Trump und Putin im Vergleich

Auf den ersten Blick sind sich die USA und Russland und ihre Präsidenten sehr ähnlich. So einfach ist es aber nicht.

Donald Trump und Wladimir Putin sind sich in ihrem Machtstreben ähnlich, regieren aber in sehr unterschiedlichen Systemen. Foto: Andrey Rudakov (Getty Images)

Donald Trump und Wladimir Putin sind sich in ihrem Machtstreben ähnlich, regieren aber in sehr unterschiedlichen Systemen. Foto: Andrey Rudakov (Getty Images)

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Dass Russland nach den chaotischen Jahren unter Boris Jelzin durch Wladimir Putin wieder in seine autoritären Strukturen einspuren würde, hatten viele Experten befürchtet. Dass aber in den USA ein Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden könnte, hatten selbst die meisten Pessimisten nicht für möglich gehalten. Gibt es daher zwischen diesen anscheinend so gegensätzlichen Staaten doch untergründige Gemeinsamkeiten?

Beginnen wir mit den beiden Persönlichkeiten an der Staatsspitze. So verschieden sie aussehen – der eher plumpe Trump mit seiner geföhnten Frisur und der untersetzte, aber drahtige Putin mit seinem weitgehend kahlen Raubtierkopf –, sind sie doch von ähnlichem Schrot und Korn. Darum ästimieren sie sich auch gegenseitig – jedenfalls bis jetzt. Sie sind zwei Alphatiere und Egomanen, die sich gezielt in Szene setzen – Trump als erfolgreicher Selfmademan, der alles kann und genau weiss, was das Volk will; Putin als harter Bursche aus dem Volk, wie ihn die Russen lieben – beim Judo ebenso meisterlich wie als Angler oder Jäger. In ihrem politischen Handeln geben sie sich unberechenbar, wollen alles unter Kontrolle behalten und lieben kurze Entscheidungswege. Beider Bildung hält sich in Grenzen, sie verachten Intellektuelle.

Im Zentrum ihres politischen Interesses steht die Macht um ihrer selbst willen. Beide wollen geliebt werden, und wer gegen den Stachel löckt, verdient Strafe. Im autoritären Russland lässt sich das problemlos auf administrativem Wege bewerkstelligen, in der freien amerikanischen Gesellschaft geht das nur über öffentliche Beschimpfungen und Diffamierungen. Um sich innenpolitischen Spielraum zu verschaffen, wird die Öffentlichkeit systematisch manipuliert, werden Feindbilder aufgebaut und irreale Scheinwelten konstruiert. Nationale Grösse herzustellen oder (angeblich) wiederherzustellen, dient Trump und Putin als wirkungsvolles Mittel, um die Gesellschaft hinter sich zu scharen. In Russland mit seiner gegen aussen fast völlig abgeschotteten und vom Staat weitestgehend monopolisierten Medienwelt funktionieren diese manipulativen Techniken allerdings sehr viel besser als in den USA, wo die mediale Reichweite des Präsidenten ihre Grenzen hat.

Akzeptanz in der Bevölkerung

Auf welche Basis in der Bevölkerung stützen sich Trump und Putin, welches sind die Werte und politischen Mentalitäten, die ihre Wählerschaft vertreten? In dieser Beziehung kann Putin sich von einer grossen Mehrheit der Russen getragen fühlen, während Trump die letzten Präsidentenwahlen nur knapp gewonnen hat und – da die Hälfte der Bevölkerung gar nicht gewählt hat – faktisch nur ein knappes Viertel der Wahlberechtigten repräsentiert.

Aber diese Wählerschaften weisen in beiden Ländern Ähnlichkeiten auf: Es sind Menschen mit eher bescheidenem Bildungsrucksack, mit wenig beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten, Menschen, die vor allem auf dem Lande leben, die den Intellektuellen, den Bessergestellten, den Hauptstädtern und dem politischen Establishment mit Misstrauen oder gar Hass begegnen. Da sie die Komplexität politischer Probleme nicht durchschauen, neigen sie zu Verschwörungstheorien. Dabei bevorzugen sie schnelle und einfache Lösungen, die sie am ehesten ihrem «Alleskönner» an der Staatsspitze zutrauen. Gewaltanwendung ist für sie kein Tabu.

Als Menschen, die meinen, in ihrem Leben zu kurz gekommen zu sein, richten viele von ihnen ihre Aversionen auch gegen Farbige und Immigranten, die sie als Konkurrenten und kulturelle Bedrohung betrachten. In der russischen Bevölkerung, der Rassismus früher fremd war, hat sich während der letzten Jahrzehnte ebenfalls ein Hass gegen Immigranten entwickelt, aber Russlands «Schwarze» stammen aus Zentralasien und dem Kaukasus, also aus den Randstaaten der ehemaligen Sowjetunion.

Die amerikanische Zivilgesellschaft

Damit enden aber bereits Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Zwei wesentliche Unterschiede trennen die USA und Russland: Zum einen ist die Zivilgesellschaft in den USA um ein Vielfaches stärker und selbstbewusster als in Russland, wo sie nur in den beiden «Hauptstädten» Moskau und St. Petersburg wirklich präsent ist. Zum anderen baut das politische System der USA auf einer ausgeklügelten Ausbalancierung der politischen Macht auf, die der präsidentiellen Willkür deutliche Grenzen setzt. Demgegenüber war Russland von der Zaren- bis zur Sowjetzeit von einem autokratischen und zentralistischen Staat geprägt, der seine Bevölkerung politisch bevormundete und die politische Emanzipation des Individuums behinderte.

Welche Konsequenzen das hatte, kommt am besten in der unterschiedlichen Bezeichnung für den «Staat» zum Ausdruck. Während in der westlichen Welt die Bezeichnung für Staat (engl. «state», französisch «état») sich vom lateinischen status herleitet und damit wertneutral eine gegebene Ordnung oder einen gegebenen Zustand charakterisiert, bezeichnen die Russen den Staat und die Staatselite als Macht («wlast»). Wer aber den Staat als Macht sieht, der betrachtet sich selbst als machtlos.

Wer den Staat als Macht sieht, fühlt sich selbst machtlos.

Diese unterschiedliche Entwicklung des politischen Systems ist beiden Ländern eigentlich nicht in die Wiege gelegt worden. Denn beide sind zu einem erheblichen Grade aus räumlich mobilen Gesellschaften entstanden. Die USA haben sich von den Küsten aus im 18. und 19. Jahrhundert mittels einer «wandernden Grenze» (frontier) das von Indianern bewohnte Landesinnere angeeignet und dabei Werte entwickelt, die auch heute noch die Gesellschaft prägen: das Selbstvertrauen in die Stärke des Individuums, der unbedingte Freiheitswille, der Stolz auf die eigene Waffe, der lokale Common Sense und die Dezentralisierung des Staates.

Auch Russland hat sich von einem eng begrenzten europäischen Kern aus über die Jahrhunderte in die von Reiternomaden besiedelten Steppengebiete nördlich des Schwarzen Meeres und nach Sibirien ausgedehnt. Die freien Kosakengesellschaften an den Südgrenzen des Zarenreichs und auch die frühe Pioniergesellschaft Sibiriens trugen ähnliche Züge wie an der amerikanischen Frontier.

Wenn sich daraus aber kein politisches System zu entwickeln vermochte wie in den USA, dann lag dies vor allem am Zeitfaktor. In den USA ist der Bundesstaat erst am Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, als die Freiheiten und Wertvorstellungen einer Pioniergesellschaft bereits existierten. In Russland hingegen hat sich die autokratische Zentralmacht bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts formiert. Damit war sie stark genug, um die freiheitlicheren Gesellschaften an der südlichen und östlichen Peripherie des Moskauer Reichs im Lauf der Zeit auszuhebeln.

Der starke Mann an der Spitze

Wenn die politische Mentalität, die sich in Russland im Laufe der Neuzeit ausgebildet hat, alles Heil von einem starken Mann an der Staatsspitze erwartet – sei dies «Väterchen Zar», «Väterchen Stalin» oder Wladimir Putin – , dann fällt noch ein weiterer historischer Faktor ins Gewicht. Anders als die Vereinigten Staaten, die als eigener Halbkontinent mit keinen unmittelbaren Bedrohungen durch Nachbarländer rechnen mussten und nie ein feindliches Heer auf eigenem Boden gesehen haben, bildet Russland geopolitisch ein heikles Scharnier zwischen Europa und Asien. Diese Lage hat ihm zwar immer wieder die Möglichkeit gegeben, seine Nachbarländer zu attackieren, wenn diese schwach waren. Umgekehrt hat es aber immer wieder auch Invasionen aus Westen, Süden und Osten erleben müssen, die es bis ins Mark trafen.

Besonders traumatisch wirkten sich Napoleons Feldzug nach Moskau (1812), der Russisch-japanische Krieg (1904/05), der Erste Weltkrieg und das alliierte Eingreifen in den anschliessenden Bürgerkrieg zwischen «Roten» und «Weissen» aus. Der Zweite Weltkrieg schliesslich, der fast die Hälfte des europäischen Russland in ein Schlachtfeld verwandelte und Millionen von Russinnen und Russen das Leben kostete, haftet immer noch so stark in der Erinnerung, dass die Menschen ein enormes Sicherheitsbedürfnis entwickelt haben und jegliches politische Risiko scheuen.

Flucht in die Arme des Gewohnten

Zweimal im 20. Jahrhundert bot sich Russland die Chance, aus den eingefahrenen Bahnen des autokratischen Machtstaates auszubrechen: nach der Februarrevolution von 1917 und nach dem Ende des Sowjetsystems 1991. Beide Versuche endeten im Chaos, weil die Zivilgesellschaft sich als zu schwach erwies, um das entstandene Machtvakuum zu füllen. Um dem Chaos zu entkommen, setzten die meisten Menschen ihre Hoffnungen nicht auf die eigenen Kräfte, sondern flüchteten sich wieder in die Arme des Gewohnten – der Macht.

Zurück zu Trump und Putin. Aufgrund des Gesagten wage ich zu behaupten, dass die «Ära Trump» in den USA von nur kurzer Dauer sein wird. Auch in Russland wird die «Ära Putin» einmal zu Ende gehen. Aber für eine Emanzipation der Gesellschaft von der staatlichen Bevormundung und für den Aufbau eines Rechtsstaates, der diesen Namen verdient, dürfte es Jahrzehnte, wenn nicht mehrere Generationen brauchen – falls es überhaupt gelingt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 09:36 Uhr

Carsten Goehrke
Der 79-Jährige war von 1971 bis 2002 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Sein aktuelles Buch: Lebenswelten Sibiriens,Chronos-Verlag 2016.

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