«Eine neue Qualität der Grausamkeit»

Wie konfrontiert der Terror in Paris die offene Gesellschaft? Wo liegt die Verantwortung der Medien? Dazu Soziologe Peter Gross.

«In einer freien Gesellschaft ist der Einzelne aufgerufen, sich selber Regeln und Grenzen zu setzen», sagt Peter Gross. Foto: Daniel Ammann

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Wie haben Sie reagiert, als Sie vom Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» erfahren haben?
Ich war natürlich erschrocken und bestürzt über diesen Anschlag. Je mehr ich über den Ablauf gelesen habe, desto stärker hatte ich allerdings den Eindruck, dass die grundsätzlichen Fragen, was eine moderne Gesellschaft und ihre Freiheit betrifft, verloren gehen. Und zwar in der genauen, fast pedantischen Beschreibung des Herganges des Mordes und der Täter.

Heisst das, die Medien sollten ­anders berichten?
Da die Diskussion gewissermassen stellvertretend in den Medien geführt wird, kommt ihnen die Aufgabe zu, einen mässigenden und zivilisierenden Einfluss zu nehmen. Sie übernehmen damit eine Entlastungfunktion für den einfachen Bürger, der die Einordnung der Ereignisse an die Medien delegiert und den weiteren Verlauf des Geschehens beinahe wie einen Thriller verfolgt. Darum ist es wichtig, dass nicht nur der Fall an sich dargestellt wird, sondern auch der Kontext. Es geht um die fundamentalen Fragen, mit der sich eine moderne, offene Gesellschaft konfrontiert sieht.

Wie würden Sie den Anschlag von Paris charakterisieren?
Er hat eine neue Facette gezeigt. Die Täter haben bestimmte Personen ins Auge gefasst. Die Namensaufrufung und die darauf erfolgte Tötung derjenigen, die auf der Liste standen, kommt einer neuen Qualität der Grausamkeit gleich. Dieser Akt unterscheidet sich völlig vom Herumballern in einem Einkaufszentrum oder einem Attentäter, der sich an einem belebten Platz in die Luft sprengt.

Handelt es sich noch um Terror oder nicht vielmehr Mord?
Es handelt sich tatsächlich um ein Attentat, das man nicht mehr so recht mit dem Begriff «Terror» beschreiben kann. Terroranschläge haben für uns ja doch immer etwas Ungezieltes und Ungerichtetes – was eine Autobombe anrichtet, lässt sich nicht im Vornherein ermessen. In diesem Fall war es eine personalisierte Hinrichtung in einer individualisierten Gesellschaft. Und die Menschen, die in der Wüste hingerichtet wurden und weiterhin werden, sind Stellvertreter für eine Gesellschaft, die bekämpft wird. Die Zeichner allerdings sind die «Verantwortlichen» selbst, die gezielt hingerichtet wurden.

Was heisst das für unsere liberale Gesellschaft?
Wir sollten uns wieder vermehrt mit den grundsätzlichen Fragen der freien Gesellschaft befassen. Bundesrätin Doris Leuthardt hat ja geschrieben, dass Satire kein Freipass sei – damit hat sie eigentlich einen richtigen und wichtigen Anstoss gegeben zu der Frage, was Satire darf und was sie nicht darf. Darf man heute noch danach fragen, was man darf und was man nicht darf?

Das ist letztlich die Frage nach der Freiheit.
Das erste, was man dazu sagen muss, ist, dass die Freiheit in der globalen Welt in einer bestürzenden Art und Weise ungleich verteilt ist. Wenn jemand in einem Flüchtlingslager keine Wahl hat und bloss auf eine Hirsesuppe wartet, ist es obszön, von Freiheit zu reden. Dann ist man vogelfrei. Die globale Ungleichverteilung von Freiheit und die Konflikte, die davon rühren, werden zu wenig thematisiert.

Und das Zweite?
Die andere wichtige Frage lautet: Was meint man mit Individualisierung? Ein wichtiger Bestandteil ist die Verantwortlichkeit in einer modernen Gesellschaft. Dies ist ein zentraler Punkt, der immer wieder amputiert wird. Nicht nur der Staat setzt in einer modernen Gesellschaft Regeln, jeder Einzelne ist in unserer individualisierten Gesellschaft dazu aufgerufen, sich selber Regeln zu setzen. Freiheit heisst nicht Zügellosigkeit.

Was heisst das im Fall «Charlie Hebdo»?
Ich als Bürger und Konsument habe zu jeder Zeit die Freiheit, sie nicht zu lesen. Ich muss die Karikaturen ja nicht anschauen. Die innere Säuberung einer modernen Gesellschaft verläuft stets über das Abwählen: in der Demokratie, in der Marktwirtschaft und in unserer Lebenswirklichkeit über die Nichtwahl von Dingen oder Personen, die ich nicht mag. Nun ist es allerdings so, dass die Bürger in Frankreich mit den «Hebdo»-Karikaturen in einer offensiven Weise konfrontiert sind. Nicht nur die Leser, die diese Zeitschrift kaufen, und die Abonnenten gehören zum Kreis derer, die von ihnen wissen oder erfahren.

Was heisst das für die ­Karikaturisten und Satiriker?
Müssten sich diejenigen, die die Satiren schreiben und die Karikaturen zeichnen, nicht selbst eine Art Kodex geben, in dem sie sich überlegen, was sie allenfalls bewirken oder anstellen, wenn sie zu weit gehen? Für mich als katholisch erzogenen Menschen ist es zum Beispiel äusserst anstössig, Jesus Christus mit einem erigierten Glied am Kreuz zu sehen.

Also ginge es um eine selbst gewählte Zurückhaltung?
Es ist eine Art Selbstdisziplinierung. Und das Wort Disziplin hat ja im pädagogischen Bereich einen neuen Stellenwert gewonnen. Die ganzen Überlegungen, die in einer modernen Gesellschaft darüber angestellt werden, müssen radikal rückverlagert werden zum Einzelnen. Wir haben einen «Devil inside», wir müssen uns individuell disziplinieren. Das Disziplinierungsgebot kommt nicht von aussen, es muss von Innen kommen und etwa auch am Arbeitsplatz gültig sein. Nun gibt es gewisse Freiräume, von denen man annimmt, dass dort Zügellosigkeit möglich ist. Die Selbstdisziplinierung muss in allen Lebensbereichen geübt und eingeübt werden.

Ist das nicht Selbstzensur?
Nein, in den vormodernen Gesellschaften wurde alles von oben nach unten mit Direktiven befohlen. Disziplin wurde verordnet. In einer freien Gesellschaft hingegen ist der Einzelne aufgerufen, sich selber Regeln und Grenzen zu setzen. Es gibt keine Gesellschaft, die ohne Regeln funktioniert.

Aber es gibt Bereiche der Unschärfe.
Natürlich haben alle Gesellschaften einen doppelten Boden: Das, was man denken darf, und das, was man sagen darf, ist nicht identisch. Diese Kluft darf nie geschlossen werden. Es gibt keine Denkverbote – aber man darf nicht alles sagen, was man denkt. Die Gesellschaft würde daran zerbrechen.

Sie haben den Begriff der ­Multioptionsgesellschaft geprägt. Wie wird sie in solchen Situationen sichtbar?
Sie ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für eine freie Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft stellt in jedem Lebensbereich Dutzende, Hunderte, ja Tausende von Optionen parat. Es gibt keine Wahl in einer freien Gesellschaft ohne Auswahl. Ich als Einzelner muss versuchen, mit diesen Optionen irgendwie zu Rande zu kommen. Das geht aber nur, wenn ich weiss, dass es immer Alternativen gäbe, die besser als die gewählte gewesen wären. Das nennt man die Riskanz der Wahl.

Dies führt zu einer ­Ungewissheit, mit der wir umgehen müssen.
Je mehr Wahlmöglichkeiten sich eröffnen, umso weniger lässt sich die Zukunft berechnen oder vorhersagen. «Nichts ist so gewiss wie die Ungewissheit der ­Zukunft», hat der deutsche Soziologe ­Niklas Luhmann geschrieben. In einer freien Gesellschaften handeln die Leute immer entfesselter und ungebundener – und nicht nach überkommenen Vor­stellungen. Damit wird das, was in Zukunft passiert, immer unberechenbarer. Aber erst dies ermöglicht es innovativen und kreativen Menschen, neue Wege zu beschreiten.

Nun gibt es auch jene, die mit zu viel Freiheit nicht umgehen können.
Ja, sicher. Seit es den Menschen gibt, lebt er in einer dauernden Spannung zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Diese Grundlage ist uns allen gemeinsam, unabhängig von der Kultur, der Religion oder der geografischen Herkunft. Die Spannung meint auch, dass der Mensch sich nie genug ist, dass er stets irgendwo hin will – auf dieser gemeinsamen Grundlage könnten sich alle Religionen, insbesondere die monotheistischen Religionen verständigen.

Die Differenzen sind damit aber nicht ausgeräumt.
In den Kulturen, Religionen und Ideologien bearbeiten wir diese gemeinsame Spannung unterschiedlich: für manche gibt es ein Jenseits, in dem die Kluft zwischen Realität und Möglichkeit geschlossen wird, für manche – etwa den Marxismus – soll es diese Variante schon im Diesseits geben. Wenn wir uns auf dieser Plattform verständigen können, wäre schon viel gewonnen – da jeder sich selbst und sein Leben als Beispiel hat, ist dieses interkulturelle Unterfangen auch nicht so kompliziert.

Nun bedrohen Islamisten, die im Westen aufgewachsen sind, die Freiheit, von der sie profitieren.
Es gibt vor allem in den arabischen Ländern, aber auch in Frankreich eine demografische Inflation: Es gibt zu viele, die zu wenig erreichen können. Diese jungen Leute suchen sich einen Ausweg im Terrorismus, in der Kriminalität oder auf einem Schiff nach Europa.

Wie sollen wir diesen Leuten ­begegnen?
Mit Ruhe und gutem Beispiel. Es müsste deutlich gemacht werden, dass in der modernen Gesellschaft die Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit weiterhin besteht, dass man nicht alles haben kann. Dass man sich entscheiden muss und dass es Differenzen und Widersprüche zu ertragen gilt. Und schliesslich, dass man sich disziplinieren und bestimmten Regeln folgen muss. Die Multioptionsgesellschaft ist kein Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2015, 07:26 Uhr

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Peter Gross
Soziologe

Der 1941 geborene St. Galler Soziologe Peter Gross hat mit «Multioptionsgesellschaften» einen Begriff kreiert, der die Diskussionen über westliche Gesellschaften befruchtete und bis heute massgeblich prägt. So wie «Risikogesellschaft» mit Ulrich Beck oder «Erlebnisgesellschaft» mit Gerhard Schulze ist «Multioptionsgesellschaft» mit dem Namen Peter Gross untrennbar verbunden. In Bamberg haben die drei Soziologen zehn Jahre lang gemeinsam gelehrt. Von 1989 bis zu seiner Emeritierung 2006 war Peter Gross Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Neben seiner Lehrtätigkeit hat er sich auch als Autor einen Namen gemacht. Nächste Woche erscheint im Herder-Verlag sein Buch «Ich muss sterben» über seine 2013 verstorbene Frau. Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt in St. Gallen. (kal)

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