von Michal Kosinski. Er ist ein führender Psychometriker, das ist die vermessende Untersparte der Psychologie. Sein Spezialgebiet: aus Datenspuren den Charakter von Menschen berechnen. Kosinski wurde berühmt durch ein Modell, das unter anderem ermöglichte, anhand der Facebook-Likes einer Person deren Verhalten vorherzusagen – manchmal besser, als es Freunde, Arbeitskollegen, Verwandte dieser Person könnten. 2014 kontaktierte eine Firma aus der globalen Militärindustrie Kosinski. Bis heute ist unklar, ob diese Firma es schaffte, Kosinskis Daten und Modell zu kopieren. Die merkwürdigen Ungereimtheiten um den Fall hat der «Guardian» 2015 aufgedeckt, das belegen auch uns vorliegende interne Dokumente.

Ab 2015 – und das ist Teil zwei unserer Geschichte – unterstützt Cambridge Analytica, eine Tochterfirma ebenjenes Militärzulieferers, zuerst die Brexit-Kampagne und dann Donald Trump im US-Wahlkampf. Anhand eines Promovideos dieser Firma zeigen wir, dass die Methodik jener von Kosinski verblüffend ähnelt – kombiniert mit dem personalisierten Zuspielen von auf den jeweiligen Charaktertyp angepassten Werbungen.

Macht dank persönlichen Daten

Im dritten Teil suchten wir nach Belegen, wonach diese Mittel im US-Wahlkampf eingesetzt wurden. Die Geschichte endet mit dem Forscher, der geknickt ist. Im Gespräch mit anderen Forschern fiel der Vergleich mit dem unglücklichen Erfinder der Atombombe. Wir sprachen Kosinski auf die Parallele an, und er antwortete, dass er die Bombe nicht erfunden, sondern nur ihre Existenz aufgezeigt habe. Firmen würden diese Techniken schon lange benutzen.

Wir wollten zeigen, wo und wie sehr politische Macht aus persönlichen Daten gebaut wird.

Uns faszinierte das: Ein Unternehmen, dessen Struktur so gut verschleiert ist, dass niemand weiss, wem es eigentlich gehört, behauptet in aller Öffentlichkeit, «von jedem erwachsenen US-Bürger psychologische Profile gebildet zu haben». Etwas, das in der EU ohne Einverständnis illegal wäre. Noch dazu von einem Unternehmen, in dessen Verwaltungsrat eine Person wie Stephen Bannon sitzt, der rechtsextreme Berater von Trump – während seines Wahlkampfes und während seiner künftigen Präsidentschaft.

Wir wollten zeigen, wie heutzutage aus persönlichen Daten Macht geschöpft wird. Natürlich war die Arbeit von Cambridge Analytica nicht der einzige Grund für Trumps Wahl. Es gibt viele Faktoren dafür – und einer war die Social-Media-Kampagne von Trump, und diese war unser Fokus.

Beim Erzählen dieser Geschichte haben wir uns dann zu sehr in Bann schlagen lassen von den unglaublichen Verwicklungen. Beim Versuch, die technischen Elemente verständlich und spannend zu vermitteln, haben wir teilweise überspitzt formuliert. Wir hätten unsere Recherche-Ergebnisse stärker hinterfragen müssen. Dann wären notwendige Relativierungen im Text verblieben – etwa die Bauchlandungen der Firma Cambridge Analytica und ihre kontrovers eingeschätzte Rolle in der Brexit- und Cruz-Kampagne.

Allwissendes Unternehmen

Uns erschreckte aber, dass ein Unternehmen vorgibt, so viel über amerikanische Bürger zu wissen. Ein Unternehmen mit Verflechtungen im Afghanistan-Krieg, im Infokrieg in Lettland und andernorts. Die Afghanistan-Arbeit ist auf der Website der Mutterfirma SCL aufgeführt an mehreren Orten detailliert beschrieben. Journalismus muss sich mit solchen Fragen beschäftigen. Dass wir zum Teil anders gelesen und verstanden wurden, hat uns die wuchtige Kritik gezeigt. Uns wurden Unschärfen nachgewiesen. Die Kritiker haben sie zu Recht moniert.

Wir wollten zeigen, wo und wie sehr politische Macht aus persönlichen Daten gebaut wird. Der Text und seine Kritik könnten der Anstoss zu einer wichtigen Debatte sein.

Hannes Grassegger und Mikael Krogerus arbeiten für «Das Magazin». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2016, 21:31 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Firma weiss, was Sie denken

Cambridge Analytica kann mit einer neuen Methode Menschen anhand ihrer Facebook-Profile minutiös analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg. Mehr...

Jetzt dreht Economiesuisse mit Facebook «Battlegrounds»

Nach dem Nein zum Atomausstieg jubelte der Wirtschaftsverband: «Jeden Schweizer Facebook-Nutzer 2½ Mal erreicht.» Wie das gelang. Mehr...

«Macht euch die Hände schmutzig!»

SonntagsZeitung Big Data gehört die Zukunft. Zu Unrecht, sagt Martin Lindstrom, Marken-Guru. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Krankenschwester sucht erotische Abenteuer

Gute Neuigkeiten für Herren: Gerade Krankenschwestern sind oft sehr einsam und daher immer häufiger auf Erotikkontaktportalen anzutreffen.

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Ein kleines Kunstwerk: Webervögel bauen ein Nest auf einem Bambusbaum in Lalitpur, Nepal.
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...