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Er erfindet Lügen für Trump

«Wir sind die Typen am Strassenrand, die brüllen: ‹Das Ende der Welt ist nah!›» Ben Goldman kassiert einen Haufen Geld für Fake-News.

«Was wir tun, ist Kapitalismus»: Geschichtenerzähler Ben Goldman. Foto: PD

«Was wir tun, ist Kapitalismus»: Geschichtenerzähler Ben Goldman. Foto: PD

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Vor sechs Monaten waren Ben Goldman (27) und sein Kumpel Paris Wade (26) noch arbeitslose ­Restaurantangestellte. Heute sind sie Besitzer einer boomenden Nachrichtenfabrik und kassieren das Monatsgehalt eines Managers.

«Wir sind die neuen Boulevardjournalisten», erklärte Wade. «Wir sind die Typen am Strassenrand, die brüllen: ‹Das Ende der Welt ist nah!›»

Ihre Ware sind Politstorys, die Goldman und Wade in einer fast möbellosen Wohnung jeden Abend im Dutzend in die Laptops hacken. Fast alle erfunden, fast alle pro Trump. Etwa: «Sieh, was dir die Mainstreammedien nicht zeigen wollen: Hillarys ZUSAMMENBRUCH!» Oder: «Terroristen haben US-Regierung unterwandert. Lesen Sie, wer auf ihrer TODESLISTE steht!»

Das Geschäftsmodell ist simpel: Ihre Seite Libertywritersnews.com macht Klicks bei Trump-Fans und kassiert für die Anzeigen – oft Tausende von Dollars pro Tag.

Zuvor waren Goldman und Wade weder an Journalismus noch an Politik interessiert, noch Trump-Fans. In den letzten zwei Wahlen stimmten sie für Obama. Doch ihr Leben war im Sand verlaufen. Sie hatten in Tennessee Werbung und Business studiert und nach dem Abschluss nur Praktika und einen Job in einem mexikanischen Restaurant gefunden.

Doch das ist Vergangenheit. Seit sie im Medienbusiness sind, fragen sie sich jeden Tag, was ihre Kunden wollen – und geben es ihnen. Etwa einen Artikel wie «Paul Ryan – wann macht jemand den VERRÄTER endlich fertig?» Oder sie erfinden eine Story, dass der Financier George Soros Anti-Trump-Demonstrationen sponsert. Das gibt Hunderte Kommentare wie «Hängt Soros!» Aber auch Zehntausende Klicks. Oder sie experimentieren mit Schlusszeilen wie «Gott schütze den zukünftigen Präsidenten Trump!», was auch läuft wie der Teufel.

Dabei sehen sie sich in guter Tradition. In einem Porträt der «Washington Post» sagte Wade: «Früher gab es mehr Konkurrenz unter den Zeitungen: Wer schrieb den verrücktesten Scheiss?» Und Goldman ergänzte: «Wer den verrücktesten Scheiss schrieb, gewann.»

Was die Ethik betrifft, sagte Goldman, er glaube, dass man zu der Verrücktheit der eigenen Leser nichts hinzufüge – man benütze sie nur. Ausserdem würden er und Wade darüber nachdenken, eine linke Website zu gründen: Denn da sei momentan sehr viel Wut. «Wir können so noch viel mehr Klicks machen.»

Diesen Montag erschien das Porträt über Goldman und Wade. Minuten später erschien auf ihrer Website die Schlagzeile «‹Washington Post› bei riesiger LÜGE erwischt!!» Darin warf Goldman der «Post» vor, kleinere Zeitungen fertigzumachen, «weil sie sie als Konkurrenz sehen». Und sagte: «Was wir tun, ist Kapitalismus.» Er endete mit dem Aufruf: «Wenn ihr glaubt, wir sagen die Wahrheit, teilt diese Story!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2016, 21:00 Uhr

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