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Auf diese Tricks setzen Donald Trumps Gegner nun

Am Parteitag der Republikaner im Juli droht ein düsteres Szenario.


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«Wir werden das Land schockieren», machte sich Marco Rubio kurz vor dem gestrigen Wahltag Mut. Am Ende des Wahlabends aber war der Senator aus Florida der Schockierte: Donald Trump demolierte das Hätschelkind des republikanischen Establishments in dessen Heimatstaat Florida – worauf Rubio prompt das Handtuch warf und aus dem Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur ausstieg. «Amerika befindet sich mitten in einem politischen Sturm», erkannte der Verlierer vor seinen enttäuschten Anhängern in der Wahlnacht.

Niemand gedeiht in diesem Sturm besser als Donald Trump. Er gewann nicht nur in Florida, sondern siegte zudem in Illinois sowie im Südstaat North Carolina. Senator Ted Cruz belegte mehrmals den zweiten Rang und lieferte sich in Missouri ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Trump. Doch trotz Donald Trumps neuerlichen Erfolgen wird das republikanische Fegefeuer anhalten. Einmal mehr fiel keine endgültige Entscheidung, da Ohios Gouverneur John Kasich seinen Heimatstaat erfolgreich gegen Trump verteidigte und er sich nach Marco Rubios Pleite nun seinerseits Hoffnungen macht, als Kandidat den republikanischen Eliten sowohl Trump als auch Senator Cruz die Präsidentschaftskandidatur zu verwehren.

«Unser Plan ist es...»

Weil Trump in Ohio bei den Delegiertenstimmen leer ausging – sowohl dort als auch in Florida erhielt der Gewinner alle Delegierten zugesprochen –, muss Kasich trotz seiner bisherigen Wahlerfolge bis zum Ende der Vorwahlen im Juni nahezu 60 Prozent aller noch verfügbaren Delegiertenstimmen holen. Das ist fast unmöglich, weshalb am Horizont ein düsteres Szenario für die Partei Abraham Lincolns und Ronald Reagans heraufzieht.

«Unser Plan ist es, Ohio sowie ein paar andere Staaten zu gewinnen, und wenn es so kommt, hat niemand genügend Stimmen, um sich die Kandidatur im ersten Wahlgang zu sichern», beschrieb John Kasichs Chefstratege John Weaver die Strategie der Trump-Gegner.

Das grosse Geschacher begänne

Als ihr Instrument möchte Kasich jetzt nach Rubios unrühmlichem Abgang dienen. Beim republikanischen Parteitag in Cleveland im Juli wird Trump aller Voraussicht nach eine Mehrheit der Delegierten hinter sich haben, jedoch nicht über die zur Nominierung nötigen 1237 Stimmen verfügen. Nach dem ersten Wahlgang sind die Delegierten nicht mehr an ihren Kandidaten gebunden, das grosse Geschacher begänne und mit ihm ein Schauspiel, das der Nation seit langem nicht mehr geboten wurde.

John Kasich freut sich schon darauf: «Können Sie sich etwas Tolleres als einen umkämpften Parteitag vorstellen?», fragte der Gouverneur neulich. Um Trump die Kandidatur zu entreissen und sie Kasich zuzuspielen, fiele den 31 republikanischen Gouverneuren eine Schlüsselrolle zu: Sie müssten Delegierte anderer Kandidaten aus ihren jeweiligen Staaten unter Druck setzen, sie belohnen oder abstrafen. Sogar Geldzahlungen oder das Versprechen von Ämtern wären möglich und wahrscheinlich nicht strafbar. Der Parteitag versänke im Korruptionssumpf, womöglich ereigneten sich rund um das Kongresszentrum in Cleveland Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern Trumps.

Gingrichs Warnung

Hätte der New Yorker nun in Ohio gesiegt, wäre seine Rechnung wohl aufgegangen. So aber ist eher unwahrscheinlich, dass er im ersten Wahlgang in Cleveland eine Mehrheit erhalten wird. Falls sie danach dem demokratisch ermittelten Willen einer republikanischen Wählermehrheit zuwiderhandelten, stört die republikanischen Eliten offenbar nicht. Was sie von Trumps Proleten halten, offenbarte in der «National Review», einem Organ traditioneller Konservativer, der Kolumnist Kevin Williamson: «Die Wahrheit über diese dysfunktionalen und abrutschenden Gemeinden ist, dass sie es verdienen, zu sterben; ökonomisch gesehen sind sie tote Aktivposten», beschrieb Williamson die Heimatorte vieler Trump-Wähler aus den Unter- und Mittelschichten.

Auch führende Republikaner wie etwa Newt Gingrich, der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses, warnen indes davor, Trump mit Tricks und eigens geschaffenen Regeln in Cleveland die Krönung zu verweigern und nebenbei auch Ted Cruz auszubremsen. Dass das Establishment politisch nicht sonderlich talentiert ist, zeigt der Absturz Rubios: Massenweise stellten sich Kongressmitglieder und Gouverneure hinter ihn, als grosse republikanische Hoffnung wurde er gepriesen. Dabei verkörperte gerade Rubio den intellektuellen Bankrott der Partei mit seinen unbezahlbaren Steuersenkungen für Reiche sowie seiner Ablehnung jeglicher Massnahmen gegen den Klimawandel – obwohl seine Heimatstadt Miami wegen des steigenden Meeresspiegels schon jetzt regelmässig von Überschwemmungen heimgesucht wird.

Nun also ist der Hoffnungsträger verschwunden, ein Mann «mit einer grossen Zukunft hinter sich», wie der demokratische Stratege Paul Begala gestern Abend hämisch formulierte. Und Donald Trump? Nicht nur fuhr er in Florida einen beachtlichen Sieg ein, er gewann überdies in Illinois, in North Carolina und vielleicht auch in Missouri. Weil es in Ohio hingegen nicht reichte, wird der New Yorker Lautsprecher aller Voraussicht nach in Cleveland um die republikanische Präsidentschaftskandidatur kämpfen müssen. Dann heisst es sich anschnallen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.03.2016, 06:15 Uhr)

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