«Wir haben ‹Charlie Hebdo› getötet»: Das Protokoll des Attentats

Was hat sich in der Redaktion des Satiremagazins ereignet? Wieso verirrten sich die Täter? Und wie kam die Polizei ihnen auf die Spur? Der Versuch einer Rekonstruktion.

Terroristisches Exekutionskommando: Die Täter bevor und nachdem sie den Polizisten erschiessen.

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Bei dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» sterben insgesamt zwölf Menschen, mindestens zehn weitere werden verletzt. Vieles ist noch immer unklar. Auch die Rolle des 18-Jährigen, der sich der Polizei gestellt hat. Neben den Behörden versuchen auch die Medien, die zeitlichen Abläufe des Attentats nachzuvollziehen. Auf den Rekonstruktionen von «Le Monde» und «Le Figaro» basiert dieser Beitrag.

Es schien zunächst wie jeden Mittwoch in der Redaktion von «Charlie Hebdo» an der Rue Nicolas Appert Nummer 10. Es ist 10.30 Uhr. Redaktionssitzung.

Die Journalisten scherzen, besprechen Themen – immer wie beobachtet von den an der Wand hängenden Titelbildern ihres Magazins. Über diese dürften sich viele geärgert haben: Nicolas Sarkozy, Marine Le Pen, Papst Benedikt und Fanatiker fast aller Religionen. Hier gibt es keine Tabuthemen. Ausser eines: die Kaffeemaschine, denn sie funktioniert nie.

«Wo ist Charlie Hebdo?»

Die Journalisten können nicht ahnen, dass nebenan im Haus Nummer 6 zwei vermummte, mit Kalaschnikows bewaffnete Männer nach ihnen suchen. Doch in dem Gebäude sind nur ein Postbote und ein Mann, der den Brief entgegennehmen will. «Wo ist Charlie Hebdo?» Einer der Attentäter schiesst in die Glastür eines Büros. Eine Frau kommt heraus.

Die Täter erkennen: Sie sind falsch. Sie gehen zur Nummer 10. Hier ist die Redaktion erst seit Mitte 2014 ansässig. Sie treffen zwei Reinigungskräfte, fragen wieder: «Wo ist Charlie Hebdo?» Nach der Antwort erschiessen sie einen Mann.

Dann sehen sie Corinne Rey alias Coco im Treppenhaus. Sie arbeitet als Karikaturistin auch für das Westschweizer Satiremagazin «Vigousse». Die Täter nehmen Coco als Geisel. Sie versucht, die beiden in den dritten Stock zu leiten, wo die Redaktion nicht sitzt. Das Täuschungsmanöver misslingt. Zweiter Stock: Coco tippt schliesslich den Zugangscode in das Lesegerät der Tür – bedroht mit Waffen. Nun ist der Weg zu den Räumen der Redaktion frei.

«Charb?» – Dann ist Charbonnier tot

11.30 Uhr. Die Sitzung läuft seit einer Stunde. Als die Attentäter im Raum stehen, verstummt das lebhafte Geplapper. Einer der Terroristen fragt: «Charb?» Er meint Stéphane Charbonnier, den Chefredaktor. Schüsse fallen. Angeblich rufen die Brüder die Journalisten mit Namen auf, bevor sie diese umbringen. Coco kann sich unter einem Tisch verstecken. Jemand setzt einen Notruf ab. Anderen Mitarbeitern gelingt die Flucht übers Dach bis auf das Nachbargebäude.

Zehn Menschen werden bei dem fünf- bis zehnminütigen Massaker in der Redaktion getötet. Doch es wird noch einer folgen. In der Nähe des Boulevards Richard Lenoir liefern sich die Brüder einen Schusswechsel mit Polizisten. Kugeln durchlöchern Polizeiautos. Ein Streifschuss verletzt einen Polizisten, er fällt auf das Trottoir. Einer der Terroristen geht zu ihm. Dann soll sich folgender Wortwechsel ereignet haben: «Willst du uns töten?» – «Nein, ist schon gut Chef.» Der Schutzpolizist Ahmed Merabet stirbt – aus kurzer Distanz hingerichtet.

Die Kouachi-Brüder joggen zurück zum schwarzen Citroën C3 – fast schon gemächlich, ohne Panik. «Wir haben den Propheten gerächt!»; «Wir haben ‹Charlie Hebdo› getötet!». Einer hebt einen Schuh auf, bevor er ins Auto steigt. Einer verliert einen schwarzen Handschuh, den die Polizei später finden wird. Sie fliehen Richtung Norden, stossen mit einem Volkswagen Touran zusammen. Die Fahrerin wird leicht verletzt.

In der Rue de Meaux lassen sie ihren Wagen stehen. Die Attentäter zwingen einen Mann aus seinem grauen Rénault Clio und flüchten mit dem Auto. Die Polizei wird später in dem Citroën einige Sachen finden. Darunter: Ein leeres Kalaschnikow-Magazin und eine Identitätskarte. Seitdem sucht Frankreich unermüdlich nach den Brüdern Saïd und Chérif Kouachi.

So flüchteten die Attentäter durch Paris: Smartphone-User: Für die interaktive Grafik klicken Sie bitte auf diesen Link. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2015, 22:35 Uhr)

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