Wachsende Besorgnis bei Schweizer Juden

Nach den Anschlägen in Paris sind auch Schweizer Juden besorgt. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund spricht von einer «erhöhten Wachsamkeit».

Über 200 Personen fanden sich am Sonntag vor dem Supermarkt Koscher City in Zürich-Wiedikon ein, um gegen den Anschlag in Paris zu demonstrieren. Foto (Archiv): Sophie Stieger

Über 200 Personen fanden sich am Sonntag vor dem Supermarkt Koscher City in Zürich-Wiedikon ein, um gegen den Anschlag in Paris zu demonstrieren. Foto (Archiv): Sophie Stieger

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Die Anschläge von Paris haben die jüdische Gemeinschaft in Frankreich besonders erschüttert. Wie bei den Attentaten auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012 und das jüdische Museum in Brüssel 2014 mit jeweils vier Toten starben im Koscher-Supermarkt in Paris vier Personen, nur weil sie Juden waren oder sich in jüdischen Gebäuden aufhielten. Laut dem jüdischen Wochenmagazin «Tachles» können sich Juden in Frankreich kaum noch mit einer Kippa auf der Strasse zeigen und ihre Kinder kaum mehr in öffentliche Schulen schicken, weil sie dort angefeindet werden. Letztes Jahr sind 7000 Juden aus Frankreich nach Israel ausgewandert – so viele wie nie zuvor.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu rief die jüdische Bevölkerung denn auch zum Auswandern auf. «Ich will den französischen ­Juden sagen: Israel ist euer Heim», ­erklärte er laut Medienberichten. Ein Ministerausschuss werde diese Woche darüber beraten, wie man Juden aus Frankreich und Europa zur Einwanderung nach Israel ermutigen könne.

Keine französischen Verhältnisse

In der Schweiz herrschen keine französischen Verhältnisse. Aber die Sorge ­unter den Juden sei gross, sagt Shella Kertész, Co-Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Vor allem im letzten Sommer sei infolge des Gazakriegs auf Social-Media-Kanälen ­gegen Juden gehetzt worden. «Nach den Anschlägen in Paris sind wir im Austausch mit den Behörden und prüfen, ob wir unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken müssen», sagt Kertész. Sie hätte nie gedacht, dass die jüdische Nachkriegsgeneration in Europa wieder solche Gewalt erleben müsse.

Gleichzeitig betont Kertész, dass sie die Toten von Paris nicht in jüdische und nichtjüdische Opfer auseinanderdivi­dieren wolle: «Wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen und gemeinsam gegen den Extremismus antreten.» Ihr sei zudem nicht bekannt, dass es in letzter Zeit zu einer verstärkten Auswanderung von Schweizer Juden nach Israel gekommen sei.

Aus Angst nicht zur Kundgebung

«Es wäre naiv, zu glauben, die Schweiz sei eine Insel, wo so etwas wie in Paris nie geschehen könne», sagt die Zürcher FDP-Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel. Sie hat am Sonntag zu einer Kund­gebung im Gedenken an die Opfer von Paris aufgerufen. Über 200 Personen fanden sich vor dem Koscher City in Zürich-Wiedikon ein. «Je suis juif – ich bin Jude» stand auf den meisten Schildern. André ­Bollag, Co-Präsident der ICZ, wunderte sich, dass so viele den Mut hatten, sich offen vor den Koscher-Markt zu stellen. Laut Rueff-Frenkel wollten eigentlich noch mehr Personen zur Kundgebung kommen. «Verschiedene haben jedoch abgesagt, weil sie Angst hatten.» Die Sorge in der jüdischen Bevölkerung sei gewachsen.

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen ­Gemeindebundes, spricht auch auf ­nationaler Ebene von einer «erhöhten Wachsamkeit» unter den Schweizer ­Juden. Ob vor Synagogen oder jüdischen Einrichtungen besondere Vorkehrungen getroffen worden sind, sagt er aus ­Sicherheitsgründen jedoch nicht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.01.2015, 21:34 Uhr)

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