Al-Qaida oder IS?

Tagelang jagte ganz Frankreich die Attentäter von Paris. Gleichzeitig machten Theorien zu Motiven und Hintermännern die Runde. Eine Indiziensuche.

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«Ein ahnungsloses Kind, das nicht wusste, was es mit seinem Leben anfangen sollte – und das plötzlich Leute traf, die ihm das Gefühl gaben, wichtig zu sein»: So beschreibt ein ehemaliger Anwalt von Chérif Kouachi seinen Mandanten. Einen 32-jährigen Franzosen algerischen Ursprungs, der verdächtigt wird, am Mittwoch zusammen mit seinem älteren Bruder kaltblütig 12 Menschen ermordet zu haben.

Während ganz Frankreich die «Charlie Hebdo»-Attentäter jagte, machten Theorien zu Motiven und Hintergründen die Runde. Auch jetzt, wo die mutmasslichen Täter gefasst sind, gelten nur wenige Erkenntnisse als gesichert. «Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen», liess zwar IS-Prediger Abu Saad al-Ansari gemäss dem arabischen Portal «al-Sharq» beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul verlauten. Es sei der Start einer grösseren Terrorkampagne mit weiteren Angriffen in Europa und den USA. Ein offizielles Bekenntnis des Islamischen Staats ist diese Aussage aber keineswegs.

Dass der Anschlag gut vorbereitet und professionell durchgeführt wurde, darüber sind sich die Experten unterdessen einig. Er unterscheidet sich von früheren Attacken einsamer Wölfe, die im Namen Allahs töteten. Vor diesem Hintergrund hatte etwa ein Franzose im Jüdischen Museum von Brüssel im vergangenen Mai 4 Menschen ermordet.

Im Jemen an den Waffen geschult?

Während sie schossen, sollen die Kouachi-Brüder islamische Parolen geschrien haben. «Wir haben den Propheten gerächt» und «Allah ist gross» riefen sie, so berichten es Augenzeugen. Später kam der Aufruf «Sagt den Medien, es war al-Qaida im Jemen!» dazu. Dies liess Experten vermuten, dass die beiden in deren Auftrag handelten. Für diese Theorie sprach auch eine Ausgabe des englischsprachigen al-Qaida-Magazins «Inspire»: Dort erschien eine «Abschussliste», auf der sich unter anderem auch «Charlie Hebdo»-Chefredaktor Stéphane Charbonnier befand.

Auch Reisen in den Nahen Osten sind dokumentiert. Inzwischen ist bestätigt, dass Said Kouachi – unter Beobachtung französischer wie amerikanischer Behörden – einige Monate im Jemen verbracht hat und dort in einem al-Qaida-Lager an den Waffen geschult wurde. Diese professionelle Ausbildung sei eindeutig am geübten Umgang mit den Waffen und am kaltblütigen und ruhigen Vorgehen abzulesen, erklärte ein Terrorexperte der Nachrichtenagentur AFP.

Zu möglichen Hintermännern ist nach wie vor kaum etwas bekannt. Zwar wurden mehrere Personen festgenommen – ob sie mit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» in Verbindung stehen, ist nicht bekannt.

Al-Qaida-typische Symbolik

Wirft man einen Blick auf mögliche Motive, spricht nach wie vor so manches für al-Qaida. Laut Islam-Kenner Reinhard Schulze habe sich die Organisation nach dem Gesichtsverlust, den die Gruppierung seit dem Erstarken des IS erlitten hatte, mit diesem Anschlag voller Symbolkraft zu Wort melden wollen. Mit dem Angriff auf Journalisten haben die Attentäter auch das westliche Selbstverständnis angegriffen. Es ist auch diese Symbolkraft, die für al-Qaida als Auftraggeber spricht, so Schulze gegenüber dem SRF.

Der IS wähle seine Opfer ausschliesslich nach ihrer westlichen Herkunft aus, schreibt der Genfer Terrorexperte Jean-Paul Roullier. Der Angriff auf «Charlie Hebdo» aber trage die Handschrift des weltweit operierenden Terrornetzwerks al-Qaida. Und: Laut US-Portal «Al-Monitor» sei es in Paris womöglich sogar mehr um einen bizarren Machtkampf zwischen den Islamisten gegangen als um einen Heiligen Krieg gegen den Westen.

«Gegensätze schärfen»

Auch US-Historiker Juan Cole hatte die Drahtzieher der Attacke bei al-Qaida verortet. Der Historiker spricht von einem «strategischen Schlag», der lediglich darauf abziele, die westliche Öffentlichkeit zu polarisieren. Viele Muslime in Frankreich scheinen sich für Religion kaum zu interessieren, nur ein Drittel bezeichnet sich in Umfragen als gläubig. Die Terrorgruppe habe also ein «Rekrutierungsproblem», wie der renommierte Nahostkenner auf seinem Blog «Informed Comment» erklärt.

Also machen die Terroristen sich eine Strategie zunutze, derer sich auch die Stalinisten im 20. Jahrhundert bedienten – und die eine perfide Logik kultiviert: Langfristig soll ein Anschlag wie der in Paris zur Diskriminierung französischer Muslime führen, die sich schliesslich aus Frust über die Gesellschaft in die Reihen al-Qaidas eingliedern. Dieses sogenannte «Schärfen der Gegensätze» hat sich laut Cole bereits im Irak als erfolgreich erwiesen – und Tausende junger Menschen in die Arme der Islamistenganisation getrieben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.01.2015, 17:49 Uhr)

Einer der Pariser Terrorverdächtigen hat für al-Qaida gekämpft

Einer der beiden Terrorverdächtigen im Fall «Charlie Hebdo» in Frankreich soll nach jemenitischen Angaben dort für das Terrornetzwerk al-Qaida gekämpft haben. Der heute 34-jährige Said Kouachi sei bis 2012 im Jemen gewesen, sagten dortige Sicherheitsbeamte.

Damit bestätigten sich Hinweise aus den USA. Nach dortigen Geheimdienstinformationen war Said Kouachi vor einigen Jahren zum Training in den Jemen gereist.

Nach jemenitischen Angaben soll Said Kouachi sich den Kämpfern des Terrornetzwerks während des Arabischen Frühlings im Jemen angeschlossen haben. Damals überrannte al-Qaida Teile des Südens. Viele Studenten, die im Jemen Arabisch studierten, wurden der Unterstützung der Extremisten verdächtigt und 2012 abgeschoben. Darunter sei wahrscheinlich auch Said Kouachi gewesen, hiess es. (AP)

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