Von der Freiheit zu schweigen

Das Recht auf freie Meinungsäusserung kann auch darin bestehen, auf diese zu verzichten. Zurückhaltung muss kein Zeichen von Schwäche sein.

Provokateur Michel Houellebecq ziert das jüngste Cover von «Charlie Hebdo». Foto: PD

Provokateur Michel Houellebecq ziert das jüngste Cover von «Charlie Hebdo». Foto: PD

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die drei grossen Begriffe der Französischen Revolution prägen das westliche Selbstverständnis auch nach über 200 Jahren. Wie die Menschenrechte, die nicht nur in bestimmten Regionen und Kulturen gültig sind, handelt es sich um Werte, die überall auf der Welt beachtet, gepflegt und hochgehalten werden müssen. Und es sind Werte, die sich im Alltag immer wieder bewähren und bestätigen müssen – auch und vor allem gegen jene, die sie unterminieren oder eliminieren wollen. Ohne Kampf, Leid und Opfer wurden sie 1789 nicht errungen; ohne Kampf, Leid und Opfer wird ihre Weiterexistenz im Zeitalter der Globalisierung nicht sichergestellt werden können.

Alle aktuellen Aufrufe, niemals von dieser grossartigen Errungenschaft der Zivilisation abzurücken, sind wichtig, verständlich und nachvollziehbar. Aber bedeutet die Meinungsfreiheit auch, dass sie immer und unter allen Umständen um- und durchgesetzt werden soll – quasi als Folge eines säkularen Fundamentalismus? Führt die Überlegenheit der westlichen Rationalität nicht auch zu einer fatalen Betriebsblindheit in der Praxis?

Pragmatischer Umgang

Die Freiheit der Meinungsäusserung kann auch darin bestehen, in sensiblen Fällen auf sie zu verzichten (etwa auf den Abdruck von diffamierenden oder schlechten Mohammed-Karikaturen). Im Alltag machen wir das ja dauernd. Wir verhalten uns anders, als wir eigentlich möchten – aus Rücksicht auf andere Menschen. An Familienfesten etwa halten wir uns mit gezielten Bemerkungen über unliebsame Verwandte zurück. Und in schwierigen oder brenzligen Situationen nehmen wir uns die Freiheit zu schweigen. Wieso wenden wir das, was sich pragmatisch im Kleinen bewährt, nicht auch bei politisch, ideologisch oder religiös explosiv aufgeladenen Konstellationen an? Und wenn es ums Prinzip geht, wo ist dann die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Die Freiheit ist dann besonders stark, wenn sie sich selbstreflexiv verhält, das heisst, wenn sie sich die Freiheit nimmt, sich kritisch zu hinterfragen oder zurückzunehmen – ganz nach der utilitaristischen Überlegung: Was bringt es, wenn ich diese oder jene Provokation lostrete? Für wen oder gegen wen mache ich das eigentlich? Und wenn ich darauf verzichte, verliere ich dann damit den kostbaren Spielraum der Freiheit für dieses eine Mal – oder für immer?

Kampf der westlichen Werte

Die Freiheit, die ich meine, unterwirft sich freiwillig dem «Prinzip Verantwortung», das der jüdische Philosoph Hans Jonas ausformuliert hat. Dieses Prinzip kann für ein Kollektiv in bestimmten Situationen durchaus das höhere Gut als die Freiheit darstellen. So kann die Verantwortungsethik auch Individuen in die Pflicht nehmen, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben haben. Neben dem «Kampf der Kulturen» gibt es auch einen Wettbewerb der westlichen Werte untereinander. Ein blosses Pochen auf die Freiheit der Meinungsäusserung wird die zunehmenden Konflikte nicht lösen, die auf unsere Migrationsgesellschaften in naher Zukunft zukommen werden.

Wer für eine besonnene, wohl überlegte Beschränkung des unbedingten Freiheitswillens einsteht, ist weder ein Terroristenversteher noch ein Antiaufklärer: Es geht vielmehr um einen vernünftigen, praxisnahen Umgang mit einem raren Gut, dem mit selbstbewussten pathetischen Parolen sowohl aus linken als auch rechten Kreisen nicht gedient ist. Überlegenheit besteht mitunter darin, sie nicht zu zeigen; sie immerzu zeigen zu wollen, ist kein Zeichen der Stärke.

Im vollen Bewusstsein um die Wichtigkeit der Meinungs- und Pressefreiheit gilt es immer wieder zu fragen, was oder wen ich mit meiner Meinung meine – ist es eine Geste, die sich der eigenen Stärke vergewissert oder ein Akt der Aufklärung, an dem kein Weg vorbeiführt?

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.01.2015, 20:31 Uhr

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