.

Auf zur letzten Runde, Genossen

Armes Kuba. Raúl Castro und seine greisen Kommunisten machen kurz vor ihrem Ende wieder auf kalten Krieg.

Zurück in die Vergangenheit: Fidel Castro (sitzend) und Raúl Castro (rechts) am siebten Kongress der Kommunistischen Partei in Havanna. Foto: Ismael Francisco (Keystone)

Zurück in die Vergangenheit: Fidel Castro (sitzend) und Raúl Castro (rechts) am siebten Kongress der Kommunistischen Partei in Havanna. Foto: Ismael Francisco (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist man es in Kuba gewohnt, dass die Castros und ihre Revolutionäre die Zukunft immer wieder verschieben. Sie hatten immer einen Grund dafür: das Embargo der USA, der Tod der Sowjetunion, Hurrikanes und andere Probleme. Doch jetzt ist das Jahr 2016. Dinge haben sich verändert, Kuba und die USA Frieden gemacht, die halbe Welt kommt lächelnd auf die Insel, sogar Barack Obama und die Rolling Stones waren da. Und Staatschef Raúl Castro hat angekündigt, er werde 2018 zurücktreten, und dass der siebte Kongress der Kommunistischen Partei der letzte sei mit ihm und den anderen Alten, die seit der Revolution 1959 Kuba regieren. Also endlich, Wandel, Generationenwechsel. Es zeichnete sich so etwas wie Zukunft ab. Sogar die grössten Pessimisten glaubten: Irgendwas muss da kommen an diesem Kongress.

Absage an Reformen

Es kam: die Vergangenheit hoch – grau, schwer, niederschlagend. Raúl, der mit Obama den Frieden eingefädelt und ihn gerade eben erst freundlich in Havanna empfangen hatte, rief die Nation zur ideologischen Wiederaufrüstung gegen die USA und den Kapitalismus auf. Der General schickte keinen einzigen seiner über 70- und 80-jährigen Genossen vom Politbüro in den Ruhestand. Auch kein einziger trat zurück. Die tausend handverlesenen, linientreuen Delegierten wählten die alte Parteiführung wieder und segneten jedes Papier ab, mit Zustimmungsraten zwischen 99 und 100 Prozent.

Am Ende kam auch er noch: Fidel Castro. Im Trainer und gestützt von drei Personen zitterte sich der gebrechliche, von 90 Lebensjahren gekrümmte Revolutionsführer in den Saal. Wie eine Heiligenfigur aus Porzellan wurde er hingesetzt. Mit nuscheliger und brüchiger Stimme sprach er über Lenin, die Umwelt und davon, wie er selbst zum Kommunisten wurde und dass er irgendwann sterben, der Kommunismus in Kuba aber weiterleben werde. Minutenlange Standing Ovations, Applaus, «Viva Fidel!», wässrige Augen.

Schon der Auftakt zum Kongress war eine kalte Dusche. Im Volk fragte man sich: Macht Raúl jetzt auf Fidel? Zweieinhalb Stunden redete der wortkarge CastroII. Rekord. Nach der Hälfte hingen die ältesten der alten Kommunisten in der ersten Reihe bereits so matt in ihren Sesseln, dass Raúl ihnen väterlich anbot, kurz auszutreten, falls sie mal müssten. Keiner traute sich.

Der Wort- und Zahlensermon des Staatspräsidenten erhielt zwei ernüchternde Botschaften: An unserem Einparteiensystem ändern wir gar nichts und die Wirtschaft reformieren wir nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich, und dies im gleichen Tempo wie bisher, also in Zeitlupe. Raúl machte klar, dass die «sozialistischen Staatsbetriebe», die noch heute 70 Prozent der desaströsen kubanischen Wirtschaft verantworten, auch in Zukunft die tragende Säule sein werden für «einen gedeihenden und nachhaltigen Sozialismus». Den kleinen privaten Sektor bezeichnete er als «komplementär». Man werde ihn zwar «graduell ausweiten», aber in engen Grenzen halten. Die «Anhäufung von privatem Eigentum und Reichtum» werde man mit allen Mitteln verhindern.

Raúl bekräftigte, dass es mit ihm keine Schocktherapien geben werde, keinen Neoliberalismus und niemals eine Rückkehr zum Kapitalismus. Dass Kuba längst einen Staatskapitalismus betreibt und vom Sozialismus weiter entfernt ist denn je, würde er nie sagen. Raúl bezeichnete erneut China und Vietnam als seine Vorbilder. Diese Länder bewiesen, dass ein Einparteiensystem und eine Wirtschaft nach den Grundsätzen Angebot und Nachfrage miteinander vereinbar seien.

Krieg mit Worten

Raúls Rede an die Nation war auch eine Totalabsage an jegliche politische Öffnung. Die USA «und fast der ganze Planet» verlangten von ihm, sich vom Einparteienstaat zu verabschieden und andere Parteien, unabhängige Organisationen und Medien zuzulassen. Doch solange er in Kuba etwas zu sagen habe, werde es das alles nicht geben. Es wäre, so Raúl, ein Verrat und «der Anfang vom Ende des revolutionären und sozialistischen Kuba».

Auf Raúls Marschbefehl folgten drei Tage Schreck lass nach. 1000 Delegiertenköpfe im Kalten Krieg, Kampf­rhetorik ohne Ende. Das Vokabular: Schlacht, Offensive, Fronten, Schützengraben, Verteidigung, Blut. Die martialischen Worte flogen wie Geschosse durch die Plenarsäle. Das Ziel: fast immer die USA. «Das Imperium» wolle jetzt einfach mit Dollars die Revolution zunichtemachen, weshalb der wahre ideologische Abwehrkampf erst jetzt so richtig beginne. Aussenminister Bruno Rodríguez bezeichnete Obamas Auftritte und Reden in Havanna als eine «Attacke» auf die kubanische Geschichte und Kultur. Die lauteste verbale Gewalt kam oft aus den Mündern der Jungkommunisten. Ausgerechnet sie sollen Kubas Zukunft sein.

Echte Diskussionen, neue Ideen und abweichende Meinungen waren in den Ausschnitten, die das Staatsfernsehen ausstrahlte, nie zu hören. Ebenso wenig Lösungsvorschläge auf drängende Probleme, die Land und Leute lähmen – oder sie zu Tausenden in die Flucht treiben. Der Kongress hat gezeigt: Rhetorik und Realität sind in Kuba Lichtjahre voneinander entfernt. Machtelite und Volk leben auf zwei verschiedenen Inseln. Der 84-jährige Raúl und seine Revolutionsgarde wollen auf ihre alten Tage hin nicht mehr neu beginnen. Sie sind Gefangene ihrer Geschichte – und von Fidel. Unfähig loszulassen, hängen die Urgesteine nun noch eine letzte Runde an. Was und wer folgt, wenn Raúl übernächstes Jahr alle seine Staatsämter abgibt, ist ein Rätsel. Mächtige Personen aus seinem Umfeld und seiner Familie bleiben auch nach diesem Kongress im Hintergrund.

Das nächste Konklave der Kommunisten findet 2021 statt. Wenn bis dahin weiter nur gleichgeschaltete Köpfe reden und nicken dürfen, steht Kuba vor fünf verlorenen Jahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2016, 20:25 Uhr

Artikel zum Thema

Kuba ist Familiensache

Infografik Die alten Kommunisten versammeln sich in Kuba zu ihrem letzten Parteikongress. Derweil bereitet Staatschef Raúl Castro hinter den Kulissen seinen Abgang vor. Mehr...

Der historisch peinliche Handschlag

Auf diesen Moment haben die USA und Kuba 88 Jahre gewartet. Aber was Obama und Castro nun daraus gemacht haben, erntet nur Verwirrung und Fremdschämen. Mehr...

Eine Insel der Hoffnung, Risiken und Fallgruben

Raúl Castro und seine Militärs umgarnen Regierungen und Investoren. Viele Staaten wollen plötzlich mit Kuba ins Geschäft kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kuschelalarm: Zwei weisse Tigerbabies kuscheln sich aneinander. Vier kleine Tiegerbabies kamen am 21. März im Zoo von Borysew (Polen) zur Welt (26. März 2017).
(Bild: Grzegorz Michalowski) Mehr...