Der dritte Mann neben den Kouachi-Brüdern

Amedy Coulibaly telefonierte am Freitag um 15 Uhr aus dem Supermarkt. Das Gespräch, seine Vergangenheit, seine Verbündeten.

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Amedy Coulibalys Fahndungsfoto lief am Freitag in allen Nachrichtensendungen: Der 32-Jährige soll zunächst am Donnerstag in Montrouge südlich von Paris eine Polizistin erschossen haben. Am Freitag dann tötete er in einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris bei einer Geiselnahme mehrere Menschen.

Der Komplize der Kouachi-Brüder: Amedy Coulibaly wurde beim Angriff am Freitagabend getötet.

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Am Nachmittag gegen 15.00 Uhr telefonierte er mit dem französischen Sender BFMTV. Etwa zwei Stunden später wurde er beim Zugriff von Elite-Polizisten erschossen. Das Gespräch mit BFMTV im Wortlaut:

BFMTV: Warum sind Sie dort?
Ich bin hier, weil der französische Staat IS (die Dschihadisten-Gruppe Islamischer Staat), das Kalifat angegriffen hat.

Haben Sie Anweisungen bekommen?
Ja.

Stehen Sie im Kontakt mit ihren beiden Brüdern (Chérif und Said Kouachi, die beim Angriff auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» am Mittwoch zwölf Menschen getötet haben sollen)?
Ja. Wir haben uns für den Anfang dieser Operationen abgestimmt. Sie «Charlie Hebdo», ich die Polizisten.

Stehen Sie noch im Kontakt? Haben Sie sie in letzter Zeit mit dem Telefon erreicht? Nein.

Ist Ihre Frau bei Ihnen? (Nach Coulibalys 26-jähriger Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene wird wegen der tödlichen Schüsse auf eine Polizistin am Donnerstag südlich von Paris gefahndet.)
Nein, ich bin alleine. Meine Frau ist nicht da.

Wieviele Menschen sind in dem Geschäft?
Es gibt vier Tote und 16 Personen mit Kind, das macht 17 mit einem Kind (Coulibaly spricht mit jemandem). Er sagt, dass acht Frauen hier sind.

Was wollen Sie?
Ich will, dass sich die Armee aus dem Islamischen Staat zurückzieht, aus allen Gebieten, wo sie den Islam bekämpft. Ich bin bereit zu verhandeln. Sagen sie ihnen, dass sie mich anrufen.

Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Zum Islamischen Staat.

Waren Sie vor Ort?
Ich habe es vermieden, denn es hätte mein Projekt gefährdet, wenn ich es gemacht hätte.

Haben Sie das Geschäft aus einem bestimmten Grund ausgesucht?
Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des Islamischen Staats, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.

Stehen neben Ihren beiden Brüdern noch andere Personen mit Ihnen in Verbindung?
Auf diese Frage werde ich nicht antworten. Es reicht mit den Fragen. Reichen Sie meine Nummer an die Polizei weiter.

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Coulibaly wurde in der Vergangenheit wegen Diebstahls, Raubes und Drogenhandels mehrfach verurteilt und hat Jahre im Gefängnis verbracht. Aber erst 2010 fiel sein Name in Verbindung mit einem islamistischen Unterfangen: Er war an Plänen beteiligt, einen inhaftierten Islamisten aus dem Gefängnis zu befreien.

Bei seiner Festnahme wurden bei ihm 240 Kalaschnikow-Patronen gefunden. Ende 2013 wurde er deswegen zu fünf Jahren Haft verurteilt, wegen seiner Zeit in der U-Haft kam er im vergangenen Jahr wieder auf freien Fuss.

Während einer seiner Haftstrafen lernte er Chérif Kouachi kennen - und den Islamisten Beghal, der auch auf ihn einen grossen Einfluss ausübte.

Geboren wurde Coulibaly in Juvisy-sur-Orge im Süden von Paris als siebentes von insgesamt zehn Kindern - seine Geschwister sind allesamt Schwestern. 2008 und 2009 machte er eine Ausbildung in einem Coca-Cola-Werk nahe Paris. In der Zeit wurde er, zusammen mit anderen Auszubildenden, vom damaligen Staatschef Nicolas Sarkozy im Elysée-Palast empfangen.

Die Kouachi-Brüder und Coulibaly töteten kaltblütig 17 Menschen und hielten Frankreich tagelang in Atem, bevor sie selbst von Elite-Polizisten erschossen wurden.

Der 32-Jährige Chérif Kouachi war den französischen Sicherheitsbehörden schon lange bekannt: 2008 wurde er wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Dschihadisten-Netzwerk zu drei Jahren Haft verurteilt, davon die Hälfte auf Bewährung.

1982 in Paris als Sohn algerischer Eltern geboren, war Chérif Mitglied des nach einem Park im 19. Pariser Bezirk benannten «Buttes-Chaumont-Netzwerks», das Jihadisten zum Kampf gegen die US-Truppen in den Irak schickte. Er wurde 2005 festgenommen, kurz bevor er selber über Syrien in den Irak reisen konnte.

Seine Radikalisierung hatte bereits früher begonnen: Anfang der 2000er Jahre besuchte Kouachi in Paris Koran-Kurse bei dem selbsternannten «Emir» Farid Benyettou, der für den Heiligen Krieg (Jihad) im Irak warb. Bei Vernehmungen sagte Benyettou, Kouachi sei «sehr impulsiv und sehr aggressiv» gewesen und habe von Plänen gesprochen, vor einer Ausreise zum Jihad einen Angriff auf Juden in Frankreich zu verüben.

Im Gefängnis lernte Kouachi später den Islamisten Djamel Beghal kennen, der wegen der Vorbereitung von Anschlägen eine zehnjährige Haftstrafe absass. Seitdem soll er unter dessen Einfluss gestanden und einen «sehr strengen Islam» praktiziert haben, heisst es aus informierten Kreisen. Vor seinem Tod sagte er dem Nachrichtensender BFMTV, er sei vom Terrornetzwerk al-Qaida im Jemen beauftragt und finanziert worden.

Chérifs Bruder, der 34-Jährige Said Kouachi wurde nie strafrechtlich belangt, die französischen Sicherheitsbehörden hatten sich vor allem bei Ermittlungen zu seinem jüngeren Bruder mit ihm beschäftigt. Offenbar hielt er sich aber 2011 mehrere Monate lang im Jemen auf und wurde dort vom Terrornetzwerk al-Qaida unter anderem im Umgang mit Waffen trainiert.

Zuletzt lebte der arbeitslose Said Kouachi, auf Fahndungsfotos mit kurzen Haaren und einem Kinnbart zu sehen, mit seiner Frau und einem gemeinsamen Kind in einem Vorort der nordostfranzösischen Stadt Reims. Sein Personalausweis wurde in einem der Fluchtfahrzeuge gefunden, was die Ermittler auf die Spur der Brüder brachte. (sda)

(Erstellt: 10.01.2015, 06:55 Uhr)

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