Die Stunde der Spezialeinheiten

Beim Anti-Terror-Schlag in Paris standen Polizisten und Gendarme von Raid und GIGN im Einsatz. Es war ihre erste gemeinsame Aktion.

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Die Eliteeinheiten Raid und GIGN haben Frankreichs beste Männer, wenn es um gefährliche und heikle Polizeieinsätze geht. In Aktion treten die schwarz vermummten und schwer bewaffneten Spezialisten bei Flugzeugentführungen und Amokläufen, bei Geiselnahmen und der Jagd nach Terroristen – wie nach dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» sowie der heutigen Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris. Raid (Recherche, Assistance, Intervention, Dissuasion) ist die Spezialeinheit der französischen Nationalpolizei. Ihr Pendant bei der Gendarmerie heisst GIGN (Groupe d’intervention de la Gendarmerie nationale).

Scharfschützen und Verhandlungsprofis

Die Raid war 1985 nach einer Serie von Bombenanschlägen gegründet worden. Die etwa 180 Mann umfassende Truppe ist in verschiedenen Einheiten organisiert: Sie besteht aus Sturmtruppen, Scharfschützen, Fallschirmspringern, Tauchern und speziell für die Verhandlungen mit Verbrechern ausgebildeten Polizisten. Wer sich für die Ausbildung bewerben will, muss harte psychische und physische Tests bestehen. Die Ausbildung dauert neun Monate, sie bereitet auf Einsätze in Extremsituationen zu Land, in der Luft und im Wasser vor. Die Raid-Männer müssen extrem fit sein. Bei ihren Einsätzen sind hohe Konzentration und Selbstkontrolle gefordert. Das Motto der Raid-Einheiten lautet: «Dienen ohne Fehl und Tadel».

Aufgabe der Raid ist nicht nur die Bekämpfung des Terrorismus. Die Polizisten werden auch zum Schutz wichtiger Infrastrukturobjekte eingesetzt. Sie kommen zudem bei schwierigen Einsätzen zum Zug, wie zum Beispiel 1993, als sich ein Mann, der sich als «menschliche Bombe» bezeichnete, mit 21 Kindern in einer Schule in Paris verschanzte. Damals überlebten alle Kinder, der Geiselnehmer wurde erschossen.

GIGN vergleichbar mit deutscher GSG9

Die 400 Mann umfassende Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN hat ähnliche Aufgaben wie die Raid, ein Schwerpunkt ist die Terrorbekämpfung. Die GIGN wird oft mit der deutschen Sondereinheit GSG 9 verglichen. In den Einsatzbereich von GIGN fallen Flugzeugentführungen, Piraterie oder mögliche nukleare Angriffe. Bei anderen Terrorangriffen oder Geiselnahmen hängt es jeweils vom Einsatzort ab, ob GIGN oder Raid zum Einsatz kommt. In ländlichen Gebieten oder auf Flughäfen ist die GIGN zuständig, die Raid in den Städten.

Die Sondereinheit GIGN wurde 1974 gegründet, nach dem Terroranschlag an den Olympischen Spielen in München (1972) und der Besetzung der saudiarabischen Botschaft in Paris (1973). Ihr Leitspruch lautet: «Sich für das Leben einsetzen».

GIGN-Kritik nach Raid-Einsatz in Toulouse

Bei der Suche nach den Attentätern von Paris waren sowohl die Raid als auch die GIGN im Einsatz. Es war die erste gemeinsame Aktion der beiden Sondereinheiten. Das Verhältnis zwischen den beiden Einheiten ist nicht immer gut.

Einen öffentlichen Schlagabtausch lieferten sich die Chefs von Raid und GIGN im März 2012. Damals kritisierte GIGN-Gründer Christian Prouteau den Raid-Einsatz im Fall des islamistischen Attentäters Mohammed Merah, der in Toulouse und Montauban drei jüdische Kinder und vier Soldaten getötet hatte. Nach einem über 30-stündigen Nervenkrieg stürmten Raid-Leute das Haus, in dem sich Merah verschanzt hatte. Im Kugelhagel starben der Attentäter und zwei Polizisten. «Man hätte Tränengas verwenden müssen», sagte Prouteau, «das hätte er keine fünf Minuten ausgehalten.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.01.2015, 18:14 Uhr)

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