Angst vor der Dunkelheit

Im Iran wird heute ein neuer Präsident gewählt. Amtsinhaber Rohani bangt um seinen Posten. Mit ihm befürchten viele Iraner den Verlust ihrer neuen Freiheiten.

Ein Café im Norden von Teheran. Foto: Doris Fanconi

Ein Café im Norden von Teheran. Foto: Doris Fanconi

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Revolutionäre Lieder schallen durch den Hinterhof in Teheran. An der Wand hängt ein riesiges Transparent, darauf der gemässigt-konservative Präsident Hassan Rohani und die Helden der Reformer: Ex-Präsident Mohammed Khatami und Hashemi Rafsanjani, Strippenzieher der iranischen Politik. Rafsanjani ist im Januar gestorben, und Khatamis Bild dürfen die Medien nicht zeigen, seine Worte nicht publizieren. Die Szene entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Hinterhof wird überragt von der Zentrale der staatlichen Nachrichtenagentur – von den Konservativen kontrolliert, genau wie Staatsfernsehen und Freitagspredigten.

Auf weissen Plastikstühlen haben sich Dutzende Anhänger Rohanis versammelt, die auf seine Wiederwahl hoffen – eine Richtungsentscheidung zwischen seinem Öffnungskurs und der Rückkehr der Konservativen. Sie polarisiert den Iran wie nichts seit der Niederschlagung der Grünen Revolution 2009. Der Ausgang ist offen, alle Umfragen sind unzuverlässig, und unklar ist auch, wie viele Iraner überhaupt zur Wahl gehen werden. Die Menschen im Hinterhof werden abstimmen, sie essen Granat­apfeleis und warten auf die Redner.

Rhoani wirbt um die Frauen

Said Shariati, ein Reformer, der im Gefängnis sass, ruft zur Geduld auf: ­Rohani habe eine katastrophale Situation geerbt, als er Mahmoud Ahmadine­jad ablöste. Er habe das Atomabkommen ausgehandelt, die Beziehungen zur Welt verbessert, nun soll eine zweite Amtszeit die wirtschaftlichen Früchte seiner Politik bringen. Shirin Tabatabai, (47) und Hausfrau, sieht das genauso. Sie trägt einen grünen Jadearmreif, die Farbe der Reformer, dazu ein lila Band, Rohanis Zeichen. Sie ist zusammen mit ihrer Tochter gekommen. «Wir müssen ihm Zeit geben», sagt Tabatabai. «Wir wollen nicht zurück in die dunklen Zeiten.» Sie meint die Ära Ahmadinejad, der das Land in die Isolation führte und aus ihrer Sicht schuld ist an der schwierigen Wirtschaftslage. «Wir haben uns so geschämt», sagt sie. Rohani habe dem Land wieder Geltung verschafft.

«Und er setzt sich für die Frauen ein», sagt die 22-jährige Tochter, Mina Ra­shidi, die Wirtschaft studiert. Rohani hat ein Gesetz ins Parlament gebracht, das Frauen zu hohen politischen Ämtern zulassen sollte. Und eines, das ihnen die Scheidung erleichtert und Männern erschwert hätte, eine zweite Frau zu nehmen. Beide hat der Wächterrat kassiert. Er prüft neben allen Gesetzen auch die Kandidaten für Wahlen auf ihre «Ver­einbarkeit mit dem Islam» – vielmehr dessen konservative Auslegung, die ­Revolutionsführer Ali Khamenei vorgibt und die die Schlüsselfiguren in Justiz und im Sicherheitsrat mittragen; alles alte Männer.

Man fürchtet, dass die kleinen Freiheiten wieder dahin sind, wenn der konservative Kleriker Ebrahim Raisi ­gewinnt

Mina Rashidi fürchtet, dass die kleinen Freiheiten wieder dahin sind, wenn der konservative Kleriker Ebrahim Raisi ­gewinnt, der grosse Gegner Rohanis bei dieser Wahl. Sie bangt um den Zugang zu sozialen Medien, die Millionen Iraner als Mittel der Kommunikation und Meinungsäusserung nutzen. Um die Ta­tsache, dass die Sittenpolizei Frauen ­weniger schikaniert. Rohani wirft Raisi vor, er wolle nach Geschlechtern getrennte Gehwege einführen. «Das wollen wir nicht», sagt sie, «und nicht die Tod-Amerika-Sprechchöre. Wir wollen reisen, mit der Welt in Kontakt stehen.» ­Rohani wirbt um Frauen – und um die Stimmen der etwa sieben Millionen ­Sunniten, einer Minderheit in der Islamischen Republik, deren Staatsreligion der ­schiitische Islam ist. Seine Gegner machen ihm das schon zum Vorwurf.

Auf einer Strasse in Mashhad, der zweitgrössten Stadt des Landes, werben junge Männer für Ebrahim Raisi. In Sichtweite: die goldene Kuppel des Schreins von Imam Reza. Der Kleriker Raisi leitet die mächtigste religiöse Stiftung des Iran, Astan Quds Rezavi, die den Schrein verwaltet. Das Grab des Imams ist mit 30 Millionen Pilgern im Jahr die wichtigste religiöse Stätte im Iran.

«Er hat so etwas Heiliges», sagt Mohammed Mohazab (27), einer der Männer. Raisi trägt als Abkömmling der Familie des Propheten den schwarzen Turban. Das zieht konservative Wähler an. «Er wird den Werten des Islam wieder Geltung verschaffen, sagt Mohazab. Raisi kündigt an, er werde zeigen, dass man «ein Land mit Religion führen kann». Tief sitzt bei seinen Anhängern das Gefühl, beim Atomdeal vom Westen betrogen worden zu sein – wieder einmal. «Wir haben euch vier Jahre lang vertraut. Und was haben wir bekommen?», fragt Mohazab.

Hohe Arbeitslosigkeit

Zwar ist die Wirtschaft dank der Öl­exporte gewachsen. Doch die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung von 31 Millionen Menschen gilt als unterbeschäftigt. Wer mehr als eine Stunde im Monat arbeitet, gilt nicht als arbeitslos. Sicherheit bieten nur die 8,7 Millionen Jobs beim Staat. Für viele der jungen Menschen sind sie unerreichbar – ohne gute Beziehungen.

Die Wirtschaft ist das Thema des Wahlkampfs. Mohazab erwartet nicht, dass Investitionen aus dem Ausland Arbeitsplätze bringen. Der Westen wolle den Iran nur ausnutzen, sagt er. «Wir müssen uns auf unsere Stärke besinnen – unser Nuklearprogramm und unsere Raketen.» Der konservative Kandidat Raisi fordert eine «Widerstandswirtschaft», die sich abkoppelt von den Weltmärkten. Zugleich verspricht er, Direktzahlungen für die Armen stark zu erhöhen, auch das treibt ihm Wähler in die Arme.

Viele Iraner allerdings glauben, dass ihre Stimme keinen Unterschied macht. «Sie sind alle Diebe und Verbrecher», sagt ein Mann in Mashhad, und schimpft über die grassierende Korruption. Er wird deshalb nicht zur Wahl gehen. Wie viele seiner Landsleute sammelt er mit seinem Auto Mitfahrer am Strassenrand ein, um nebenher ein bisschen Geld zu verdienen. Auch etliche der jungen, liberalen Menschen in Teheran wollen ihre Stimme diesmal nicht abgeben. «Wenn du wählst, stimmst du immer für das System», sagt ein 24-jähriger Designer in einem angesagten Café im Norden der Stadt. Revolutionsführer Khamenei habe gesagt, wichtig sei, seine Stimme abzugeben – nicht für wen man sie abgebe oder wer die Wahl gewinne. Für den Designer heisst das: Ändern wird sich so oder so nichts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 10:47 Uhr

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