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Jetzt kommt die Sprachpolizei

Redner werden ausgeladen, Wörter verbannt, Ideen unterdrückt: An amerikanischen Universitäten grassiert eine neue Form von politischer Korrektheit.

Ein halbes Jahrhundert nach der «Free Speech»-Bewegung: Die Redefreiheit wird jetzt eingeschränkt.

Ein halbes Jahrhundert nach der «Free Speech»-Bewegung: Die Redefreiheit wird jetzt eingeschränkt. Bild: Steffen Kugler/Keystone

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Bestimmte Bücher werden als verletzend empfunden und aus den Seminaren verbannt. Die Sprachpolizei patrouilliert den Campus und registriert selbst kleinste «Mikroaggressionen». Lehrende sollen vorsorglich «vor Auslösern» warnen, wenn in Vorlesungen Stoffe behandelt werden, die bei Studenten psychologische Traumata hervorrufen könnten. Und Identitätspolitik wie politische Korrektheit, beides eigentlich alte Hüte, sind wieder da. «Etwas Merkwürdiges passiert an amerikanischen Universitäten und Colleges», melden der Sozialpsychologe Jonathan Haidt und der Anwalt Greg Lukianoff in einem kürzlich im «Atlantic Monthly» publizierten Artikel.

Ideen werden verboten, weil sie womöglich verletzend sind, Professoren beschuldigt, keine Rücksicht auf das emotionale Wohlbefinden ihrer Studenten zu nehmen: Im amerikanischen Elfenbeinturm kracht es vernehmlich. Immer lauter werden die Beschwerden derjenigen, die an den Hochschulen eine gefährliche Mischung von Identitätspolitik und politischer Korrektheit beobachten. Ziel der neuen Bewegung sei es, «den Campus in eine Sicherheitszone zu verwandeln, wo junge Erwachsene vor Ideen und Wörtern geschützt werden, die ihnen Unwohlsein bereiten», so Lukianoff und Haidt.

Die Kehrtwende des emotionalen Wohlbefindens

Ein halbes Jahrhundert nach der «Free Speech»-Bewegung an der University of California in Berkeley wird Redefreiheit jetzt eingeschränkt – weil sie dazu missbraucht werden kann, Minderheiten, Schwule und Lesben sowie Frauen zu verletzen, etwa durch «Mikroaggressionen». Sogar der Versuch, Mikroaggressionen zu definieren, kann zur Mikroaggression werden: Als die asiatisch-amerikanische Studentenvereinigung an der Brandeis-Universität nahe Boston in einer Installation auf dem Campus Mikroaggressionen gegenüber Studenten asiatischer Herkunft demonstrieren wollte – etwa «Du bist bestimmt gut in Mathe!» oder «Ich bin farbenblind, ich sehe keine Rassen!» –, empfanden entrüstete asiatisch-amerikanische Studenten die Ausstellung selbst als Mikroaggression.

Nicht nur wurde die Installation prompt entfernt, der Vorsitzende der Vereinigung asiatisch-amerikanischer Studenten an der Uni entschuldigte sich überdies «bei allen, die durch die Mikroaggressionen verletzt wurden oder bei denen dadurch etwas ausgelöst wurde». Wollte politische Korrektheit vor einem Vierteljahrhundert den akademischen Kanon an amerikanischen Unis erweitern und die Beiträge von Minderheiten und Frauen fördern, so möchte die neue politische Korrektheit diesen Kanon einschränken: Bücher von Virginia Woolf und Mark Twain gelten als anstössig, bestimmte Dramen sollen nicht mehr aufgeführt werden, weil sie das emotionale Wohlbefinden von Studenten störten.

So sagte die Stanford University etwa eine Aufführung des Rockmusicals «Bloody Bloody Andrew Jackson» über den indianerfeindlichen US-Präsidenten nach Protesten indianischer Studenten ab, während am Mount Holyoke College in Massachusetts die berühmten «Vagina Monologues» auch deshalb aus dem Programm genommen wurden, weil das Stück Frauen ohne Vaginas auslasse. Am Hampshire College musste eine Afrofunk-Band weichen, weil ihr zu viele weisse Musiker angehörten, an der University of St. Thomas in Minneapolis wurde am traditionellen «Höcker-Tag» ein Kamel zum Streicheln wieder abbestellt, weil dadurch unter anderem die Sensibilitäten von Menschen aus dem Nahen Osten verletzt würden.

Social Media tragen Mitschuld

«Es gibt jetzt so viele Möglichkeiten, auf eine Mine zu treten, so viele Begriffe, die verboten sind», klagte der Publizist und Uni-Lehrende Freddie DeBoer über die neue politische Korrektheit. Dass die Berufssituation der Hochschullehrer prekär ist, macht die Sache noch schlimmer: Immer mehr Unis bauen Lehrstühle vor allem in den Geisteswissenschaften ab und ersetzen fest angestellte Professoren durch billige Lehrkräfte mit Zeitverträgen. Wer ins Visier der Sprachpolizei gerät, verliert womöglich seinen Job und seine Zukunft. Selbstzensur ist deshalb an der Tagesordnung: Besser nicht anecken, ja nichts Kontroverses ansprechen.

Längst meiden berühmte US-Komiker wie Jerry Seinfeld oder Chris Rock die Unis. Er gehe nicht einmal «in die Nähe von einem College – zu politisch korrekt», sagt Seinfeld. Und im Onlinemagazin «Vox» erklärte jüngst ein «liberaler» Professor unter dem Pseudonym Edward Schlosser, er habe «Angst» vor seinen «liberalen Studenten». Wer sich wehrt, wird auf Social Media von politisch korrekten Studenten umso entschiedener bekämpft. Nachdem die Professorin Laura Kipnis in einem Fachblatt die «sexuelle Paranoia» an der Northwestern University beklagt hatte, leitete die Uni nach Beschwerden von Studenten eine Untersuchung gegen sie ein.

Mitschuld an der vergifteten Atmosphäre trägt neben Social Media, auf denen bisweilen regelrechte Zensur-Mobs organisiert werden, auch die Obama-Administration. Sie verschärfte die Vorschriften zum Schutz von Frauen und Minderheiten an den Universitäten derart, dass sogar «nicht willkommene Sprache», etwa die Anmache einer Studentin durch einen Studenten, zum justiziablen Fall werden und die Uni in Schwierigkeiten bringen kann. Oft werden Hochschulen in diesem Klima zu Komplizen der Gedanken- und Sprachpolizei und laden zum Beispiel Redner wie IWF-Chefin Christine Lagarde oder Ex-Aussenministerin Condoleezza Rice nach Studentenprotesten wieder aus. Mindestens 120 Reden wurden seit 2009 auf diese Weise verhindert.

Bestrebungen, Studenten im Klassenzimmer zu schützen anstatt sie herauszufordern, seien «infantilisierend und anti-intellektuell», warnte die Vereinigung amerikanischer Uni-Professoren, ein Ende der politischen Korrektheit ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Zusehends werde die neue Zensur institutionalisiert, befürchten Greg Lukianoff und Jonathan Haidt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.08.2015, 21:20 Uhr)

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