Mein neuer Nachbar Obama
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 05.01.2009
Die provisorische Nobelabsteige der Obamas: Das Hotel Hay-Adams in Washington.
Mein neuer Nachbar ist eingezogen: Schräg gegenüber vom Weissen Haus wohnen die Obamas bis auf weiteres. In einer Hotelsuite im Hay-Adams, einer berühmten Nobelabsteige. Bereits am Samstag flog Michelle mit den Girls ein, gestern folgte ihr Barack Obama. Er war nicht erbaut, vorerst in einem Hotel wohnen zu müssen. «Ich habe genug davon», sagte der Mann, der über zwei Jahre hinweg vornehmlich in Hotels gelebt hat. Ich spazierte meine Strasse hinunter, die Sechzehnte, die geradewegs zum Weisen Haus führt, schlenderte am Hotel vorbei und entbot einen stillen Gruss. Welcome, Obamas!
Es war die Nacht vom vierten auf den fünften November, als mir die die ganze Unglaublichkeit des Vorgangs bewusst wurde: Eine Stunde vor Mitternacht riefen amerikanische Fernsehsender Barack Obama zum Gewinner der Präsidentschaftswahl aus – worauf in meinem Viertel, etwa einen Kilometer nördlich des Weissen Hauses, unglaublicher Jubel ausbrach: Junge Amerikaner schlugen auf Pfannen und Töpfe, spontan fielen sich wildfremde Menschen auf den Strassen Washingtons in die Arme.
Erste Begegnung im Sommer 2004
Nacht Mitternacht marschierte ich zum Weissen Haus, wo sich eine begeisterte Menge versammelt hatte. «Wessen Haus ist das?», rief laut ein junger Mann, worauf ein Chor donnernd antwortete: «Obamas Haus!». Und damit endete vorerst eine persönliche Reise, auf der ich das Vergnügen hatte, Barack Obama als Journalist hin und wieder zu begleiten, manchmal nah, manchmal aus der Ferne. Zuerst begegnete ich ihm beim Demokratischen Parteitag in Boston im Sommer 2004, als Obama, damals ein Staatssenator in Illinois, der sich um einen der beiden Washingtoner Senatssitze des Staats bewarb, die Schlüsselrede hielt.
Gehört hatte ich bereits von diesem Mann, der mir von Freunden in Illinois als politisches Naturtalent beschrieben wurde. Nun sprach er – und wie er sprach! Gekonnt, überzeugend, glänzend. «Bau keinen Mist!», hatte ihm Gattin Michelle hinter der Bühne in Boston mit auf den Weg gegeben. Nein, Mist baute er nicht. Eine sensationelle Rede liess er vom Stapel, ein Meisterstück, das manchem demokratischen Delegierten Tränen in die Augen trieb. Ob Demokraten oder Republikaner: Zuerst sind wir alle Amerikaner, sagte Obama – und griff damit bereits das Thema seines Präsidentschaftswahlkampfes vier Jahre später auf.
Rhetoriker der Extraklasse
Ich war platt: Dieser Provinz-Politico aus Chicago war ein Rhetoriker der Extraklasse, besser als Ronald Reagan. Und überdies troff er von Charisma, ja er besass mehr davon als Bill Clinton. In meinem Freundeskreis wurde Obama an jenem Abend in Boston zum politischen Superstar gekürt, und als er im Januar 2007 seine Kandidatur für das Amt des amerikanischen Präsidenten erklärte, wurde allenthalben gejubelt: Er hat es in sich, er könnte es schaffen. Vielleicht, dachte ich, vielleicht. Aus der Ferne beobachtete ich zunächst, wie er im demokratischen Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton und die anderen Matadore der Partei die Staaten Iowa und New Hampshire bereiste – ein Afroamerikaner, dem es gleichwohl zu gelingen schien, die Barriere der Hautfarbe mühelos zu überwinden.
So etwa an jenem trüben Tag im Herbst 2007, als ich von Iowas Staatshauptstadt Des Moines in die Kleinstadt Chariton fuhr, wo Obama eine Rede halten sollte. Rund 300 Menschen – alle von weisser Hautfarbe - zwängten sich in die alte Bahnhofshalle von Chariton, einem landwirtschaftlichen Zentrum von bescheidenem Zuschnitt. Und auf den Gesichtern der jungen Amerikaner, die geduldig und neugierig auf Barack Obama warteten, gewahrte ich erstmals jene Begeisterung, die Obamas Wahlkampf antrieb.
Sehnsucht nach einem Neuanfang
Eine Art Messias war er für die Jüngeren, der nicht nur den angehäuften Mist der Bush-Ära entsorgen würde. Nein, Barack Obama verkörperte ihre Sehnsucht nach einem Neuanfang, nach etwas Ehrenhaftem und Schönem, derentwegen sie sich nicht mehr schämen mussten. T-Shirts mit Obamas Konterfei wurden in Chariton angeboten, Ansteckknöpfe und allerhand Plunder, dessen Verkauf Obamas Wahlkampfkasse klingeln liess. Endlich fuhr er in einem vierradgetriebenen SUV vor, bewacht von den Leibwächtern des «Secret Service». Früher als jeder andere Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Geschichte war Obama unter Personenschutz gestellt worden, denn mehr als jedem anderen drohte ihm Gefahr.
Meine afroamerikanische Feundin Liz war wie so viele andere Schwarze überzeugt, man werde Obama ermorden, falls seine Kandidatur an Fahrt gewänne. Ausserdem war sie wie viele andere Afroamerikaner der Meinung, nie und nimmer sei das Land bereit, einen der ihren an die Spitze zu wählen. In Chariton aber schien mir genau das erstmals möglich: Entspannt sprach Obama vor seiner weissen Zuhörerschaft, schlug sie in seinen Bann und beeindruckte sie durch Charme und Sachverstand. Mit einem Mal war in dieser zauberhaften Stunde in der Bahnhofshalle die amerikanische Ursünde von Rassismus und Diskriminierung überwunden und Martin Luther Kings Diktum wahr geworden, wonach die Hautfabe eines Menschen so unwichtig wie die Farbe seiner Augen sei.
Grossprojekt stetiger Selbstverbesserung
Obamas Zuhörern bot die Person Obamas die Möglichkeit einer Absolution – und zugleich die Chance, über sich hinauszuwachsen und die amerikanische Geschichte, dieses Grossprojekt stetiger Selbstverbesserung, mit Schwung nach vorne zu drehen. Sie mochten ihn, die Bauern und Kleinstädter in Chariton, und er mochte sie. Nach der Veranstaltung sprach ich kurz mit Obama, der zwar umringt von Mitarbeitern, aber trotzdem zugänglich war. Rechne er sich eine Chance aus, die Parteiversammlungen in Iowa zu gewinnen?, fragte ich ihn. Er gab sich vorsichtig, aber optimistisch.
Nichts, so so schien es in Chariton, konnte ihn umhauen, schwerlich nur war vorstellbar, dass dieser kluge und beherrschte Mensch jemals die Selbstbeherrschung verlieren würde. In der Folge war ich überzeugt, dass Obamas Rockstar-Image nicht dem Kern eines Charakters entsprach. Ihn definierte vielmehr ein formidabler Verstand, der sich im Habitus eines aufgeklärten Intellektuellen äusserte: Obamas Befindlichkeit zeigte sich mehr in seiner Ausgeglichenheit als in seiner zündenden Rhetorik.
«Wir sind die, auf die wir gewartet haben»
Die allerdings versetzte Obamas Zuhörer immer wieder in Wallung. Kurz nach dem Auftritt in Chariton beobachtete ich ihn im Kongresszentrum von Des Moines Obama beim traditionellen «Jefferson-Jackson-Dinner» der Demokraten Iowas. Die jungen Obama-Aficionados in der Halle entfachten Begeisterungsstürme, ihre Schlachtgesänge und Slogans bestimmten die Veranstaltung – bis der Meister persönlich auftrat und eine rhetorisches Feuerwerk abbrannte, das selbst Hillarys Fans erstaunen liesss. «Wir sind die, auf die wir gewartet haben», sagte Obama. Und malte wiederum das Bild eines runderneuerten Amerikas.
Adrenalin setzte er dabei frei und riss seine Zuhörer aus ihren Sitzen, indes ich die beiden Obamas, jenen von Chariton und jenen im Kongresszentrum von Des Moines, zu vereinen suchte. Ausserdem wurde mir an diesem Abend in Des Moines schlagartig klar, dass Obama die in ihn gesetzten Hoffnungen niemals erfüllen kann: Zu gross sind sie für einen Sterblichen. Erneut aber manifestierten sich in Des Moines vor allem die Sehnsüchte von Teens und Twens, die gleichermassen genug hatten von Kulturkampf und Rassenvorurteilen wie von den Clintons. Und nirgendwo brach sich dieses Gefühl, Avantgarde eines historischen Aufbruchs zu sein, eindrucksvoller Bahn als bei einer Veranstaltung Obamas an der Universität von South Carolina in Columbia im Februar 2008.
In diesem Südstaat, dessen demokratische Vorwählerschaft zur Hälfte aus Afroamerikanern bestand, war Bill Clinton im Verlauf des Vorwahlkampfs vorgeworfen worden, subtil die «Rassenkarte» gegen Obama gezogen zu haben – was Mr.Bill energisch bestritt. Dennoch bekundeten Tausende von Studenten, die auf Obamas Auftritt an ihrer Universität warteten, dass Hautfarbe nicht mehr interessiere. «Rasse ist gleichgültig», riefen sie spontan – und mir, der vier Jahre im Süden gelebt hatte und den Rassismus South Carolinas kannte, blieb die Spucke weg. Hier also zeigte sich der amerikanische Fortschritt, der erstmals einem Afroamerikaner erlaubte, bei einem Präsidentschaftswahlkampf Hautfarbe nicht zu negieren, aber zu transzendieren.
Mit ihm zu sprechen, war unmöglich geworden
Nachdem Obama die demokratische Kandidatur gewonnen hatte, reiste ich im vergangenen Sommer fast 25'000 Kilometer mit dem Auto durch die Vereinigten Staaten – und traf Menschen wie jenen sechzigjährigen weissen Möbelverkäufer aus Chattanooga in Tennessee, der sein gesamtes Leben über republikanisch gewählt hatte, im Herbst aber für Obama votieren wollte. Der wiederum schwebte in einer zunehmend entrückten Sphäre: Beim demokratischen Parteitag in Denver im August nahm er in einem Stadium vor 80'000 Menschen die Kandidatur der Partei an.
Mit ihm zu sprechen, war unmöglich geworden: Obama befand sich bereits in einer Blase, der zu entweichen ihm nicht mehr gestattet wurde. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte von seinem Leben Besitz genommen, seine Person war zu einer Ikone mutiert. Nicht einmal ein Sandwich kann der arme Mann in Ruhe verzehren: Während seiner Ferien in Hawaii beobachtete ihn der Medientross, als er sein Lunch einnahm. Thunfisch auf Vollkornbrot, notierte ein Reporter. «Das müssen Sie nicht wirklich aufschreiben», reagierte Obama verärgert. Nun ist er mein Nachbar geworden, ohne dass ich ihn freilich zu einer Tasse Kaffee einladen könnte. Denn seine private Telefonnummer ist ähnlich geheim wie eine klandestine Aktion der CIA. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.01.2009, 08:02 Uhr
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