Trumps Sieg leitete O’Reillys Ende ein

In den USA konnten sich mächtige alte Männer bisher das Schweigen sexuell ausgenutzter Frauen erkaufen. Diese Zeit scheint jetzt vorbei zu sein.

Das politische Klima hat sich geändert: Moderator Bill O'Reilly. Foto: Ilya S. Savenok (AFP)

Das politische Klima hat sich geändert: Moderator Bill O'Reilly. Foto: Ilya S. Savenok (AFP)

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Rupert Murdoch verteidigte seinen starken Trumpf im US-Medienmarkt, Bill O’Reilly, so lange es ging. Er wischte Klagen wegen sexueller Belästigungen beiseite und kaufte das Stillschweigen der betroffenen Frauen mit rund 13 Millionen Dollar. Wirtschaftlich ging die Rechnung lange sehr gut auf. O’Reilly machte Fox News zum einflussreichsten politischen Kabelfernsehsender und generierte regelmässig steigende Einnahmen von zuletzt mehr als 200 Millionen Dollar pro Jahr. Und noch etwas: Fox wurde zum Haus­sender der republikanischen Partei und bot sich ungeniert als Plattform von reaktionärem Gedankengut an. Für den Aufstieg von Donald Trump war Fox wohl nicht entscheidend, aber sicher unentbehrlich. Nirgendwo sonst erreichte Trump die frustrierte, verängstigte weisse Wählerschaft direkter als bei seinen Fox-Freunden.

Doch so überraschend die Wahl im November war, so unerwartet schuf sie den Ausgangspunkt für einen öffentlichen Backlash, der schliesslich O’Reilly zu Fall bringen sollte. Das weltabgewandte Amerika hatte einen Mann ins Amt gehievt, von dem bekannt war, dass über ein Dutzend Frauen wegen sexueller Belästigung gegen ihn ausgesagt hatten. Und der im «Pussygate»-Video seine Sicht von Frauen als leichte Beute bestätigt hatte.

Die Wahl löste eine breite und tiefe Gegenbewegung unter den Clintonistas, jungen Aktivisten und berufstätigen Frauen aus. Genug war genug. Statt dass Trump die Gegnerinnen zum Kuschen gebracht hätte, feuerte er sie an. Eine bereits im Wahlkampf starke Bewegung wuchs und fand eine noch stärkere Stimme. «Nie hätte ich gedacht, dass ein Mann, der mit seinen sexuellen Attacken prahlte, gewählt werden könnte», sagt Karin Roland, Leitern der Ultra-Violet-Kampagne, einer von mehreren Bewegungen hinter den Boykottaufrufen gegen Fox. «Deshalb suchen Frauen nun nach Mitteln und Wegen, wie sexuelle Missetaten die Wahl eines künftigen Präsidenten oder eines Fox-News-Kommentators in Zukunft unmöglich machen.»

Die Frauendemos von diesem Frühjahr, die Proteste vor den Fox-Studios und die Kampagnen in den Social-Media-Plattformen schufen ein in dieser Form einmaliges Fundament. Es war auf diesem Boden, auf dem sich die Werbeboykotte gegen O’Reilly rasch verbreiteten. «Zuweilen muss man einen Schritt zurückgehen, um zwei Schritte voranzukommen», sagt Amy Siskind, Präsidentin einer Non-Profit-Gruppe für Frauen, The New Agenda. Frauen engagierten sich in einem noch nie gesehenen Ausmass. Dies sei nur ein Anfang eines neuen sozialen Verständnisses, das sexuelle Übergriffe nicht mehr nur mit aussergerichtlichen Vergleichen sanktioniere, sondern «mit Strafen und Gefängnis».

Ein finanzieller Entscheid

Dass sich das Klima so rasch änderte, ist einer wachsenden Zahl von Frauen zu verdanken. Gretchen Carlson machte letztes Jahr publik, dass sie von Fox entlassen worden war, weil sie sexuelle Avancen ihres Chefs Roger Ailes zurückgewiesen hatte. Megan Kelly deckte auf, dass auch sie ein Opfer des ruchlosen Fox-Chefs geworden war; zwei Tage später wurde Ailes entlassen. Mehr als 50 Frauen haben sich seit 2014 gemeldet und von sexuellen Attacken des TV-Komikers Bill Cosby berichtet. Wie üblich hatte er das Stillschweigen seiner Opfer erkauft und so einen öffentlichen Prozess vermieden. Das geht nicht mehr länger. Cosbys Karriere endete genau so unrühmlich wie jetzt jene von O’Reilly.

Wie es bei Fox weitergeht, entscheiden allein die Murdochs. Realistisch betrachtet war die Entlassung ein finanzieller Entscheid: Wenn mehr als 80 Firmen O’Reilly fallen lassen, ist das ein Signal, den Schaden begrenzen und die Nachfolge rasch regeln zu müssen. Tucker Carlson wird O’Reilly ersetzen, ein wenig aufregender, aber zuverlässig konservativer Fernsehmann. Carlson springt bei Fox damit zum dritten Mal seit Jahresbeginn in die Lücke. Seine Zuschauerzahlen sind bereits beachtlich stark und scheinen den Murdochs recht zu geben. Die Erfahrung mit mehreren Skandalen hat sie gelehrt, dass keine TV-Persönlichkeit grösser ist als der Sender.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 22:21 Uhr

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