Bar, Strasse, Bistro – Paris am Tag eins nach dem Terror

Reporterin Tina Huber spricht mit den Menschen in der Seine-Stadt. Sind sie wütend, traurig, hoffnungsvoll?

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Der Mann schüttelt ungläubig den Kopf. «18?», fragt er, «ist das wirklich wahr?» Er hat soeben erfahren, dass der jüngste der drei mutmasslichen Attentäter noch ein halbes Kind ist. «Als ich 18 war, hatte ich andere Dinge im Kopf», fügt er kopfschüttelnd hinzu. Während er erzählt, betreten immer wieder Männer seine Bar im muslimisch geprägten Viertel rund um die Rue Jean-Pierre Timbaud. Sie reichen ihm die Hand zur Begrüssung, setzen sich mit ihrem Espresso schweigend an die Bar und schlagen die Zeitung auf: Nichts interessiert heute mehr als die Anschläge von gestern auf die Redaktion von «Charlie Hebdo».

Auch Juden und Christen karikiert

Das Satiremagazin, eine regelrechte Institution in Frankreich, überschritt immer wieder Grenzen. Mehrmals wurde die Redaktion bedroht, vor gut drei Jahren war sie Opfer eines Brandanschlags. Natürlich seien die Karikaturisten sehr weit gegangen, sagt der Barmann, der sich selbst als Atheist bezeichnet und seinen Namen nicht nennen möchte. Dass das Magazin etwa Mohammed karikiert habe, sei grenzwertig gewesen. Aber das rechtfertige den Anschlag von gestern auf keine Art und Weise. Und er betont: «Charlie Hebdo» habe nicht nur gegen die Muslime geschossen – keiner sei vor den kritischen Artikeln des Satiremagazins sicher gewesen.

Andere Religionen wie das Christentum oder das Judentum, aber auch Politiker und Prominente wurden regelmässig Ziel der scharfzüngigen Artikel. «Bescheuert», immer wieder wiederholt er dieses Wort, wenn er über die drei Männer spricht, die gestern zwölf Redaktionsmitglieder töteten und zehn teilweise schwer verletzten. «Die haben überhaupt nichts begriffen, die haben mit dem Islam nichts zu tun.»

«L’unité nationale»

Darüber sind sich die Pariser einig: Die drei Attentäter sind nicht stellvertretend für die muslimische Gemeinschaft in Frankreich. «Das sind keine echten Muslime», hört man immer wieder – auch von der muslimischen Bevölkerung selber. Etwa in einer Brasserie an einer Strassenecke, in der an diesem Morgen die Leute ihren Espresso runterkippen, bevor sie zur Arbeit gehen. Hier tauchte gestern, kurz nachdem der Anschlag bekannt wurde, der Imam einer benachbarten Moschee auf. «Er war wütend über die Täter», erzählt der Mann hinter der Bar, auch er will anonym bleiben, «sie sind eine Schande für den Islam.»

Obwohl alle Befragten das Attentat verurteilen und betonen, sie würden nicht alle Muslime in einen Topf werfen, ist die Verunsicherung offenbar gross. Niemand will mit Namen hinstehen. Als die Reporterin ein Foto einer Halal-Metzgerei machen will, tritt ein Mann heraus und protestiert lautstark. Er wolle wissen, wofür das Foto sei, und wiederholt sichtlich aufgebracht, er habe nichts damit zu tun, was gestern geschehen sei. Er wolle damit nichts zu tun haben, ruft er – und läuft davon, ohne eine Antwort abzuwarten.

Das Land müsse nun zusammenrücken, forderte gestern Präsident François Hollande, er beschwor die nationale Einheit, «l’unité nationale». Das will offenbar auch die Bevölkerung: «Wir werfen nicht alle in den gleichen Topf», sagen die Leute auf der Strasse unisono, «wir können unterscheiden zwischen echten Muslimen und Extremisten.» Dass das mehr als leere Worte sind, bewiesen gestern die Hunderten Menschen auf der Place de la République, wo sie sich während Stunden zu einer Protestkundgebung versammelten. Immer wieder skandierten die Anwesenden in minutenlangen Sprechchören: «Pas d’amalgame» – «Vermischt nicht alles miteinander».

Schweigeminute am Place de la République:

(Video: Tina Huber) (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2015, 15:45 Uhr)

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