Sie wollen den weltweiten Jihad

Die jemenitische al-Qaida kämpft zu Hause gegen die Regierung und schiitische Rebellen. Im Westen animiert sie zu Terrorattacken wie jene auf «Charlie Hebdo».

Bildeten Attentäter Said Kouachi aus: Jemenitische Kämpfer von der al-Qaida. (Screenshot: Youtube)

Bildeten Attentäter Said Kouachi aus: Jemenitische Kämpfer von der al-Qaida. (Screenshot: Youtube)

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Immer wieder hat der jemenitische Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida in den vergangenen Jahren versucht, seinen Jihad bis in den Westen zu tragen. Mehrere Anschlagspläne scheiterten, nun will eine der weltweit aktivsten Terrorzellen für den Angriff auf die französische Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» verantwortlich sein. Damit habe man die Ehre des Propheten Mohammed rächen wollen, sagte ein Mitglied der Al-Kaida-Gruppe. Es wäre ihr erster erfolgreicher Anschlag ausserhalb Jemens.

Zumindest Said Kouachi, der ältere der beiden Brüder, die am Mittwoch die Redaktion von «Charlie Hebdo» angriffen und zwölf Menschen erschossen, ist im Jemen ausgebildet worden. Ziel war laut einer Einschätzung der US-Geheimdienste, die der Nachrichtenagentur AP vorlag, dass er nach seiner Rückkehr in seine Heimat Frankreich Anschläge verübt.

Mehrere gescheiterte Anschläge

Seit al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) 2009 aus einem Zusammenschl uss des jemenitischen und saudi-arabischen Arms der Terrororganisation gebildet wurde, soll sie für mehrere gescheiterte Bombenanschläge auf US-Ziele verantwortlich gewesen sein. Dazu gehörte das versuchte Attentat auf ein Passagierflugzeug auf dem Weg nach Detroit, bei der ein Terrorist 2009 einen neuartigen Sprengsatz in seiner Unterhose versteckt hatte. Ein Jahr später wollte AQAP in Druckerpatronen versteckte Briefbomben per Luftfracht in die USA schicken. Die bei den gescheiterten Attentatsversuchen verwendeten Sprengsätze sollen vom Bombenbauer der Gruppe, Ibrahim al-Asiri, entworfen worden sein.

Bill Roggio vom «Long War Journal», das die Aktivitäten von Extremisten aufzeichnet, sagte, die al-Qaida im Jemen sei an mehreren Fronten aktiv. Sie habe in dem arabischen Land selbst Territorium erobert, bilde Kämpfer für andere Extremistengruppen in Syrien und im Irak aus und fördere Anschläge von «Einsamen Wölfen» im Westen. «Sie sind im Herzen des Nahen Ostens aktiv. Sie bedrohen die jemenitische Regierung und sie richten ihre Aktivitäten auch nach aussen.»

AQAP-Anführer Nasser al-Wahischi war jahrelang der persönliche Assistent von Terrorchef Osama bin Laden, bevor er in sein Heimatland Jemen zurückkehrte. Seine Nähe zu Bin Laden gab ihm die nötige Autorität und den Einfluss, um dort auch die Führung zu übernehmen. Seine Gruppe genoss vor allem durch sein stetes Netzwerken mit Gesinnungsgenossen in Afrika, Irak und Syrien in der Extremistenszene hohes Ansehen.

Die «offensichtliche Rolle» Frankreichs

Die AQAP war auch die erste radikalislamische Terrorgruppe, die englischsprachige Publikationen verwendete, um Unterstützer im Westen zu erreichen – etwas, was die Terrormiliz Islamische Staat mittlerweile mehr als erfolgreich betreibt, um Kämpfer zu rekrutieren.

Bereits 2010 veröffentlichte die al-Qaida im Jemen erstmals ihr Magazin «Inspire». Neben radikalen Kommentaren wie etwa vom 2011 durch ei ne US-Drohne getöteten Prediger Anwar al-Awlaki enthielt die Zeitschrift auch Anleitungen zum Bombenbau. In einer Ausgabe aus dem Jahr 2013 wurde eine Todesliste veröffentlicht, auf der bereits der am Mittwoch in Paris erschossene Chefredakteur von «Charlie Hebdo», Stéphane Charbonnier, stand.

Ein Al-Kaida-Mitglied, das für die Gruppe die Verantwortung für den Anschlag auf die Zeitschrift übernahm, sagte, die AQAP-Führung habe «ihr Ziel sorgfältig ausgewählt – als Vergeltung für die Ehre des Propheten». Frankreich sei wegen seiner «offensichtlichen Rolle im Krieg gegen den Islam und unterdrückte Nationen» angegriffen worden. Die Gruppe werde die Strategie von Al-Kaida-Chef Aiman Al-Sawahiri weiterverfolgen, «so lange auf den Kopf der Schlange einzuschlagen... bis sich der Westen zurückzieht».

Das islamische Kalifat

In der jüngsten Ausgabe von «Inspire» bekräftige AQAP seine Unterstützung für Anschläge durch Einzeltäter oder kleine Terrorze llen im Westen. Es sei keine grosse Erfahrung für solche Attentate nötig, hiess es in der Zeitschrift. Ziel sollten die USA sein. Wenn das nicht möglich sei, sollte es Anschläge in Grossbritannien geben und wenn es auch dort nicht gelinge, dann in Frankreich.

Den jemenitischen Behörden zufolge kämpfte Said Kouachi am Höhepunkt der Al-Kaida-Offensive im Süden des Jemen an der Seite der Extremisten. Sie hatten 2011 das Sicherheitsvakuum durch den Aufstand gegen den langjährigen jemenitischen Herrscher Ali Abdullah Salih genutzt und Städte und Dörfer überrannt. Schliesslich wurden sie durch eine Militäroffensive mit US-Unterstützung wieder aus mehreren Gegenden vertrieben.

Zuletzt erstarkte die Gruppe aber durch einen neuen Zustrom sunnitischer Stammesangehörige wieder. Diese sind zum einen empört über US-Drohnenangriffe in ihrem Land, zum anderen wollen sie den Vormarsch der schiitischen Huthi-Rebellen stoppen, die seit September Teile des Landes, darunter auch die Hauptstadt Sanaa, unter ihre Kontrolle gebracht haben. Seit damals habe die AQAP 149 Anschläge in 14 Provinzen des Jemen durchgeführt, rechnet das «Long War Journal» vor. Chefredakteur Roggio zufolge ist das Ziel der Gruppe – ebenso wie das des IS – ein weltweites islamisches Kalifat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2015, 21:22 Uhr

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